Kleine Schritte

Indien Vor zwei Jahren erschütterte eine brutale Vergewaltigung das Land. Was hat sich seitdem getan?
Katharina Finke | Ausgabe 03/2015 1

Seit zwei Jahren verbindet die Welt mit Indien vor allem eins: Vergewaltigungen. Seit jener stundenlangen Gruppenvergewaltigung an einer Studentin in einem Bus in Neu-Delhi, an deren Folgen die junge Frau wenige Tage darauf starb. Die besondere Grausamkeit der Tat rüttelte den Subkontinent im Dezember 2012 auf, sorgte weltweit für Schlagzeilen und löste wochenlange Massenproteste gegen die Gewalt an Frauen aus. Was ist seitdem passiert? Haben das Entsetzen und die Demonstrationen das Land verändert?

„Hang the rapist“ steht auf den Shirts einer Gruppe von jungen Leuten, die sich im Zentrum von Neu-Delhi versammelt haben. An einem Baum haben sie symbolisch Stricke zum Hängen befestigt. An diesem 16. Dezember haben sich viele Menschen im Zentrum der Stadt auf dem Jantar Mantar versammelt, dem Hauptprotestplatz Indiens. Am zweiten Jahrestag der Vergewaltigung wollen sie auf die Missstände aufmerksam machen: Denn nach wie vor wird in Indien alle 20 Minuten eine Frau vergewaltigt. Und auch wenn die Zahl der polizeilich gemeldeten Vergewaltigungen steigt, trauen sich nur die wenigsten Frauen überhaupt, die Übergriffe anzuzeigen, weil sie Angst vor sozialer Ächtung haben. So kommen immer noch nur wenige Fälle an die Öffentlichkeit, geschweige denn vor Gericht.

Und das, obwohl die Strafen für sexuelle Gewalt seit 2013 verschärft wurden, was die Mehrheit der Bevölkerung in Umfragen auch befürwortet. Auf Vergewaltigung mit Todesfolge steht die Todesstrafe. Zu dieser wurden im September 2013 auch vier der Täter der Gruppenvergewaltigung verurteilt, ein damals 17-Jähriger bekam in einem separaten Prozess das Urteil drei Jahre Jugendarrest.

Ebenfalls zum Tod verurteilt wurden die Männer, die ein Jahr später eine Fotografin in Mumbai missbrauchten und töteten. Eine abschreckende Wirkung, das zeigen aber Kriminalstatistiken weltweit, hat die Todesstrafe dauerhaft nicht. Und so kritisiert sie auch die indische Frauenrechtsaktivistin Nandini Rao: „Die Todesstrafe kann nicht die Lösung sein.“ Bei den meisten Vergewaltigungsfällen, die keine Medienaufmerksamkeit bekommen, würden die verhängten Haftstrafen auch sehr gering ausfallen.

Erst vor kurzem hat eine weitere Vergewaltigung aber wieder große Medienaufmerksamkeit in Neu-Delhi bekommen: Fast genau zwei Jahre nach jener im Bus missbrauchte ein Uber-Fahrer eine Frau, die bei ihm als Fahrgast eingestiegen war. Die Wut richtete sich im Anschluss auch gegen den Fahrgastvermittlungsdienst. Die Regierung reagierte mit einem Verbot von Uber und es begann eine Diskussion darüber, wie man mit Drohnen die Sicherheit in der indischen Hauptstadt verbessern könnte.

Nandini Rao, die selbst in Neu-Delhi lebt, kritisiert, dass diese Reaktionen am Kern der Sache vorbeigingen: „Nur die wenigsten Täter sind Fremde.“ Denn laut Statistik finden in Indien 98 Prozent aller Vergewaltigungen im häuslichen Umfeld, im Familien- und Freundeskreis statt. „Genau dort beginnen die Probleme“, sagt die 47-Jährige. „Denn das sind patriarchale Strukturen, die für beide Geschlechter entscheiden, was richtig und was falsch ist.“

Immer mehr junge Leute wollen sich das nicht mehr gefallen lassen. Der Dezember 2012 hat dazu beigetragen, dass junge Frauen in der Öffentlichkeit verstärkt für ihre Rechte eintreten, unterstützt von jungen Männern. Es protestiert nicht mehr nur ein harter Kern von Dauerdemonstranten, und die Schauplätze sind oft auch nicht mehr die klassischen Orte.

#kissoflove

Ein gutes Beispiel für neue Formen des Protests ist #kissoflove, eine Kampagne, die im November im südindischen Staat Kerala startete. Aktivisten riefen online dazu auf, sich öffentlich zu küssen. Als Zeichen gegen die strengen Moralvorstellungen und das Vorgehen der Polizei zu deren Einhaltung, denn in Indien werden vor allem Frauen immer noch abgestraft, wenn sie in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten mit ihrem Partner austauschen. Einige Aktivistinnen und Aktivisten wurden dann auch verhaftet. Die Gruppe machte aber weiter und fand neue Anhänger. Es gab weitere #kissoflove-Proteste in Kalkutta, Hyderabad, Mumbai und Neu-Delhi, inklusive weiterer Festnahmen.

