Deutschland - Paradies für Transsexuelle?

Rechte in Deutschland Erst war sie ein Junge, jetzt ist Gigi Spelsberg eine Frau.
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Obwohl der Weg dorthin ein langer Prozess war, hat sie nun alle Papiere, angefangen von ihrer Geburtsurkunde bis zu den Ausweisen und Karten. Doch der Weg dorthin war nicht einfach.

Es gibt drei Übergänge von einem Geschlecht zum anderen

Die Geschlechtsumwandlung vollzieht sich in drei Schritten. Zunächst erfolgt die hormonelle Angleichung. Danach erfolgt die Operation und die Namensänderung. Für viele ist die Namensänderung der wichtigste Weg und jeder ist stolz, mit dem richtigen Vornamen und dem richtigen Geschlecht angeredet zu werden. So erging es auch Gigi Spelsberg. Post, die noch an ihren alten Namen andressiert war, hatte sie erst gar nicht geöffnet. Für die meisten ist der Antrag für neue Papiere die größte Hürde, besonders wenn es um den Personalausweis und den Reisepass geht. Am Beispiel von Frau Spelberg zeigt sich aber, dass auch die Behörden durchaus menschlich reagieren können. Der Sachbearbeiter bei der Behörde hatte die Daten im Nu geändert. Wenige Wochen später konnte sie ihre neuen Ausweispapiere abholen und von da an auch Flüge buchen, Behördengänge erledigen oder Arztbesuche machen.

Die große Freiheit in Deutschland

In Deutschland genießen Transsexuelle eine große Freiheit. Ähnlich ergeht es den Menschen in den Niederlanden und in Skandinavien. Die Kassen in Deutschland zahlen 18 Monate Therapie. Eine geschlechtsangleichende Operation wird zum großen Teil übernommen. Diese Freiheiten gibt es jedoch noch nicht lange. Bis 2009 galten Transsexuelle noch als psychisch krank. Erst seit 2012 muss eine Geschlechtsangleichung nicht mehr vor der Namensänderung gemacht werden. Das hatte dazu geführt, dass sich viele Menschen vor der Namensänderung operieren ließen, später aber damit total unglücklich waren.

Unwissenheit schürt Hass und Vorurteile

In Deutschland gelten die Rechte für Homosexuelle oder Transgender als selbstverständlich. Doch ist vielen Ländern ist das nicht so. Es gibt leider Länder, in denen diese Menschen unter Verfolgung leiden und sogar getötet werden. Schwule und Lesben haben ihren Platz in der Gesellschaft bereits gefunden. Transsexuelle sind dort noch lange nicht angekommen. Es gibt weder eine Transszene, noch einen richtigen Zusammenhalt. Nur nicht auffallen, heißt noch immer die Devise. Doch leider kann diese so mühsam gewonnene Freiheit schnell vorbei sein. Schuld daran sind die rechten Gruppierungen, die alles von heute auf morgen wieder zunichte machen können. Dazu müssen diese Kräften noch nicht einmal in der Regierung sitzen. Es reichen Sitze in den Parlamenten aus, um Gesetze zu blockieren. Sollten diese Rechtspopulisten mehr Macht bekommen, dann können viele Menschen einpacken. Jeder Mensch, der anders aussieht oder anders denkt, wird es dann sehr schwer haben. Die Privilegien, die Schwule, Lesben oder Transsexuelle heute haben, wären mit einem Schlag weg. Die Rückkehr zum rückständigen Frauenbild wäre dann an der Tagesordnung. Viele Wähler dieser Rechtsparteien wissen gar nicht, dass solche Menschen überhaupt existieren. Hier wäre Aufklärungsarbeit von Nöten. Das ist auch der Grund, warum sich so viele Transsexuelle noch immer verstecken.

Gigi Spelsberg arbeitet heute als Schauspielerin. Doch für sie ist es nicht einfach, weil sie immer noch kein richtiges "Passing" hat. Das bedeutet, dass die Menschen an einem vorbeigehen, ohne das Transsexuelle zu bemerken. Das wirkt sich auch auf ihr Filmangebot aus, denn sie bekommt eher Rollen, in denen sie exotische Figuren im Nachleben spielen muss. Dabei wünscht sie sich auch mal eine Rolle als Mutter von drei Kindern.

Über ein Jahr in Krankenhäusern

Gigi Spelsberg hat über ein Jahr in Krankenhäusern zwecks Wundheilung verbracht. Dabei hat sie gelernt, Geduld zu haben. Nur so hat sie gelernt, dass nichts unmöglich ist. Rund 15 Jahre lang war sie Kettenraucherin, dann hat sie nach der Geschlechtsangleichung acht Monate gar nicht geraucht. So hat sie gelernt, dass alles möglich ist. Trotzdem gibt es noch Momente, in denen ihr die gute Laune vergeht. So zum Beispiel an der Kasse des Supermarktes, wenn die Kassierer(in) sagt: "Der Herr ist dran".

Manchmal denkt sie, dass sie endlich die Frau in sich gefunden hat. Doch dieser Weg ist ein langer Prozess. Der Ausdruck und der Geschmack ändern sich zwar, dennoch ist es zunächst ein Herantasten. Einmal hat eine Freundin zu ihr gesagt, dass sie kein neonfarbenes Kleidungsstück unter einer transparenten Bluse tragen kann. So erlebt sie eine neue, zweite Pubertät im Zeitraffer. Zu ihrem 13-jährigen Selbst würde Sie sagen, dass es Geduld haben muss. Heute ist man 13, morgen schon 40. Heute ist sie froh um ihre Geschichte, denn erst durch den 13 jährigen Jungen von damals ist sie heute die Frau Anfang 40. Ohne diesen Jungen würde es sie heute nicht geben.

23:43 07.08.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Katharina Sophie Hübener

Befinde mich im vorletzten Semester BWL, interessiere mich und schreibe leidenschaftlich zu gesellschaft-wirtschaftlichen Themen.
Katharina Sophie Hübener

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