Wo spielt die Musik?

THEATERTREFFEN Angst vorm Medientrash

Gebt mit ein Leitbild! So hieß Mitte der neunziger Jahre ein programmatisches Spielzeit-Motto der Berliner Volksbühne. Es war einem Lied der slowenischen Band Laibach entlehnt, die als Teil der Künstlergruppierung "Neue Slowenische Kunst" bei ihrem Gastspiel in der Volksbühne sogar einen eigenen Staat ausgerufen hatte. Damals war noch Ironie beziehungsweise Selbstironie im Spiel, wenn es darum ging, das Verhältnis von Macht und Theater zum Thema zu machen. Das Theater als Staat im Staate - das hatte als Modell etwas Subversives. Aber Ironie setzt Distanz zu sich selbst und zu den Verhältnissen voraus. Und die scheint, ebenso wie der Überblick, derzeit allen Beteiligten zu fehlen.

Deshalb erlaubt man sich beim diesjährigen Theatertreffen gleich eine ganze Diskussionsreihe zum Thema "Politik Macht Theater", bei der noch einmal ganz grundsätzlich in beide Richtungen gefragt wird: "Macht Politik Theater?" beziehungsweise "Macht Theater Politik?".

Die Fragestellung verweist vor allem auf die sogenannte vierte Macht: die Medien. Sie liefern die Bühne, auf der sich Politiker in Szene setzen. Die Frage nach dem Zusammenhang von Politik und Theater ist ohne die Medien gar nicht mehr zu verstehen, geschweige denn zu beantworten. Und mit dem, was man gemeinhin als Medienwirklichkeit umschreibt, hat sich die darstellende Kunst hierzulande lange Zeit sehr schwer getan: Abstinenz gegenüber allem, was populär ist, intellektuelles Besserwissen gegenüber Phänomenen, die man als "Verblendungszusammenhang" ideologiekritisch im Griff zu haben glaubte et cetera. Inzwischen haben die Theatermacher aber ihre Hausaufgaben gemacht. Das theater Z zum Beispiel, eine freie Gruppe aus Berlin, spielt seit Wochen ... is watchingyou - Fernseh WG als Antwort des Theaters auf das Konzept der Real Life Soap Big Brother. Was könnte besser den derzeitigen Run der Theater nach dem Zeitgenössischen zum Ausdruck bringen?

Das Theater als klassische mimetische, das Leben nachahmende Kunst ist bei dem Versuch, mit der Theatralisierung der Wirklichkeit Schritt zu halten, in einen Wettlauf mit den Medien geraten, die mit ihrer Omnipräsenz das Imaginäre besetzen oder besser gesagt: ersetzen. Die Bildwelten von Film und Fernsehen als nach außen gekehrte Innenwelten des Menschen aufzufassen, ist vor allem für junge Theatermacher selbstverständlich. Wer mit diesen Dingen aufgewachsen ist, tut sich schwer, so etwas wie eine "eigene Fantasie" zu behaupten, sondern geht davon aus, dass die Bilder in seinem Kopf immer schon Zitate aus den Medien sind. Dem Theater aber wird durch den Kurzschluss von Innen- und Außenwelt die klassische Illusionswirkung immer mehr zum Problem.

So klagt Klaus Völker, der die Auswahl für den Stückemarkt beim Theatertreffen besorgt, über den Niedergang der Kunst des Stückeschreibens: "Sehr viele Stücke junger Autoren sind inzwischen nur noch eine formlose Masse von Szenen, blutige Gewalt beschwörende Wirklichkeitssplitter, trockene Versuchsandordnungen oder choreographische Notate; vorzugsweise entstehen Libretti für Materialschlachten, Videofilmdrehbücher und der bunten Medienwelt hinterherlaufender Trash fürs Theater".

Einen anderen Weg schlagen Künstler ein, die bei ihrer Theaterarbeit nicht nur vom Text ausgehen, sondern vorzugsweise mit multimedialen Inszenierungskonzepten experimentieren. Eine Vertreterin dieses erweiterten Theaterverständnisses ist Elisabeth Schweeger, die designierte Intendantin des Frankfurter Schauspiels. Zusammen mit dem Theaterkritiker Ralph Hammerthaler hat sie pünktlich zum Theatertreffen einen Band in der Reihe Zeichen des Alexanderverlags herausgegeben mit dem Titel Räumungen. Von der Unverschämtheit, Theater für ein Medium der Zukunft zu halten. Er bietet einen guten Überblick über gegenwärtige Positionen der Mediengeneration unter den Theatermachern.

Das Theater steckt in einem Dilemma: Hält es fest an den ureigensten Regeln der Darstellungskunst, droht es den Kontakt zur Wirklichkeit und damit auch zur Erfahrungswelt seines, vor allem des jüngeren Publikums zu verlieren. Schmeißt es sich der Wirklichkeit rückhaltlos an den Hals, droht Verrat an der eigenen Kunst und damit tendenziell der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit.

R. Hammerthaler, E. Schweeger: Räumungen. Von der Unverschämtheit, Theater für ein Medium der Zukunft zu halten, Alexander Verlag Berlin 2000, 160 S., 15,- DM

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