AM ANFANG WAR DAS EI

KOMMENTAR Naturwissenschaftlicher Weiblichkeitskult

»Mein Bauch gehört mir!« Vielleicht war der alte Schlachtruf der Frauenbewegung, mit dem das Recht zur freien Entscheidung jeder Frau über die Austragung einer Schwangerschaft oder deren Abbruch reklamiert wurde, schon immer falsch. Weil er Besitzverhältnisse nahe legt, wie man sie eigentlich nur zu einem Ding haben kann. Aber dem aufgeklärten Menschen ist das verdinglichte Verhältnis zu seinem Körper ja längst so sehr zur zweiten Natur geworden, dass auf diesem Grund schon wieder eine merkwürdige Esoterik ihre Blüten treibt. Je weiter die menschliche Spezies sich qua naturwissenschaftlichem und medizinisch-technologischem Fortschritt von der animalischen Seite ihrer Existenz emanzipiert, desto aufwendiger werden die Spektakel, mit denen sie sich ihres Ursprungs zu versichern sucht. Für jedes entschlüsselte DNS-Paar ein Neandertal-Museum oder einen Expo-Themenpark, in dem der Mensch seinen Körper von innen besichtigen kann wie eine gotische Kathedrale.

Zum besseren Verständnis des menschlichen Sexualtriebs schaut man irgendwelchen Affen beim Ficken zu, um mit Hilfe der Bonobos ein eben noch als Tabu oder gar Perversion sanktioniertes Verhalten auf einmal als angeboren und damit als »ganz natürlich« zu begrüßen.

Ein gutes Beispiel für die Ersetzung von Politik und Psychologie durch die Biologie, ist ein neuer, aus den USA importierter Weiblichkeitskult, der auf der vermeintlichen genetischen Allmacht der Eizelle beruht. Der Spiegel widmete ihm vergangene Woche seine Titelstory. Vorbei sind die Zeiten, in denen Frauen zusammenkamen, um mit einem Speculum ihren Unterleib zu erforschen. Heute liegt ihnen ihr Innerstes unterm Mikroskop offen zutage: die Eizelle. Und weil da außer ein bißchen Plasma eigentlich nichts zu sehen ist, hat die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Natalie Angier in ihrem Bestseller Woman: An Intimate Geography (deutscher Titel: Eine Biografie des weiblichen Körpers) ihrer Phantasie freien Lauf gelassen und in den Umrissen der Eizelle die Sonne entdeckt, das »vollkommene Gestirn, das mit Flammenzungen spricht«.

Die Göttinnen dieser neuen Weiblichkeit sind Medizinerinnen, die mit künstlicher Befruchtung Geld verdienen, ihre Priesterinnen hormongemästete Ei-Spenderinnen: junge, gesunde Frauen mit »schönen, gesunden Eiern«. Gemeinsam retten sie wenigstens ein paar der »opferwilligen Eizellen«, die täglich weltweit in Millionen von Frauen unbefruchtet absterben, vorm »Selbstmord«(!).

Die Botinnen dieser neuen Frauenbewegung - wie der Spiegel frohlockt - huldigen nicht nur einem neuen Primitivismus und lassen sich von ihren Brüsten Witze erzählen, nein, sie brüten offenbar auch reinstes Lebensborn-Gedankengut aus. Da kommt einem die Natur ...

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