Da lacht der Osten

SONNENALLEE Jetzt auch im gut sortierten West-Kino

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Zum Beispiel darüber, dass auch zehn Jahre nach dem Fall der Mauer 46 Prozent aller Westdeutschen noch nie in den sogenannten neuen Ländern waren. Tja, kommentierte ein (ostdeutscher) Freund trocken, da hat man wohl das Begrüßungsgeld zu früh abgeschafft.

Merkwürdig ist es ja schon, wie dieselben Leute, die sich darüber beschweren, dass die DDR seit Go, Trabi, go nur zur Komödie getaugt hätte, den Ostdeutschen jeglichen Sinn für Humor und die Fähigkeit zur Selbstironie absprechen. Aktueller Anlass der Belehrung: Leander Haußmanns Kassenschlager Sonnenallee.

Da gibt es das erstemal in zehn Jahren einen Film, für den ein in der DDR aufgewachsener Regisseur verantwortlich zeichnet, der ein Millionen-Publikum in die Kinos zieht, und schon macht man ihnen, dem Film, aber auch dem Regisseur, den kommerziellen Erfolg zum Vorwurf. So, als handele es sich um eine besonders miese Abzocke, wenn einer aus dem Osten offenbar eine Marktlücke nicht nur entdeckt, sondern, was weitaus schlimmer ist, ein Produkt auf den Markt gebracht hat, das bestimmte Bedürfnisse des Publikums befriedigt. In dem Film nämlich darf gelacht werden. Über die DDR. Über die Macht des Staates und seine der Lächerlichkeit preisgegebenen Repräsentanten, über die Absurdität offizieller Verbote einerseits und die teilweise noch absurderen Anstrengungen, sie zu unterlaufen, andererseits, über die Familie als Urzelle des Kommunismus und über die Faszination für Rudi Carells Show Am Laufenden Band. Darüber, dass der Angeber aus Westberlin in seinem nur geliehenen Cabrio mit einem Kofferraum voller Waffen erwischt wird und dass der Onkel aus dem Westen lauter harmlos unbrauchbaren Plunder über die Grenze "schmuggelt". Über die Angst vor dem vermeintlichen Stasi-Mitarbeiter von nebenan ebenso wie über die Mauerschützen. Mit einem Wort: in diesem Film wird alles und jeder ins Lächerliche gezogen. Nur die Liebe nicht.

Sicher, viele Späße in Sonnenallee sind banal und der Film scheut auch nicht davor zurück, an primitive Schadenfreude zu appellieren. Aber entscheidend für den Erfolg beim Publikum dürfte doch vor allem sein, dass der Film sich über die normative Sicht auf die DDR, wie sie sich in der Öffentlichkeit durchgesetzt hat, hinwegsetzt. Im Lachen löst sich für einen Moment die innere Zensur des Zuschauers, die ihm ansonsten verbietet, sich an sein Leben in der DDR als ein glückliches zu erinnern. Wie sehr den Ostdeutschen jegliche Kompetenz in Sachen eigener Geschichte abgesprochen wird, belegt nicht zuletzt die Argumentation jener Kritiker, die in Sonnenallee nichts weiter als ein hoffnungslos revanchistisches Machwerk erkennen.

So weiß die Filmkritikerin der Zeit, dass es sich beim Lachen über den Film nur um ein "Gelächter nicht der befreienden, sondern der verdrängenden Art" handeln kann. Verklärende Ostalgie verdränge, dass die DDR in der Hauptsache immer noch ein Land gewesen sei, "in dem recht eigentlich niemand mündig werden durfte". Kein Wunder also, dass die Ossis jetzt auf so einen pubertären Film hereinfallen. Oder wie es der Kritiker im Tagesspiegel, der ein "gesamtdeutsches Verdrängungsbedürfnis" am Werke sieht, auf den Punkt bringt: "Sonnenallee lügt. Die DDR mag manches gewesen sein, worüber sich die Historiker noch streiten werden - die deutsche Hippie-Republik war sie wohl am allerwenigsten." Wenn der Film etwas verdrängt, dann die verlorene Definitionsmacht über einen Teil der ostdeutschen eigenen Biografie. Dass er mit Sonnenallee nicht zurückzugewinnen ist, daran lässt der Film allerdings keinen Zweifel.

Der Film fängt übrigens so an, dass man sich als Westdeutscher sofort wiedererkennen kann - wenn man will: Eine Schülergruppe auf politischer Bildungsreise in Berlin glotzt von einem der Hochstände über die Mauer nach Ost-Berlin. Mindestens einmal während der Schulzeit gabs für jeden BRD-Schüler eine Klassenfahrt ins geteilte Berlin. "BRD" durfte man natürlich nicht sagen. Und vorher wurde noch die Präambel zum Grundgesetz auswendig gelernt. Und dann stand man da eventuell mit seinem alten Nazi-Geschichtslehrer im Ausguck. Und wenn man von dort einen Jungen auf einer Tischtennisplatte aus Beton hätte tanzen sehen können, dann hätte man garantiert seine Mitschülerin angestoßen und völlig ungläubig irgendetwas Dummes gesagt wie: "Guckmal, ein glücklicher Zoni..." Peinlich, wenn man daran zurückdenkt. Und zum Lachen.

Nur für kurze Zeit!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden