Sommerkippe

ORTE DER KINDHEIT Ich wuchs in einer Puppenstadt auf. Die Eltern meiner Freundinnen arbeiteten entweder in einer Puppen-, Puppenkleider- oder Puppenschuhfabrik, zum ...

Ich wuchs in einer Puppenstadt auf. Die Eltern meiner Freundinnen arbeiteten entweder in einer Puppen-, Puppenkleider- oder Puppenschuhfabrik, zum Wandertag besuchten wir das Puppenmuseum im über der kleinen Stadt gelegenen Schloss oder erschlossen uns Puppenverwandtschaften im nicht allzu weit entfernten Arnstadt mit der berühmten Sammlung Mon Plaisier. Zum Pioniernachmittag ging es in die Heimatstuben der umliegenden Dörfer, in denen einige Schaustücke aus alten Zeiten aufbewahrt wurden: In Heimarbeit hatten ganze Familien in früheren Jahrhunderten Puppenköpfe aus Pappmaché, Wäscheknöpfe oder hölzerne Puppenglieder hergestellt. Zur Zeugnisausgabe spendete die Patenbrigade kleine Puppen, die Mütter aus dem Elternaktiv nähten aus Stoffresten Kissen und Betthimmelchen!, die mit Kupferdraht über den gerade eben auf den sozialistischen Markt geworfenen, selbstverständlich leergegessenen Goldina-Margarine-Bechern aufgezogen wurden. Schaukelkufen aus Pappe machten Wiegen daraus, und wir hotzten die fingerlangen Babies hingebungsvoll in Nähe der Kakaotasse. In den heißen Sommerferien nach der dritten Klasse kam ich jener stinkenden Müllkippe, die zu betreten strengstens verboten worden war, etwas zu nahe mit meinem neuen Fahrrad und ein oder zwei hartgesottenen Freundinnen. Wir entdeckten, dass die Puppenfabrik dort Abfälle entsorgte, höchst brauchbare Puppenteile: Köpfe mit Schlafaugen und langem Haar, Körper mit oder ohne Arme, mit oder ohne Beine, auch Stoffe, vernähte Kleider und kleine weiße Schuhe. Natürlich dauerte es eine Weile, bis die zu einer vollständigen Puppe passenden Teile unter schmierigem, verkochtem Kunststoff oder Essensabfällen aus der Fabrikkantine gefunden wurden. Mir hatten es seltsamerweise auch Spulen mit Puppenhaar angetan, die ich zu Hause zu winzigen Pullovern und Strümpfen verstrickte. Der Mutter einer Freundin schleppte ich diese Spulen beutelweise ins Haus, sie verarbeitete das blonde, braune, rötliche Kunsthaar zu Tischläufern, Taschen oder Untersetzern. (Dazu bedurfte es übrigens weiterer Sammelzutaten, nämlich der Plastik-Dichtungen aus den Kronkorken von Vita-Cola-Flaschen. Diese elastischen Ringe wurden mit Haar umhäkelt und die entstandenen Gebilde dann zu den oben genannten kunsthandwerklichen Ereignissen zusammengesetzt ...) Nach drei, vier gestoppelten Puppen verließ meine Freundinnen die Lust, so dass ich bald oft allein durch den Müll watete, mit dem Fahrrad nach meinen Beutetouren noch ins Schwimmbad fuhr, um mich unauffällig zu machen. Später stieß Lausi hinzu. Lausi hieß eigentlich Klaus und war ein winziger, nervöser Junge mit hellblondem Filzhaar. Darin nisteten seine Spitznamensgeber, und Lausi wurde von den meisten Kindern auf dem Schulhof gemieden. An der Hand seiner lausig bekleideten Mutter - unterm fettfleckigen Rock taten sich dicke rosa Knie hervor, die braunen Strümpfe labberten vom Hüfthalter herab - sah er aus wie ein besonders großer Puppenfindling. Seine Mutter kannte die besten Stellen, feilschte mit uns um manches Bein, manchen besonders schönen Export-Kopf. Lausi wurde mein Kumpel, ich roch abends wie er, morgens ganz anders ... Der Weg zur Kippe führte mich stets an dem Haus vorbei, in dem der winzige Lausi mit einigen ebenso winzigen Schwestern, der Mutter, der Großmutter lebte. Vom Fensterbrett grüßte eine Reihe sorgfältig gekleideter, sauberer Puppenkinder mit strengen Frisuren, und ich fragte mich, warum es nicht möglich sein sollte, auch Lausis Haar in eine angenehme Fasson zu bringen. Also bat ich seine Mutter, sie möge ihren leiblichen Sohn waschen und frisieren wie ihre zahlreichen Kunststofftöchter, aber das schien sie nicht zu verstehen. Wenigstens durfte ich Lausi nun manchmal ins Schwimmbad mitnehmen nach unserem gemeinsamen Tagewerk. Sein im Juli noch hellblondes Haar bekam im August einen tiefen, grünen Schimmer vom Chlor des Wassers und ragte in steifen Büscheln aus der stets entzündeten Kopfhaut. Lausi hielt ganz still, wenn ich mein Walnussöl auf ihm verteilte. Im Laufe des Sommers brachte ich es auf eine langwierige Erkrankung an Krätze und 36 Puppen. Manche von ihnen bedurften sorgsamer Pflege, hatten unterschiedlich lange Gliedmaßen oder eingeschmolzene Verschmutzungen. Ich baute ein Krankenhaus für sie in meinem Kinderzimmer, salbte ihre Napalmwunden und gab ihnen vietnamesische Namen. Mein viertes Schuljahr begann im Herbst 1968.

Nur für kurze Zeit!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden