Ist OK Boomer. Wirklich!

Kapitalismus Ja, die Jüngeren müssen ausbaden, was die Älteren ihnen eingebrockt haben. Doch die wahren Konfliktlinien verlaufen woanders

Aus der Betriebswirtschaftslehre ist die Zuschreibung als Gegenteil der Abschreibung bekannt. Zuschreibungen erhöhen den Wert des Anlagevermögens, während sich mit Abschreibungen Steuern sparen lassen. Im schnöden Alltag hingegen ist die Zuschreibung oft unserer Sehnsucht geschuldet, dem Verhalten der jeweils anderen nachvollziehbare Gründe beizustellen. Die Welt ist so zerfallen. Der Wunsch, dass Begriffe den Scherbenhaufen kitten und das Chaos strukturieren mögen, so verständlich wie vergeblich.

Doch was hat es mit dem Versuch auf sich, ganze Menschenkohorten in die Schublade einer Generationenzuschreibung zu packen? Man hofft, Klarheit zu schaffen, Orientierung. Natürlich auch und vor allem: sich abzugrenzen. Hilfreich ist die Begriffskrücke. Denn es scheint sinnvoll, sich zu vergegenwärtigen, welcher Zeit jemand entstammt, was ihn oder sie geprägt haben mag und was Ursache dafür sein könnte, dass sie oder er jetzt aus der Zeit zu fallen droht.

Natürlich ist der Generationenbegriff auch dann von Nutzen, wenn daraus ein Vorwurf formuliert werden will. Obwohl die Verallgemeinerung meist ein gewisses Maß an Ungerechtigkeit in sich birgt. Ein Vorwurf, der oft im Plural erfolgt: ihr, nicht du. Ihr habt diesen Krieg geführt, ihr habt weggesehen, als es eure Pflicht gewesen wäre, ihr habt den Planeten geplündert. Das lässt aber außer Acht, dass der Generationenschublade etwas unmöglich Statisches innewohnt. Sie spricht Entwicklung ab, wo sie denkbar ist, ignoriert Veränderung, wo sie als Möglichkeit enthalten sein kann. Unterstellt, dass aus Fehlern nicht gelernt wird. Dass also niemand seine Generationenschublade zu verlassen vermag.

Sie haben es verdient

Tatsächlich ist eine Generation kein stabiles Konstrukt, das sich auf ein Fundament ähnlicher Interessen stellt. Man gehört sein Leben lang einer Generation an. Daraus abzuleiten, dass sich damit auch eine ewig gleiche moralische und politische Konstitution verbindet, wäre Unsinn.

Zurück zur Zuschreibung und zu ihrem Gegenstück, der Abschreibung: Wenn der Vorwurf an eine Generation müßig scheint, weil die Dinge eben schon gelaufen sind, wird sie abgeschrieben. „OK Boomer!“ ist so eine Abschreibung. Seit eine 25-jährige Politikerin im neuseeländischen Parlament als Reaktion auf Zwischenrufe der Vertreter jener Generation, die zwischen 1956 und 1965 geboren wurde, ihren Unmut in Bezug auf deren Arroganz, Besserwisserei und Unbelehrbarkeit formulierte, ist „OK Boomer“ zum Meme geworden.

Ein Meme, das ist: ein kreativ geschaffener Bewusstseinsinhalt, der sich schnell – früher hätte man gesagt: viral – verbreitet. Die junge grüne Politikerin hat den Bewusstseinsinhalt, dass die Babyboomer mit Herablassung und Ignoranz auf die vor allem von jungen Menschen initiierte Klimabewegung reagieren, in einen Ausruf gepackt. An der richtigen Stelle, im rechten Moment und zu Recht. Die Kerle, denen der Ausruf galt, haben es bestimmt verdient.

Erstaunlich sind aber einige Reaktionen. Die New York Times wertete das Meme als Kriegserklärung, der Guardian kam zu dem Ergebnis, es mangle an Solidarität mit der älteren Generation, denn man könne und müsse doch von den Erfahrungen der Babyboomer lernen, anstatt sie zu verteufeln. Vielleicht, ließe sich einwenden, wäre es besser, aus den Fehlern jener Generation zu lernen.

Es ist vor allem die Soziologie, die die Menschen in Generationen einteilt und danach ordnet. Und darauf schaut, was bestimmte Altersgruppen prägt, wie stark deren Lebensumstände und deren Herkunft Einfluss auf ihr Hier und Jetzt und Sein haben. Alle 15 Jahre entstehe eine neue Generation, heißt es. Die bekommt ihre Etiketten. In den Führungsetagen von Unternehmen und in der Konfliktbearbeitung werden die damit verbundenen Zuschreibungen gern benutzt. Man strickt Strategien daraus, prüft Mischungsverhältnisse auf deren Vor- und Nachteile und unterbreitet Optimierungsvorschläge.

