Fröhlicher Wahnsinn

IM THEATER Nach Einar Schleef brachte nun auch Richard Foreman Nietzsche auf die Bühne

Auf den ersten Blick könnten sie gegensätzlicher nicht sein: Einar Schleefs und Richard Foremans Nietzsche-Inszenierungen. Schleefs Ecce Homo-Monolog war Bestandteil seiner Inszenierung Verratenes Volk am Deutschen Theater, und Foreman gastierte mit seiner Uraufführung von Bad Boy Nietzsche am Hebbel-Theater in Berlin. Schleef, dessen Arbeit an der Figur des Chores immer wieder faschistische Tendenzen unterstellt werden, und Foreman, der als jüdischer Intellektueller aus New York von solchen Verdächtigungen ausgenommen ist, beide bringen im Nietzsche-Jahr nicht nur Nietzsches Texte auf die Bühne, sondern auch ein Bild des Philosophen. Klar, dass Schleef, der für den, wie das Programmheft behauptete, erkrankten Nietzsche-Darsteller »eingesprungen« war, sofort mit seiner Figur identifiziert wurde. Schleef gleich Nietzsche. Mit dieser Gleichung macht man es sich allerdings zu einfach. Denn Schleef geht es um den Text als Form. Er liest ihn wie eine Partitur, analysiert seinen Rhythmus und bringt so die in ihn eingeschriebene Gewalt, mit der sich das Autor-Ich in die Welt setzt, zu Gehör. Dieser Gestus, den Schleef ohne jegliche Distanz oder Brechung affirmiert - sonst wären die heftigen Reaktionen, Faszination ebenso wie Erschrecken, auf Seiten der Zuschauer undenkbar - ist das Ergebnis der Schleefschen Nietzsche-Lektüre.

Forman hingegen betätigt sich als Graphologe. Er interessiert sich eher für den »Abfall« der Textproduktion, für Nietzsches handschriftliche Randbemerkungen. Mit ihnen sind die Wände seiner kleinen Bühne unleserlich vollgekritzelt. Ebenso wie Schleef zeichnet auch Foreman in seinen Inszenierungen immer für mehrere Positionen verantwortlich: Text, Inszenierung, Bühne und Komposition. Nur, dass er nicht selber auftritt, sondern im Zuschauersaal sitzt und über das Tonpult den Ablauf der Aufführung steuert. Foreman hat ein sehr spezielles, mehrstufiges Verfahren der Textproduktion entwickelt, das darauf zielt, die Spuren des Unbewußten schreibend sichtbar zu machen. Man blickt in einen Bühnenraum, der aufgrund seiner geringen Tiefe fast wie eine Reliefbühne wirkt, wie in einen okkultistischen Altar, eine düstere Landschaft der Angst. Die Wände sind in dunklen Farben bemalt, mit Totenköpfen und allerlei kleinen, farbigen Symbolen bestückt. Von der Decke hängen Schnüre, die den Raum zerschneiden oder abgesenkt durch kleine Bleigewichte Zick-Zack-Linien zeichnen. Die Bühne schließt zum Zuschauerraum mit einem Portal aus Plexiglas ab, in dem sich die Theaterbesucher schwach spiegeln.

Nietzsche tritt auf als nervös herumtänzelnder Schlafmützenträger (Gary Wilmes), regrediert in ein Stadium früher Kindheit oder in geistige Umnachtung. Der Bad Boy möchte sein Pferdchen schlagen und benimmt sich auch sonst wie ein unartiges Kind. The Child (Sarah Louise Lilley) fragt ihn deshalb, ob er denn wirklich Nietzsche sei, er sehe schließlich ganz anders aus als man aufgrund seiner Texte erwarten würde, gar nicht groß und stark... In der Tat ist dieser Nietzsche ein richtiges Weichei. Immer wenn er Lampenfieber verspürt, reißt er die Arme auseinander und rammt sich eine der Säulen, die aus dem Zuschauerraum wie Opferstöcke auf die Spielfläche ragen, in die Brust. Die »Aggressiven Diener« peinigen ihn mit »Wir trauen dir nicht. Wir mögen dich nicht«-Chören. Dem Bühnen-Nietzsche scheint das aber zu gefallen und er bittet sie, ihm gegenüber weiter so feindselig zu sein. Vielleicht ließe sich das, was auf der Bühne passiert, am ehesten als eine verrückte Geburtstagsparty für Nietzsche zusammenfassen. Als The Beautiful Woman barbusig auf der Bühne erscheint, wähnt sich Nietzsche im Paradies. Ab und zu ruft das Geburtstagskind nach »Drinks for Everybody« oder gibt Parolen aus wie »Let the hapiness opress us«. Sein galoppierender Schwachsinn erreicht einen bemerkenswerten Höhepunkt, als er beim Anblick eines Brotes sich darüber beklagt, das keine »jews« (Juden) in dem Brot seien. Er korrigiert sich, wollte sagen »jewels« (Juwelen), an denen alle, die von dem Brot essen, krepieren sollen.

Schwerverdauliche Kost, die Foreman und Schleef ihren Gästen zum Nietzsche-Geburtstag auftischten.

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