Peymanns Muckibude

WETTBEWERBSVERZERRUNG Der Theaterkampf geht in die nächste Runde

Eigentlich müßte sich Frank Castorf freuen: Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft, auch im Theater. Und was Claus Peymann schon im Vorfeld seines Amtsantritts als Intendant des Berliner Ensembles an raffinierten Vorspieltechniken zum besten gibt, das verspricht echtes Virtuosentum im zu erwartenden Stellungskrieg.

Kraxeln mit Reinhold Messmer, per Schiff über den großen Teich ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, zum ersten Mal mit der Freundin in New York, während die Ehefrau mit dem Sohn in Berlin hockt - so sah Peymanns sommerliches Trainingscamp für die Hauptstadt aus. Mit 62 darf man sich schon mal einen Jugendtraum erfüllen. Und so joggte Peymann durch den Central Park und spannte den alterschlaffen Bizeps für die BZ-Reporterin: Fit for fun, ein Spaßguerillero - Schlingensief, hab Acht! - der sonderbaren Art.

Derweil wird am Schiffbauerdamm das Theater nach den Wünschen seines zukünftigen Hausherren umgebaut, als dessen Neu-Gründer er sich in der ihm eigenen Bescheidenheit zu bezeichnen wagt. Peymanns Rezept ist einfach: »Das Wichtigste ist, man macht gutes Theater, die teuersten Stücke mit den teuersten Regisseuren.« Noch bevor Peymann überhaupt eine Arbeit am Berliner Ensemble gezeigt hat, weiß er schon, dass der einzige Grund, der ihn veranlassen könnte, seinen Posten als »Reißzahn im Regierungsviertel« zu räumen, eine Kürzung seines Budgets wäre.

Der sich so selbstverliebt als Hoffnarr der Schröder-Regierung andienende Peymann hat gut tönen und gut lachen, denn offenbar ist er sich der Rückendeckung des Kultursenators sicher. O-Ton Radunski: »Herr Peymann ist Herr Peymann.« Solche Äusserungen sind ein Schlag ins Gesicht jedes Intendanten, der in den letzten Jahren versucht hat, die Sparauflagen des Senats zu erfüllen.

Am produktivsten und am sparsamsten wirtschaftet übrigens Castorfs Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Sie erhält bei höchsten Gesamtzuschauerzahlen (1997: 150.000) den niedrigsten Platzzuschuß aller Berliner Staatstheater. Hinzu kommen noch einmal rund 50.000 Zuschauer bei 60 bis 70 Gastspielen im In- und Ausland pro Spielzeit. Die Durchführung der Sparmaßnahmen machten Personalabbau auch im künstlerischen Bereich erforderlich, zuletzt wurde ein Drittel von Kresniks Tanz-Compagnie wegrationalisiert. Außerdem kann sich die Volksbühne weniger Produktionen im großen Haus leisten: in der laufenden Spielzeit werden es nur noch acht im Gegensatz zu 12 in der Spielzeit 95/96 sein.

Kein Wunder, dass Frank Castorf angesichts einer Subventionserhöhung (aus Lotto-Mitteln) von sechs Millionen Mark, die Peymann für das Berliner Ensemble beim Berliner Senat durchsetzten konnten, nur noch zynisch von dessen barocker Selbstverblendung spricht. Peymann ist es gelungen, für sein personell und von den Zuschauerplätzen her wesentlich kleineres Haus den selben Etat auszuhandeln, mit dem Castorf haushalten muss.

»Und dann kommt diese Verwöhntheit, in der sich die linken Theatermacher der Bundesrepublik verloren haben, die nie verwinden konnten, dass sie nicht Kanzler, sondern leider nur Intendant geworden sind«, antwortete er jetzt auf Peymanns Kampfansage. Castorf hatte sich vorgenommen, den »grenz überschreitenden Verkehr« zwischen Politik und Theater zu provozieren und vor allem die theaterabstinenten Zuschauerschichten an sein Haus zu binden. Der Mann hat Wort gehalten. Und hat dafür auch einige Lorbeeren ernten können. Der Begeisterung der Zuschauer folgte die Anerkennung der Kritik. Doch das alles zählt für die Berliner Kultur-Politik offenbar nicht. Spätestens seit des von Schlingensief provozierten »Tötet-Kohl«-Skandals ist den CDU-Politikern der Tanker am Prenzlauer Berg ein Dorn im Auge. »Das ist die politische Wahrheit zwischen Ost und West, alles Lobbyismus, ob man links steht oder rechts. Man ist alt geworden und hat Vertrauen erregt. Dann kriegt man die Summen, die andere nicht kriegen. Ich aber glaube, dass ich besser bin als andere. Also muss ich es auch unter schlechteren Bedingungen schaffen«, sagte Castorf trotzig gegenüber dem österreichischen Nachrichtenmagazin News in Wien, wo er gerade am Burgtheater die Spielzeit eröffnet hat.

Irgendwie erinnert die Situation an das Wettrennen im »Märchen vom Hasen und Igel«. Jedes Kind weiß, wie das ausgeht.

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