Lebend haben wir gegenwärtig im Angebot: die Traditionalisten (1925 – 1940), die 68er-Generation (1941 – 1955), die Babyboomer, die Generation X (1966 – 1980), die Generation Y (1981 – 1995), die Generation Z (1996 – 2010). Haben die 2011er schon einen Namen? Dazu gesellen sich noch eine ganze Reihe feuilletonistische Zuschreibungen, wie die Generation TINA („There is no alternative“), die Generation Golf, die Millennials oder die Xennials, die weder Y noch X sein wollen. Auffällig und bedenklich zugleich ist, dass seit einigen Jahren versucht wird, Generationenkriege, oder sanfter, Generationenkämpfe zu postulieren. Nicht zwischen den Klassen, nicht zwischen Menschen, die sich im sozialen Gefälle an unterschiedlichen Stellen befinden, nicht zwischen externalisierenden und unter Externalisierung leidenden Gesellschaften und schon gar nicht zwischen Lohnarbeit und Kapital, Ausgebeuteten und Ausbeutern werden die Hauptkonflikte, die Grundwidersprüche gesucht. Stattdessen zwischen den Generationen. Was aber, fragt man sich, hat die Boomer-Generation des globalen Nordens mit jenen Menschen gemein, die in einem Land des globalen Südens zwischen 1956 und 1965 geboren wurden? Nicht allzu viel. Und was verbindet den 40-jährigen Unternehmer mit seinem Privateigentum an Produktionsmitteln mit der 40-jährigen Angestellten, die nichts anderes zum Verkauf anbieten kann als ihre Arbeitskraft?

Und die Klassengegensätze?

Auch diese Fragen sind kein Plädoyer dafür, zu vergessen oder zu verniedlichen, dass die heranwachsenden Generationen mit Lebensumständen konfrontiert sind, die es ihnen jetzt schon aufdrücken, all das, was angerichtet worden ist, auszubaden. Dass es ihnen, so viel lässt sich sagen, nicht besser gehen wird als ihren Vorfahrinnen und Vorfahren. Und dass ihr Vorwurf gegenüber jenen, die es so weit haben kommen lassen, logischerweise an Menschen älterer Generationen gerichtet ist.

Die ökonomischen Verhältnisse der vergangenen mehr als 500 Jahre haben dazu geführt, dass die Eroberung der Erde zwar fast vollständig abgeschlossen ist, die Folgen dieses beispiellosen Feldzugs aber verderblich oder tödlich sind. Erst der Kapitalismus hat die Bibel vollends beim Wort genommen und den vermeintlichen Auftrag Gottes, sich die Erde untertan zu machen, ausgeführt. Er hat Produktionsverhältnisse geschaffen, die gar nicht anders funktionieren können als durch Ausbeutung lebendiger Arbeitskraft sowie unaufhörliches Wachstum und Entnahme natürlicher Ressourcen, weit über die Bedürfnisse und Möglichkeiten des Planeten hinaus.

Wenn dem so ist, scheint es eine so perfide wie kluge Volte zu sein, in Zeiten wie diesen Generationenkriege herbeizureden oder Generationenkonflikte zum vermeintlich wichtigsten Thema zu machen, anstatt das Desaster einer Wirtschaftsweise in den Mittelpunkt zu stellen, die inzwischen eine destruktive Antriebskraft ist – geeignet, im Jetzt komplett zu verspielen, was in der nahen Zukunft zum Leben und Überleben gebraucht wird. Denn wer sich einreden lässt, einen Kampf gegen andere – ältere – Generationen führen zu müssen, wird weder Zeit noch Kraft dafür haben, die Verhältnisse zu ändern. Weil damit vernachlässigt wird, dass sich noch jede Generation jener Vergangenheit, von der wir sprechen, in Besitzende und Habenichtse aufteilte. Und dass dazwischen schon immer Welten lagen und bis heute liegen. Die lassen sich nicht an der Zuschreibung festmachen, einer Generation anzugehören. „OK Boomer!“ sollte so gesehen übersetzt werden mit: Wir und unsere Nachkommen werden die ungedeckten Rechnungen des Wirtschaftssystems zu bezahlen haben. Wer gemeinsam mit uns etwas dagegen tun will, ist aufgefordert und willkommen.

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