Der gute Nachbar Sensenmann

Totentanz Am Frühstückstisch sterben ist wie ein Fünfer im Lotto, oder: Es gibt gute und schlechte Arten, aus dem Leben zu treten. In der Altmark sind die Menschen Experten dafür

Im Dorf wird anders gestorben. Der Tod kommt als Nachricht in die Häuser, noch bevor er in der Zeitung annonciert werden kann. „Hast du gehört“, sagen die Leute. „Schulz, der alte Schulz, ist tot. Gestern im Stall umgefallen. Wollte noch ausmisten und da hat es ihn gelegt. Jetzt können die Söhne endlich tun und lassen, was sie wollen. Und die Schulzen hat gesagt, ihr wird nichts fehlen, wenn sie nicht mehr jeden Morgen um fünf raus muss zu den Tieren.“

Das sagen die Leute und dann passen sie auf, dass die Söhne vom Schulz und die Witwe Schulz alles richtig machen mit dem Tod. Die Anzeige in der Zeitung muss passend klingen und gut aussehen, und das Begräbnis hat zu sein, wie es erwartet wird. Ebenso der Leichenschmaus. So war es lange, und so wird es noch eine Weile bleiben.

Sie wussten es schon immer

Der Leichenschmaus kommt aus der Mikrowelle. Im Gasthof regiert die Technik und schafft Vierhunderteurojobs. Den Leuten schmeckt‘s und solange die Hochzeitssuppe wie eh und je auf den Tisch kommt, ist es gut. Die gehört zur Altmark wie nichts anderes.

Später dann, wenn der Schulz schon längst unter der Erde liegt, werden die Alten im Dorf schauen, ob sich jemand gut ums Grab kümmert. Einmal in der Woche muss Hand angelegt werden. Daran lässt sich ablesen, wie man es mit der Arbeit hält. „Der oder die“, sagen die Leute, wenn das Grab einen ungepflegten Eindruck macht, „hat die Arbeit nicht erfunden.“ Und dann fällt ihnen ein, dass sie das schon immer wussten. Hatte nicht der oder die früher schon manchmal am helllichten Tag vor dem Haus auf der Bank gesessen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen? Als ob es nichts zu tun gäbe.

Grete wohnt im Altmarkdorf, seit der Krieg verloren ist. Sie ist damals auf einem Fuhrwerk hierher gekommen, sprach Polnisch und Deutsch und besaß nur das, was sie auf dem Leib trug. Ein bisschen Bettzeug noch dazu und ein Ölgemälde, das vielleicht einen Wert hatte, aber nicht zum Verkauf stand.

Der Tod ist der Beweis, dass das Dorf noch lebt

Von ihrem Haus aus kann Grete den Gang der Dinge beobachten. Ob er an Krücken geht oder den Rollator schiebt. Einen Kinderwagen sieht sie nicht mehr. Das Dorf ist ein Auslaufmodell. Die Leute gehen. Fort, wenn sie jung genug sind, und unter die Erde, wenn sie nicht mehr fortkommen oder sowieso für immer bleiben wollten.

Fritz, der Nachbar von Grete, lebt seit neunzig Jahren im Dorf. Er weiß noch, wie es gerochen hat, als er hier ankam. Nach einer warmen Mahlzeit und einer warmen Stube. Da war Fritz vier Jahre. Er kennt all die Toten auf dem Friedhof und seine Wege durchs Dorf werden immer kürzer. Manchmal redet er mit Grete drei Sätze, von denen zwei schon einmal gesagt worden sind. Aber wen interessiert das? Gegen die Einsamkeit hilft es ja doch. Fritz fährt einen Renault 5, der bringt ihn hin und wieder zum Fußball in den Nachbarort. Oder zu dreistelligen Geburtstagen, über die er dann einen kleinen Bericht für die Lokalzeitung schreibt. Fritz weiß, dass der Sensenmann ihn bald holen wird. In der Altmark glauben die wenigsten, dass diese Arbeit der Hergott übernimmt. Die Menschen glauben nicht, gehen aber trotzdem gern in die Kirche. In der Kirche kann man sehen, wer noch lebt und wem das Siechtum auf den Leib geschrieben ist.

Grete weiß, wer hier im Dorf wann und wie gestorben ist. Wenn heute etwas im Ort passiert, hat es fast immer mit dem Tod zu tun. Alltäglich und unvermeidlich war er schon immer. Heute ist er fast der einzige Beweis dafür, dass das Dorf noch lebt. Gretes Mann starb, da war sie gerade 50 Jahre alt. Sie kam von der Stallarbeit und fand ihn im Wohnzimmer auf dem Teppich liegend. Da war er schon zwei Stunden tot.

