Künftig wegfallend

THEATERSTRUKTURREFORM Berliner Spielräume

Berlin im Sommer 2000. Die Stadt schließt ihre Baulücken. Auferstanden aus Ruinen setzt das »neue Berlin« sich mit zahllosen Neubauten Denkmäler. Gesichtschirurgie an den Narben dessen, was man in Analogie zum neuen das alte Berlin nennen mag. Schon seit 1996 lassen die Berliner Festspiele während der Sommermonate Baustellen als »Schaustellen« mit Konzert- und Theaterveranstaltungen unter dem Motto »Berlin: offene Stadt« bespielen. Jetzt sind vielerorts die Bautätigkeiten abgeschlossen, und das entsprechende Kulturprogramm nennt sich nun: »Spielräume. Die Stadt als Bühne«, ein paar freie Gruppen garnieren die neue Architektur mit flüchtiger Erlebnisqualität.

Parallel dazu veranstaltet die Stadt ein Sommertheater um die zukünftige Finanzierung seiner Theater, Opernhäuser und Orchester. Der Auftrag an die Kulturverwaltung lautete, kurz gesagt, Vorschläge zu erarbeiten, nach denen es möglich sein soll, künftig mit weniger Geld für Substanzerhalt und Qualitätssteigerung zu sorgen. Der Bericht aus dem Hause des Kultursenators Stölzl offenbart vor allem, dass Berlin die zurückliegenden zehn Jahre von einer wundersamen Geldvermehrung geträumt haben muss, mit der die gestiegenen Kosten in Folge der Einheit irgendwie hätten aufgefangen werden können. Von Jahr zu Jahr, von einer Haushaltsberatung zur nächsten hat man sich um die Erkenntnis herum gemogelt, dass die öffentlichen Zuschüsse nicht ausreichen, um den Betrieb aller Bühnen zu finanzieren. Jetzt ist der Traum aus.

488.465.000 Mark investiert das Land Berlin in diesem Jahr in 24 staatliche und private Theater- und Opernhäuser, zwei Konzerthäuser mit eigenem Orchester und 3 Sinfonieorchester. Trotzdem sind viele von ihnen verschuldet. Und es muss weiter gespart werden. Würden die Vorschläge der Verwaltung, die Theater in Gesellschaften mit beschränkter Haftung beziehungsweise Anstalten des öffentlichen Rechts umzuwandeln, jetzt schon gelten, dann müssten die teilweise hochverschuldeten Häuser Konkurs anmelden. Vorausgesetzt, es ließe sich kein »frisches« Geld für ein tragfähiges Unternehmenskonzept auftreiben, müssten Theater schließen. Das Deutsche Theater erwägt konsequenterweise schon einmal die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft.

Betrachtet man die unzutreffenderweise so genannten Sprechtheater (als würde Schauspiel in Aufsagen von Text bestehen), so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass, wo der Rotstift regiert, nicht nur der Kunstverstand aussetzt, sondern die pure Gleichmacherei die Folge sein könnte, die gerade das, was von den Theatern gefordert wird, nämlich die deutliche Profilierung ihres künstlerischen Angebots, verhindert. Beispiel Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz: Sie soll ihre Mehrspartigkeit, ihre Nebenspielstätte und ihre Eintrittspreise »zwingenden Sturkturmaßnahmen« unterwerfen, wie es in Stölzls Papier heißt. Als Beitrag zu einer Profiländerung. Wie lässt sich das aber mit der gleichzeitig geforderten Spezifik des Angebots vereinbaren? Schlecht. Was die Volksbühne in den letzten Jahren auszeichnete, die weit über Berlin hinaus auch international einflussreiche Arbeit von Castorf, Marthaler und Kresnik, wäre ohne ein spartenübergreifendes Theaterverständnis gar nicht denkbar. Eine der spannendsten Inszenierungen der gerade zu Ende gegangenen Berliner Spielzeit war Kresniks Richard II im Rahmen der Rosenkriege im Prater, jener Nebenspielstätte der Volksbühne mit kw-Vermerk. Und was die Steigerung der Eigenerträge durch erhöhte Eintrittspreise angeht, die würden im Falle der Volksbühne ein überdurchschnittlich junges, ökonomisch schwaches Publikum treffen. Alles, was die Volksbühne zu einem besonderen Ort macht, eben ihr einzigartiges Profil, soll sie, wenn es nach den Vorstellungen der Kulturverwaltung ginge, im Sinne eines marktgängigen Mainstreams ersetzen?

Die Sparpläne, die man jetzt erarbeitet, werden erst im Laufe der nächsten zehn Jahren wirksam. Wenn jetzt die Weichen gestellt werden, damit Theaterbesuche zukünftig ein Privileg für Besserverdienende sind, dann sollte man ehrlicherweise ganz schnell ein paar Theater schließen. So viele gutbesoldete Beamte kann Berlin nämlich gar nicht beschäftigen, dass ihre Nachfrage nach Theaterkarten ausreichte, um den Theatern ihr Auskommen zu sichern.

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