Fragwürdig

Berliner Abende Ich bin mit dem Satz groß geworden, dass es auf der Welt keine dummen Fragen gibt. Das galt offensichtlich ausschließlich für sozialistische ...

Ich bin mit dem Satz groß geworden, dass es auf der Welt keine dummen Fragen gibt. Das galt offensichtlich ausschließlich für sozialistische Produktionsverhältnisse. In der Marktwirtschaft ist das Angebot an dummen Fragen ausreichend. Vor allem abends und am Telefon. Aber auch per Post kommen einer viele mit einem Fragezeichen versehene Blödheiten ins Haus, verbunden mit der Aufforderung, den Intellekt auf Null zu fahren und frisch drauflos zu antworten. Seit einiger Zeit zum Beispiel ist die Assekuranzmakler Aktiengesellschaft H. Kollegen (Name von der Autorin geändert) der Auffassung, ich hätte gerade mein drittes Staatsexamen abgelegt und sei nun eine Ärztin im Praktikum, die über Berufshaftpflichtversicherungen, Praxisversicherungen, Arzt-Kraftfahrtversicherungen, Fondsanlagen und Lebensversicherungen nachzudenken habe. Die angebotenen Produkte sind maßgeschneidert, das Abhandenkommen von dienstlichen Schlüsseln beispielsweise ist bis zu 15.000 Euro gedeckt und ich habe schon überlegt, meinem Bruder, der wirklich Arzt ist, zu empfehlen, den Vierkant für die Klotür im Ärztehaus zu verbummeln. Versicherung ist immer auch Versuchung.

Papier ist sicher geduldig, meine Tochter allerdings, die nach 17 Uhr das gemeinsame Telefon in ihrem Zimmer deponiert, weil sie der Auffassung ist, nur sie sei nun noch gefragt, ist es nicht und neigt dazu, meine Anwesenheit sofort zuzugeben, wenn am anderen Ende eine Umfrage angekündigt wird. Ich wiederum kann nicht nein sagen und lege mit dieser Bereitwilligkeit den Grundstein dafür, dass meine Telefonnummer inzwischen wahrscheinlich in den Zettelkästen und Datenbanken aller Callcenter dieses Landes rumlungert, um bei jeder sich bietenden Gelegenheit gewählt zu werden. In dieser Woche bin ich gefragt worden, ob ich ausreichend mit Nachschlagewerken versorgt bin, Lust auf eine günstige CD-Kollektion mit Musik der siebziger und achtziger Jahre hätte, mein Glück im Lotto versuchen möchte und der Meinung bin, dass ich zuviel Steuern bezahle. Niemand fragte, was ich von George Bush halte, obwohl ich genau darauf eine Antwort wüsste.

Nur ein einziges Mal ist mir in den vergangenen sieben Tagen ein Coup gelungen. Nach dem Einleitungstext »Guten Tag, mein Name ist Christian Radzewski, wir machen im Auftrag des - hier nuschelte der junge Mann - eine Umfrage zum Thema - hier habe ich nichts verstanden - hätten Sie wohl ein paar Minuten Zeit für die Beantwortung einiger Fragen«, traute ich mich zu antworten: »Auf ARTE läuft gerade King Kong.« Daraufhin murmelte Christian, den ich sofort ins Herz schloss, er müsse dann wohl auch schnell nach Hause und vor den Fernseher. Ich glaube, Christian ist noch nicht lange im Geschäft oder ein nützliches Glied der Gesellschaft.

Einwickeln lassen habe ich mich von René Maltenbrick, der mir einen Tag später eine zwanzigminütige Befragung aufschwatzte, in der es um Satellitenschüsseln, Kabelanschluss, Decoder, Pay-TV, Videotext, terrestrische Frequenzen, DVD-Player, Bildschirmgrößen, Fernbedienungen, Einkauf via Bildschirm, Homebanking via Bildschirm, Sex via - nein das bilde ich mir jetzt ein - ging. Zwanzig kostbare Minuten meines kleinen Lebens und ich habe zugestimmt, dass sie mir gestohlen werden. Nur weil René mir gleich zu Beginn anvertraute, dass er noch ganz neu im Geschäft sei und ich nicht Schuld am Scheitern einer Ich-AG sein wollte. Nur weil René aufgeregt war wie die Jungfrau im Angesicht des Heiligen Geistes, weil er etwas stotterte und bei jeder Antwort, die nicht in seinen XXL-Fragebogen passte, geradezu hörbar zu schwitzen anfing. Nur weil René mich anflehte, auch dann eine Antwort zu geben, wenn ich die Frage gar nicht verstanden hatte, wobei ich sicher war, dass René weder die Fragen noch die Antworten verstand.

Ich weiß, was nach diesen zwanzig gestohlenen Lebensminuten passiert. Ich werde Post bekommen: Man wird mir Fernseher anbieten, die so groß wie Scudraketen sind, und Satellitenschüsseln, mit denen ich den letzten Atemzug von Bin Laden empfangen kann. Ich werde als Homebanking-Kundin begrüßt und beglückwünscht und gefragt, ob ich Herr der Ringe schon auf DVD habe und wenn nicht, wie ich damit leben kann.

An allem ist René Schuld, dem ich eines Abends auf den Leim gegangen bin. Und meine Tochter natürlich.

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