Ursula von der Leyen gewinnt Europa

Europapolitik Die Stimmung im Parlament wird von Ursula von der Leyen und ihren Vertrauten um 6:30 Uhr am Morgen, während eines Frühstücks im Hilton-Hotel, diskutiert
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Die Delegation von Ursula von der Leyen ist nervös. Die Rede ist nun der entscheidende Punkt. Bis weit nach Mitternacht hat sie jeden Tag an dem Manuskript gearbeitet. Dabei ging es immer um das Endergebnis, ob sie nun die mächtigste Frau Europas wird oder einfach nur eine gescheiterte Kandidatin bleibt.

Ihr Ehemann und ihre Kinder wünschen ihr natürlich auf dem Weg in das Parlament viel Glück. Sie werden das Geschehen in Brüssel von Deutschland aus verfolgen. Um 9:09 Uhr beginnt von der Leyen mit Ihrer Rede: „Es erfüllt mich mit Stolz, sagen zu können, dass endlich wieder eine Frau als Kandidatin antritt!“. Die Rede beginnt sie auf Französisch, danach in Deutsch und am Ende in Englisch. In ihrer Rede dreht es sich um ihre eigene Geschichte in Brüssel, wo sie auch geboren wurde, um ihre Kinder und ihre Arbeit als Ärztin. Auch ihr Vater Ernst Albrecht, der ein Beschwörer der EU war, fand in ihrer Rede Platz. Passend zu den väterlichen Geschichten über den zweiten Weltkrieg fügt von der Leyen in ihrer Rede hinzu: „Die Gründungsväter und -mütter Europas haben aus den Trümmern und der Asche der Weltkriege ein gewaltiges Werk errichtet. Frieden. Wer Europa spalten und schwächen will, findet in mir eine erbitterte Gegnerin.“.

Vor Freude und Aufregung zittert die Stimme von Ursula von der Leyen. Um 9:41 Uhr beendet Ursula von der Leyen vor dem Europäischen Parlament ihre emotionale Rede mit den Worten: „Es ist das Kostbarste, was wir haben: Es lebe Europa, vive l‘Europe, long live Europe“.

Viele Themen, die sie in ihrer Rede aufgriff, erinnerten eher an Themengebiete von den Sozialdemokraten oder den Grünen. Ein Versprechen gibt sie für das Thema der Migrations-Politik, mehr Klimaschutz in Europa, Kampf gegen die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen und ein Mindestlohn in Europa. Am Schluss ihrer Rede scheint ihre Strategie Erfolg gehabt zu haben. Denn nicht nur die Sozialdemokraten applaudieren, sondern auch die Grünen und die Konservativen.

Die Entscheidung

Nach zehn langen Stunden dann die Gewissheit: Die Abgeordneten sind von ihr überzeugt. Mit 383 Ja-Stimmen zu 327 Nein-Stimmen hat es von der Leyen in das Amt als Kommissions-Präsidentin geschafft. Es folgt eine kleine Dankesrede und darauf eine überschwängliche Umarmung für die bisherige EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini. Anschließend ist Ursula von der Leyen in den Armen Ihres Kollegen David McAllister aus der CDU zu finden. Dieser gratuliert mit den Worten: „Ich gratuliere Dir von Herzen, Ursula!“.

Die Erleichterung sieht man ihr direkt an. Es seien „die intensivsten zwei Wochen meines politischen Lebens“ gewesen, sagt sie.

Währenddessen wird im Europaparlament heiß diskutiert, ob eine Menge EVP-Abgeordneter mit einem "Nein" abgestimmt haben. Deren Begründung könnte eine Wut darüber sein, dass das Spitzenkandidaten-Prinzip missachtet wurde. Stolz äußert sich dazu Jens Geier, Chef der deutschen SPD-Politiker im Europaparlament, und gibt an: „Die SPD im Europaparlament hat mit 16:0 gegen Von der Leyen gestimmt!“.

Konsequenzen für die SPD

Doch für die SPD droht durch deren Ablehnung nun ein Nachspiel. Es wird dazu ein Gespräch mit der CDU-Chefin, Annegret Kramp-Karrenbauer, und den Sozialdemokraten geben. Kramp-Karrenbauer äußerte sich zu dem Thema folgendermaßen: „Die Sozialdemokraten müssen jetzt den Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland erklären, warum sie an diesem Tag für jemanden aus der eigenen Regierung, aus der großen Koalition nicht die Hand heben konnten. Mir erschließen sich die Beweggründe nicht, ich glaube, vielen Menschen in Deutschland auch nicht“.

Der Sieg für von der Leyen war aber keinesfalls selbstverständlich, denn das Ergebnis war ein knappes Ergebnis. Die Gefühlslage war am Morgen bei vielen Abgeordneten im Gesicht abzulesen, so auch bei Manfred Weber. Die Enttäuschung ist Weber im Gesicht anzusehen. Ein EVP-Abgeordneter flüstert: „Wir sind betrogen worden, machen wir jetzt das Beste draus“.

21:42 28.07.2019
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Geschrieben von

Katharina Sophie Hübener

Befinde mich im vorletzten Semester BWL, interessiere mich und schreibe leidenschaftlich zu gesellschaft-wirtschaftlichen Themen.
Katharina Sophie Hübener

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