„Seitdem bin ich einsam“, sagt Grete manchmal. „Und am Anfang wollte ich hinterhersterben.“ Aber da waren die Kinder und die Schwiegereltern, die gepflegt werden mussten, und die Arbeit im Hühnerstall sollte auch getan werden. Grete ist nicht hinterhergestorben, sondern alt geworden. Hier im Dorf. Allein geblieben ist sie auch.

Die schlechten Tode gehen auf das Konto der Männer

Den schönsten Tod weiß Grete von einer Nachbarin zu berichten, die am südlichen Ende der Dorfstraße wohnte. Man fand die Frau am Frühstückstisch sitzend, vor einem Marmeladenbrot und einer Tasse Kaffee. Die rechte Hand hielt das Marmeladenbrot, als machte die Frau nur mal eine kleine Pause vor dem nächsten Happen Brot. Selbstgemachte Marmelade sei es gewesen, sagt Grete, und so zu sterben, das käme einem Fünfer im Lotto gleich. „Nicht mal mehr um den Abwasch muss man sich kümmern“, sagt sie, und lacht. Und anständig angezogen sei man auch, wenn man gefunden wird.

Das sind die guten Tode im altmärkischen Dorf. In jedem anderen wird es ähnlich sein. Ein paar Kilometer weiter nur beginnt das Wendland. In der Altmark sagen die Leute noch immer „der Westen“. Im Leben, so sehen sie es, sind die Unterschiede wunderbar groß geblieben. Man kann mit ihnen machen, was man will. So bleibt der Westen ein fremdes Land, das über einen gekommen ist, wie eine große Unvermeidlichkeit. Man muss sich arrangieren, aber daraus wächst dann keine Liebe.

Wenn in der Altmark etwas nicht läuft, wie es soll, sagen die Leute oft, daran ist der Wessi Schuld. Sie können es nicht lassen, schicken aber hinterher, dass sie es nicht böse meinen. Der Tod kommt auch im Wendland, wie es ihm gefällt. Und die Friedhöfe sehen dort nicht besser und nicht schöner aus. Das wissen die Leute in der Altmark und es beruhigt sie.

Die schlechten Tode kommen dort wie hier auf das Konto der Männer. Meist jedenfalls. Männer fallen betrunken in eine Biogasanlage, stürzen in die Häckselmaschine, weil ihnen ein Strohballen auf den Kopf fällt, jagen sich eine Kettensäge ins Bein oder lassen sich von einem wilden Schwein im Maisfeld aufgabeln und zu Tode trampeln. Sie fahren in einer scharfen Rechtskurve einfach geradeaus weiter, mit einskommafünf Promille im Blut und Holz für ein neues Gatter auf der Ladefläche des Pickup.

Man schätzt es, wenn ­Selbstmörder reinlich sind

Anderen ist der goldene Boden abhanden gekommen. Ihr Handwerk hat Konkurrenz in der Kreisstadt gefunden, wo Hagebau und Obi noch jede Bedienungsanleitung vorrätig haben und die schwierigen Handgriffe mit Wunderdingen kinderleicht gemacht haben. Ein Putz lässt sich nun linkshändig und mit Quaste auftragen und ein Carport gibt es fertig zu kaufen.

Der Dachdecker aus Gretes Nachbardorf nimmt im Herbst 2008 sein Jagdgewehr, steigt in die Badewanne und schießt sich in den Mund. Er schreibt keinen Abschiedsbrief und regelt seine Angelegenheiten nicht, bevor er das tut. Seine Frau, die immer mit ihm Jagen gegangen ist und so manches gute Stück Wild erlegt hat, findet den Toten. „Das mit der Wanne“, sagt Grete, „hat der Dachdecker sicher aus Rücksicht gemacht.“

Die Leute auf dem Dorf sind nicht weicher und nicht härter als in der Stadt, aber sie wissen es zu schätzen, wenn sich jemand in der Wanne erschießt und nicht auf dem Teppichboden. So eine Wanne lässt sich reinigen und wieder benutzen.

