Theatermacher mit Geheimdienstkontakten

ÖFFENTLICHER DIENST Vielleicht würde es etwas ändern, wenn Theatermitarbeiter nicht als Angestellte im Öffentlichen Dienst beschäftigt wären. Möglicherweise hätte sich ...

Vielleicht würde es etwas ändern, wenn Theatermitarbeiter nicht als Angestellte im Öffentlichen Dienst beschäftigt wären. Möglicherweise hätte sich damit der ganze Zusammenhang von Staatssicherheit und Theater längst von selbst erledigt. Denn an einer systematischen Auseinandersetzung mit diesem Thema scheint die Medienöffentlichkeit nicht interessiert zu sein. Erst Recht nicht elf Jahre nach dem Ende der DDR, zu dem gerade die DDR-Theaterleute sich immer rühmen konnten, einen nicht unwesentlichen öffentlichen Beitrag geleistet zu haben.

Die Betroffenen, die etwas darüber mitteilen könnten, wie es möglich war, Theaterarbeit im Sinne eines aufklärerischen Kunstverständnisses zu verantworten und gleichzeitig der Stasi Informationen zu liefern, reden nicht. Sie wurden und werden gekündigt, sobald sie als IM identifiziert sind. Der Rest ist Schweigen. Dass die stellvertretende Intendantin des Deutschen Theaters, Rosemarie Schauer, sich so lange bedeckt hielt, bis die »fristlose Kündigung im gegenseitigen Einvernehmen« unabwendbar wurde, zeugt einerseits vom mangelnden Unrechtsempfinden, andererseits von politischer Unsensibilität der Dramaturgin. Ihr Fall hat dem Ansehen Thomas Langhoffs in der Öffentlichkeit weiteren Schaden zugefügt.

Dass der Nachweis einer unterschriebenen Verpflichtungserklärung zum Informellen Mitarbeiter die graduell und individuell sehr unterschiedliche Verwicklung in die Geheimdiensttätigkeiten nicht differenziert genug erfasst, zeigen andere aktuelle Stasi-Fälle und -Verdächtigungen, die fast gleichzeitig mit dem »Fall« Schauer bekannt und in der Presse kommentiert wurden.

Insbesondere an der Berichterstattung über Thomas Bischoff, von dem in Theaterkreisen schon seit längerem das Gerücht kursierte, dass er »irgendwie« eine Stasivergangenheit habe, kann man sehen, dass sein Versuch, offensiv mit den Verdächtigungen und Beschuldigungen gegen ihn umzugehen, ihm nicht allzu viel genützt hat. Allein Frank Castorf war nicht bereit, wie seine Intendanten-Kollegen in Leipzig, Dresden und Düsseldorf zu reagieren und den Stab über Bischoff zu brechen. Thomas Bischoff ist seit dieser Spielzeit an der Volksbühne als Hausregisseur unter Vertrag. In Düsseldorf sollte er Oberspielleiter werden. Seinen Vertrag am Düsseldorfer Schauspielhaus hat er von sich aus nicht unterschrieben, ohne das Ergebnis der Überprüfung durch die Gauck-Behörde abzuwarten. Was an der ganzen Angelegenheit stutzig macht, ist der Zeitpunkt, zu dem jetzt die Vorwürfe gegen Bischoff öffentlich gemacht wurden und die Art und Weise wie über den »Karriereknick« eines der wenigen erfolgreichen, aus der DDR stammenden, jüngeren Regisseure im deutschen Theaterbetrieb hergezogen wird. Neid und Missgunst, so scheint es, sind nicht die geeigneten Ratgeber in Sachen Vergangenheitsaufarbeitung.

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