„Ich hatte Angst, hinzugehen, weil es auf der Facebook-Seite zuvor bereits anonyme Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gab“, sagt Pankhuri Zaheer, eine Studentin, die in Neu-Delhi #kissoflove mit ins Leben gerufen hat. „400 Leute sind gekommen, viele Studenten, aber auch Professoren, Anwälte und andere Angestellte“, erzählt Mitorganisator Prakti Ali. Ziel des Protests war das Büro der Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), einer radikalen hinduistischen Freiwilligenorganisation, die großen Einfluss auf die Regierung hat. „Die Polizei wollte mich verhaften“, sagt Zaheer. „Aber die Demonstranten haben mich verteidigt, dabei kannte ich viele von ihnen nicht einmal.“

Nicht von allen Seiten bekam Zaheer Unterstützung, im Gegenteil. „Die RSS provozierte uns mit: ‚Liebe ist okay, nur nicht in der Öffentlichkeit‘“, erzählt die 26-Jährige. „Aber nicht nur der rechte Flügel der Organisation, auch die Linke zeigte uns die kalte Schulter.“ Der Grund dafür sei, dass die politischen Lager sehr konservativ organisiert seien und strikt an ihrem Programm festhielten. Kritisiert an den Protesten wurde jedoch auch, dass #kissoflove mit seiner hohen Studentenquote nur von und für Privilegierte sei. „Aber irgendwo muss jede Veränderung ja anfangen.“

„Das Küssen hat dort wehgetan, wo es sollte“, sagt Zaheer stolz. Dennoch haben sie und ihre Mitstreiter gelernt, dass die Beschränkung auf öffentliche Küsse sie beim Kampf um mehr Geschlechtergleichheit auch einschränkt. „Oktroyierte Moralvorstellungen kann man nicht isoliert betrachten“, sagt Zaheer. Es gehe um mehr als nur Küssen. „Wir haben auch Hochzeiten von Paaren aus verschiedenen Kasten unterstützt und protestieren gegen Gewalt in der Ehe sowie Diskriminierung von Frauen aufgrund von religiösem Fundamentalismus.“

Die #kissoflove-Leute in Kerala, die die Bewegung gestartet hatten, haben sich der Diskriminierung von Frauen mit einer neuen, bewusst besonders provokanten Aktion gewidmet. Der Name: Red Alert – you have a napkin (etwa: Roter Alarm – Sie haben eine Binde bekommen). Im Internet rufen sie dazu auf, benutzte und unbenutzte Einlagen an eine Fabrik zu senden, bei der die Mitarbeiterinnen diskriminiert werden, wenn sie ihre Tage haben. Denn Frauen, die ihre Periode haben, gelten konservativen Hindus als „unrein“. Sie sind in dieser Zeit an bestimmten Orten nicht erlaubt. Dazu gehören auch Tempel und öffentliche Busse, aus denen sie auch mal während der Fahrt geworfen werden.

Mehr Feministen

Bindenverschicken und öffentliches Küssen sind nicht die einzigen neuen Protestaktionen. Einige fahren für Geschlechtergleichheit auch Fahrrad wie bei „Ride for Gender Freedom“. Andere singen und tanzen wie zahlreiche Frauengruppen in Neu-Delhi, die zum Jahreswechsel forderten: „Take back the night!“ Frauen sollten sich nachts genauso wie tagsüber ohne Angst durch die Stadt bewegen können. Der Protest ziele jedoch nicht nur auf die Sicherheit von Frauen, sondern auch auf ihre Unabhängigkeit. „Bisher wird das überhaupt nicht von ihnen erwartet“, sagt Rao, die in bei den Aktionen selbst dabei war. „Und das ist ein großes Problem.“

Wie lässt sich das ändern? In einem Land, in dem Politiker mitunter Handys für Vergewaltigungen verantwortlich machen oder auch sagen, diese Verbrechen passierten „versehentlich“? In einem Land, in dem im Netz Videos kursieren, die sich über die nicht vorhandene oder absurde indische Sexualkunde lustig machen, weil Sex ein absolutes Tabu in der Öffentlichkeit ist?

Die Antwort von Rao lautet: Es muss ein neues Bewusstsein für die Probleme entstehen. „Wir müssen alle Menschen dafür sensibilisieren und das dann auch wirklich in die Tat umsetzen.“ Mit verschiedenen Trainingskursen versucht sie, daran mitzuarbeiten. „Je schneller sich etwas ändert, desto besser.“

Die beiden Studenten von #kissoflove glauben fest daran, dass sich die Gesellschaft wandeln wird. Und dass es dazu keine Alternative gibt. Ali findet, es sollte noch mehr Feministen wie ihn geben. „Denn das Patriarchat ist nicht nur unmenschlich gegenüber Frauen, sondern auch gegenüber Männern.“ Und Zaheer fügt hinzu: „Es muss noch viel getan werden, aber der Dialog und der Protest haben begonnen.“

06:00 28.01.2015
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