Im anderen Nachbardorf hängt sich nur wenige Wochen später der Besitzer des Getränkeabholmarktes auf. Seine Frau betreibt eine Kneipe, zu der ein Saal gehört, in dem kann getanzt und gefeiert werden. Das Jahr ist schon fast am Ende seiner Tage angelangt, als der Sohn des Getränkeverkäufers den Vater erhängt auf dem Saal findet. Zwei Stunden, nachdem der Entschluss zu sterben gefasst und umgesetzt war. „Da muss er noch warm gewesen sein“, sagt Grete, und gruselt sich ein bisschen. Alle wollen wissen, wie er ausgesehen hat, der Tote, bei dem sie noch gestern einen Kasten Bier und eine Flasche Braunen kaufen konnten. Und Eierlikör für die Frau.

Diese Art zu gehen, sich genau da zu erhängen, wo das Geld zum Leben verdient wird, findet Grete eigennützig und schlecht. Wer wird jetzt noch in dem Saal tanzen wollen? Und dass ausgerechnet der eigene Junge ihn finden musste. „So etwas“, sagt Grete, „macht man nicht.“ Es könne immer einen ausreichenden Grund geben, Hand an sich zu legen, aber andere dürfen dabei nicht zu Schaden kommen. „Wäre er doch in den Wald gegangen“, sagt Grete. „Da gibt es ausreichend Bäume zum Erhängen.“

Grete will ordentlich angezogen sein, wenn der Tod sie ereilt

Der Getränkemarktbesitzer wird schnell unter die Erde gebracht und zu Silvester ist der Tanzsaal voll wie immer. Grete hat nicht gewusst, dass die Menschen hier nicht mehr an Wiedergänger glauben. Und dass sie neugierig sind auf einen Ort, den sich jemand zum Sterben ausgesucht hat. Er wollte wohl schnell gefunden werden, sagen die Leute, und tanzen ihre Runden durch den Saal.

In der Stadt kann es einem passieren, dass man nicht gefunden wird. Das Sterben kommt als Nachricht in die Zeitung. Manchmal noch bevor es irgendeinen erreicht, den es wirklich interessieren könnte. Grete schneidet eine Meldung aus der Zeitung, in der steht, dass in Berlins Mitte bei der Zwangsräumung einer Wohnung ein Skelett gefunden worden ist. Die Wohnung befindet sich im achten Stock eines Hochhauses auf der Fischerinsel. Grete kennt die Fischerinsel nicht. Sie war nur ein einziges Mal in ihrem neunzigjährigen Leben in Berlin. Und das ist lange her. Vielleicht gab es da auf der Fischerinsel noch gar keine Hochhäuser. Wer weiß.

Das Skelett saß im Wohnzimmer auf dem Sofa, als der Gerichtsvollzieher die Wohnung betrat, aus der er alles holen wollte, was zur Tilgung einer Schuld tauglich sein könnte. Die Knochen genügten als Beweis dafür, dass es den 62-jährigen Wohnungsbesitzer wirklich gegeben hatte. Kein Marmeladenbrot auf dem Wohnzimmertisch, keine Tasse Kaffee daneben, und ob der Tote anständig angezogen war, steht nicht in der Zeitungsmeldung, die Grete aufhebt, um sich zu beweisen, dass es gut ist, im Dorf zu wohnen, wo man gefunden wird, wenn man gestorben ist, noch bevor die Marmelade auf dem Brot schimmlig werden kann.

Grete erzählt die Geschichte vom Skelett auf der Couch allen, die sie im Dorf trifft. Der Bauer von schräg gegenüber sagt, „wahrscheinlich war das Fernsehprogramm so schlecht.“ Da sei dem Mann in der Berliner Hochhauswohnung dann einfach das Herz stehengeblieben. Aber dass er nicht gefunden wurde, findet auch der Bauer schlecht. Man will nicht als Skelett unter die Erde gebracht werden, sondern unversehrt und ein bisschen betrauert, wenn es geht.

Grete hat all ihre Angelegenheiten geregelt. Sie weiß, wo sie begraben wird und ist sich sicher, dass jemand sie rechtzeitig findet, sollte sie in ihrem Haus sterben. Rechtzeitig heißt, dass sie dann noch einen guten Eindruck macht und alles im Haus in Ordnung ist. „Der Kamm sollte nicht neben der Butter liegen“, sagt Grete und achtet darauf, dass sie jederzeit sterben kann, ohne sich für etwas schämen zu müssen. Dann hätte sich das Leben doch gelohnt, sagt sie.

Kathrin Gerlof, geboren 1962, lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin. 2008 erschien ihr Roman Teuermanns Schweigen (Aufbau)

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