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Ich liebte den Kommunismus, bis mir meine Eltern die Wahrheit erzählten

Freiluftgefängnis Lea Ypi erlebt das Ende Jugoslawiens in Albanien als Teenager. In ihrem großartigen autobiografischen Sachbuch „Frei“ erzählt sie vom „Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“

W as ich über Albanien wusste, bevor ich anfing, das Buch Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte von Lea Ypi zu lesen, hätte sich auf meine Handinnenfläche schreiben lassen. Balkan, Südosteuropa, Hauptstadt Tirana (Schulwissen), Berge, Mittelmeerklima (Anzeigen von Reiseveranstaltern), Bevölkerung kleiner als die Berlins (Grundwissen politische Ökonomie über den Aderlass nach der neoliberalen Schocktherapie in den 90er Jahren), multiethnisch, Republik, will in die Europäische Union (die Union hat Bedenken), auf der europäischen Skala der Armut weit unten (nach Lesart der Marktgläubigen selbst schuld).

Lea Ypi hatte alle Möglichkeiten, mich mit einer Erzählung entweder in den Bann zu schlagen oder bald rauszuwerfen – denn ich hatte erst einmal nichts vorzuweisen, wo sie würde Anker werfen können. Ich habe das Buch in zwei Nächten gelesen. Es waren die ersten zwei Nächte nach Ausbruch des Krieges. Die Fassung hatte sich losgesagt und die Nachrichten konnten das Unfassbare nicht erklären. Heulend und zähneklappernd ein Buch zu lesen, hat keine therapeutische Wirkung. Aber es hilft.

Nach diesen zwei Nächten bin ich zum Suhrkamp-Verlag gegangen, um einem Gespräch zwischen der 1979 in Tirana geborenen Autorin und Steffen Mau zuzuhören, der mir mit seinem Buch Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft andere schlaflose Nächte bereitete.

Eine albanische Professorin für Politische Theorie an der London School of Economics, die Philosophie und Literatur studiert hat, und ein deutscher Soziologe und Professor für Makrosoziologie. Beide mit der Erfahrung eines gesellschaftlichen Umbruchs groß geworden, dem andere später und irrtümlicherweise andichteten, das Ende der Geschichte eingeläutet zu haben. Oder anders gesagt: den vollständigen und auf Ewigkeiten festgeschriebenen Sieg der kapitalistischen Wirtschaftsweise.

Es war eine interessante Veranstaltung, die beiden Redenden einander zugewandt, ernsthaft, keine Sekunde langweilig. Aber! Dies sei das Plädoyer fürs Gedruckte. Es kam nicht an die zwei Nächte ran, in denen eine Autorin es geschafft hatte, die Verzweiflung nicht Oberhand gewinnen zu lassen. Obwohl das Buch keine fröhliche Geschichte erzählt. Aber eben Geschichte. Eine, die in sich die Welt trägt. Nicht die ganze. Ein solches Buch könnte erst am Ende unserer Tage geschrieben werden, und wenn der Weltklimarat IPCC recht hat (er hat recht!), kann es sein, dass es bald geschrieben werden muss.

„Ich habe mich nie gefragt, was Freiheit bedeutet, nicht bis zu dem Tag, als ich Stalin umarmte.“ So beginnt der Roman. Aber es ist ja gar kein Roman, sondern ein „autobiografisches Sachbuch“! Ypis Prosa ist poetisch, liest sich wie ein Roman. Sie erzählt vom Aufwachsen in einem Land, das 1913 unabhängig wurde, im Zweiten Weltkrieg einen mutigen Partisanenkampf erst gegen die italienischen, dann gegen die deutschen Besatzer führte, 1944 ein Bündnis mit Titos Jugoslawien einging, es vier Jahre später aufkündigte, 1955 Mitglied des Warschauer Vertrages wurde, 1961 mit der Sowjetunion brach und sich an das chinesische Modell anlehnte.

Albanien klingt jetzt anders

Der Führer der Kommunistischen Partei Albaniens hieß Enver Hoxha. Er war ein Diktator und er spielt bei Ypi eine sehr große Rolle. „Onkel Enver“ nennt ihn das Kind, das uns im ersten Teil als Erzählerin durch eine vergangene Welt führt und im zweiten Teil schon groß, aber noch nicht erwachsen ist. „Ich hatte immer geglaubt, es könne nichts Besseres geben als den Kommunismus. Aber im Dezember 1990 demonstrierten dieselben Menschen, die vorher für den Sozialismus und seine Entwicklung zum Kommunismus marschiert waren, für sein Ende. (…) Meine Eltern offenbarten mir die Wahrheit, ihre Wahrheit. Sie sagten, fast ein halbes Jahrhundert lang sei mein Land ein Freiluftgefängnis gewesen.“

Dann endet die Kindheit, es beginnt die Schocktherapie. Es endet auch die Zeit des Erwachens, fort sind all jene lebenserhaltenden Lügen, mit denen die Familie zuvor gelebt hatte. Eine Heranwachsende erzählt jetzt. Der sprachliche Bruch in diesem Teil mag sein, dass hier die Erkenntnisse der späteren Professorin über das einfließen, was die Männer der Chicago School of Economics, die smarten Boys, Ländern wie Albanien (pars pro toto) verordneten, um der neuen Zeit und den neuen Götzen auch wirklich eine gute Mahlzeit zu werden. Naomi Klein nannte es „Schocktherapie“. Ein Begriff aus der Psychiatrie. „In unserem Fall galt die Planwirtschaft als das Äquivalent zur Geisteskrankheit. Das Heilmittel war eine transformative Geldpolitik: Haushalte ausgleichen, Preise freigeben, staatliche Subventionen streichen, den Staatssektor privatisieren und die Wirtschaft für Außenhandel und Direktinvestitionen öffnen.“

Lea Ypi ist etwas sehr Schönes gelungen. Sie durchbricht das sich aus Nicht-Wissen nährende kühle Desinteresse, mit dem wir den weißen Flecken auf unserer inneren Landkarte begegnen. Albanien hat nach dem Lesen des Romans einen ganz und gar anderen Klang.

Info

Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte Lea Ypi Eva Bonné (Übers.), Suhrkamp 2022, 332 S., 28 €

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