Wunder Bar

Süchte Die Verwandlung beginnt beim Betreten des Raumes. Aus Kalkül wird Begierde, was vorher nur Wunsch war, gerät zur Lust; alle Männer sehen aus wie ...

Die Verwandlung beginnt beim Betreten des Raumes. Aus Kalkül wird Begierde, was vorher nur Wunsch war, gerät zur Lust; alle Männer sehen aus wie Bruce Willis am Ende des Tunnels. Ich bin das fünfte Element und taxiere den Mann hinterm Tresen. Er macht den Eindruck, als könnte er ein Geheimnis für sich behalten. Meins zum Beispiel. Auf dem Weg zur Bar erfinde ich mich neu, ich bin die Frau mit den vielen Geschichten, sieben Leben stehen mir zur Verfügung. Ich kann wählen, welches heute gespielt wird. Und mit wem. Alles ist möglich, solange der Gimlet mit Wodka gemacht wird und die Spiegel hinter der Bar mein Wunschprogramm zeigen. Die zeitraubenden Vorarbeiten schließen einen Kontrakt mit getöntem Glas. Der gilt bis zum sechsten Cocktail, solange sehe ich zehn Jahre jünger aus. Danach fällt der Vorhang.

Barbesuche sind für mein Leben konstituierend. Andere lernen Snowboard fahren oder stürzen sich kopfüber in den Abgrund, nur von einem Gummiseil gehalten. Ein Freund setzt sich ins Auto und fährt so lange geradeaus, bis die Götter vom Olymp winken und etwas von Sekundenschlaf murmeln. Dann geht er ins Hotel und ist für eine Nacht ein anderer Mensch. Am nächsten Morgen kann er sein Frühstück auf italienisch bestellen.

Ich bin schon immer in Bars gegangen, wenn es mich nach einem anderen Leben dürstete. In ganz jungen Jahren schien mir dies eines der frivolsten Vergnügen überhaupt zu sein. Auch wenn die Cocktails meist Mixgetränke hießen und sich auf Colawodka, Gintonic und Grünewiese beschränkten. In ganz morbiden Etablissements trank Frau manchmal "Ostseewellen" - eine Kombination aus halbtrockenem Sekt und Wodka, die wir Schlüpferstürmer nannten. Dazu spielten bulgarische Bands "Hotel California" und "Über sieben Brücken musst du gehen". Die Männer sahen nicht aus wie Bruce Willis, sondern eher wie Jiri Korn oder Jürgen Sparwasser. Wenn die Dinge gut lagen. Taten sie das nicht, steckten die Kerle in Uniformen und spielten mit einem unvollständigen Maßband aus Omas Nähkiste. Aber jeder Barbesuch hatte seinen Zauber, einschließlich der Stunden davor. Über die danach weiß ich auch heute nicht viel.

Sie können nicht immer schön gewesen sein. Ich erinnere mich nur, dass ich einmal meine Freundin verlor, und zwar auf dem Weg von der Bar im 17. Stock eines Interhotels zur Straßenbahnhaltestelle gleich gegenüber des Hoteleingangs. Ich irrte eine Unendlichkeit lang rum und rief laut den Namen der Freundin, die ich zuletzt wohlbehalten und in den Armen eines Spitzendrehers aus dem VEB Schwermaschinenbau "Karl Marx" gesehen hatte. Trotzdem war sie mir für den Nachhauseweg versprochen und ich fühlte mich verantwortlich für die noch Minderjährige. Gegen drei und völlig ernüchtert habe ich sie dann gefunden. Der Spitzendreher hatte meine Freundin zum Schlafen an eine Hauswand gesetzt, nachdem sie von ihm und in ihrem Suff wissen wollte, ob er die Pille nähme und somit folgenloser Sex möglich sei.

Später bin ich meist allein in Bars gegangen. Ich hatte mich für die Rolle "geheimnisvolle, verlassene" oder "geheimnisvolle, einsame" Frau entschieden. Das war ausbaufähig und ließ auch immer den Satz "ich bin noch nicht reif für die nächste Beziehung" zu, wenn jemand partout nicht kapieren wollte, dass es hier nur um den Weg und keinesfalls um das Ziel ging. Denn es gibt ein paar Grundregeln, deren Beachtung einer die Freude an und die Lust auf Barbesuche erhalten: Niemals Adressen oder Telefonnummern austauschen. Kein Treffen am nächsten Morgen und zum späten Frühstück vereinbaren. Jede Lüge glauben, sie ist mit Liebe erfunden und erzählt. Zu den Cocktails, die man trinkt, kleine Geschichten erzählen oder mindestens ein Zitat oder Bonmot bereithalten. Erst wählerisch sein, dann auf eine Plauderei einlassen. Für die erste halbe Stunde sicherheitshalber etwas zum Lesen dabei haben, und wenn das Zielsubjekt in der Nähe ist, den Barkeeper leise bitten, doch noch mal Faithless zu spielen. Den dritten Titel von "Outrospektive" bitte.

Und niemals, selbst wenn es wirklich stimmen sollte, niemals auf die Frage, was man so mache, antworten: "Ich bin Lehrerin für Geografie und Sport."

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