Skandal im Sperrbezirk

DIE STUNDE DER POPULISTEN Theater als öffentliches Ärgernis

Stell dir vor, Jesus war schwul! Für die Anhänger der Partei »bibeltreuer Christen« sind dieser Gedanke und das Theaterstück, das mit diesem Gedanken spielt, ein Fall von Blasphemie. Sie würden natürlich nie das Theater in Heilbronn betreten, wo die deutsche Erstaufführung von Corpus Christi (Terrence McNally) seit September vergangenen Jahres mit ständig ausverkauften Vorstellungen auf dem Spielplan steht. Nein, stattdessen stellen sie sich vor das Schauspielhaus und singen Kirchenlieder. Unterschriftensammmlungen, Protestbriefe und Leserbriefkampagnen in der Lokalzeitung nützten bisher nichts. Auch der Versuch, vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen die Aufführung zu erwirken, blieb erfolglos. Der Intendant Klaus Wagner, mit Rückendeckung des Heilbronner Oberbürgermeisters, weigerte sich bisher standhaft, die Inszenierung abzusetzen. Vor einer Woche allerdings musste eine Aufführung wegen einer Bombendrohung ausfallen. Nun erhält das Theater Polizeischutz, wenn Corpus Christie wieder auf dem Spielplan steht.

Dieser Fall weist frappante Ähnlichkeiten auf mit dem Vorgehen der US-amerikanischen, christlichen Fundamentalisten gegen Künstler, kulturelle Institutionen und die staatliche Kulturstiftung, das National Endowment for the Arts während der neunziger Jahre. Ihre Propaganda reduzierte die allgemeine politische Orientierungslosigkeit auf simple Feindbilder, auf moralische Fragen und family values. Und sie waren in der Lage, öffentliche Protest-Kampagnen zu organiseren. Heilbronn ist in dieser Hinsicht ein deutscher Präzedenzfall.

Andernorts verlaufen die Fronten der Theaterskandale anders. Aber die Methoden sind wiederum ähnlich. In Düsseldorf zum Beispiel. In der Landeshauptstadt hat der neue Oberbürgermeister Erwin (CDU) durch seine These, die Zuschauer wollten »Klassiker, die noch als solche erkennbar sind« eine Hetzkampagne gegen die Intendantin Anna Badora entfacht und angeheizt. Sie ist inzwischen so weit gediehen, dass über mögliche Nachfolger Badoras öffentlich nachgedacht wird, obwohl der Vertrag der Intendantin noch länger als zwei Jahre läuft. Liest man die seit Wochen in der Rheinischen Post (RP) laufende Leserbriefkampagne nach, weiss man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Diejenigen melden sich als erste und schreien am lautesten, die zugegebenermaßen schon seit Jahren nicht mehr ins Schauspielhaus gehen beziehungsweise ihr letztes schönes Theatererlebnis, an das sie sich noch erinnern können, unter der Intendanz von Gustaf Gründgens hatten. Aber auch die etwas jüngeren Theatergänger erklären, sich im Theater vor allem von der Mühsal des Alltags erholen zu wollen. Beziehungsweise, so eine weitere RP-Leserin: Wer zwischen 20 und 40 Jahre alt ist, der habe eh keine Zeit ins Theater zu gehen, sondern sei mit Karrieremachen beschäftigt. Und natürlich kommen auch die in solchen Debatten obligatorischen Steuerzahler zu Wort, die mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis im Theater nicht einverstanden sind. Andererseits guckt man neidisch auf Berlin und ärgert sich, dass die überregionale Kritik Düsseldorf links liegen lässt. Letztlich ergibt sich kein klares Bild, was für ein Theater die Vertreter der »werktreuen« Klassikerinszenierung eigentlich wollen. Sie berufen sich auf den Text des Autors, den sie wiedererkennen möchten. Das inszenatorische Beiwerk der Aufführung, der Auslegung und Vermittlung, soll sich dem unterordnen. Wenn man schon nicht das Rad der Geschichte anhalten kann, dann möchte man doch wenigstens das Rad der Theatergeschichte zurückdrehen. Die Anerkennung der Arbeit des Regisseurs als autonome, künstlerische Leistung ist nämlich noch keine 100 Jahre alt.

Insofern gibt der Urteilsspruch des Landgerichts Leipzig im Streit um die Dresdner Csárdásfürstin, wonach dem Intendanten der Dresdner Oper untersagt ist, das Werk in gekürzter Fassung aufzuführen, zwar dem Regisseur Peter Konwitschny Recht, aber als Ermutigung zum künstlerischen Experiment, zur Publikumsprovokation darf es trotzdem nicht gewertet werden. Im übrigen will Intendant Christoph Albrecht in Revision gehen.

Dass man falsch daran täte, diese Art des grassierenden Populismus und der Restaurierung feudaler Machtstrukturen im Theater- und Opernbereich für eine Angelegenheit der Provinz zu halten, darüber klärte uns dankenswerterweise am vergangenen Wochenende das Publikum der Deutschen Oper Berlin auf, als es Hans Neuenfels im Anschluss an seine Nabucco-Premiere niederschrie.

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