Auf Du und Muh

Diagnose Mensch Die Seele von Tieren bewegte früher vorwiegend Hundebesitzer. Nun endlich auch die Forschung. Völlig unterschätzt etwa: Das Gefühlsleben der Milchkuh

Es gibt eine klare, wenn auch unsichtbare Linie zwischen diesen Welten: Auf der einen Seite der Mensch in seiner vermeintlichen kognitiven Überlegenheit – auf der anderen Seite das Tier als Teil der Natur, das l eidet, und zwar unter dem Menschen. Der wiederum tut sich erstaunlich schwer mit seiner Emanzipation von der animalischen Seite, die er quasi als emotionalen Atavismus in sich vermutet. Man bedenke die zahlreichen Parallelen, die zwecks Erklärung unausrottbarer Verhaltensmuster zwischen Männern und Tieren gezogen werden.

Schuld daran ist wie gewohnt Charles Darwin. Der interessierte sich zwar zunächst eher für Äußerlichkeiten, ganz prominent etwa für die Schnabelform seiner Galapagosfinken. Aber selbst Darwin blieb von der Idee nicht unberührt, dass die unvollkommenen Vorläufer der Schöpfungskrone auch innerlich etwas bewegt: In The Expression of the Emotions in Man and Animals geht Darwin davon aus, dass es universelle Empfindungen gibt, die sich über die Spezies hinweg bis hin zu den Gefühlen des Menschen entwickelt haben. Darwin untersuchte diese Regungen damals in interessanten Testreihen, für die er Freunde und Bekannte rekrutierte, und kreiste schließlich sechs fundamentale Emotionen ein: Wut, Angst, Ekel, Überraschung, Frohsinn, Traurigkeit. Wie genau sich diese Bewegungen des Gemüts in der Tierwelt ausdrückten, blieb dem großen Forscher allerdings verschlossen. Es entsprach wohl nicht dem Zeitgeist, die Gefühle von Tieren allzu ernst zu nehmen, und Darwin hatte genug mit der Empörung der Leute darüber zu tun, dass sie von Affen abstammen sollten.

Heute liegen die Dinge gründlich anders. Die Tierschutzbewegung hat gefiederten und vierbeinigen Erdbewohnern Rechte erkämpft – zumindest auf dem Papier. Was zwar in der Nahrungsmittelproduktion weitestgehend ignoriert wird, weil Appetit und Geldbeutel irgendwie vor der Empathie kommen. Dafür aber fühlen die Menschen ansonsten ganz besonders stark mit Tieren, zumindest dann, wenn deren Sorgen scheinbar die eigenen Probleme spiegeln: Stress, Liebeskummer, Geschlechterkämpfe – sobald ein Schimpansenmännchen mal die Kinderbetreuung übernimmt, fließen Tränen der Rührung. Und auch die Bande tier­ischer Freundschaft bewegen: Wie Forscher der University of Northampton kürzlich auf einer Tagung berichteten, leiden Milchkühe nämlich ganz außerordentlich, wenn man ihnen ihre besten Freundinnen wegnimmt.

Eine Doktorandin hatte für ihre Untersuchungen die Herzfrequenz und die Level der Stresshormone im Blut der Tiere unter verschiedenen Bedingungen untersucht: In Gegenwart der (wie auch immer identifizierten) „besten Freundin“, von „fremden“ Kühen oder allein. Am entspanntesten zeigten sich die Tiere jeweils mit einer bestimmten Kuh, die als Kuh des besonderen Vertrauens ausgemacht wurde. Die Resultate werten die Forscher als starken Hinweis darauf, dass Milchkühe nicht einfach nur wiederkäuend auf der Weide herumstehen und in die Luft starren. Nein, sie gehen enge soziale Bindungen ein, Freundschaften, haben Busen- bzw. Euter-Freundinnen und brauchen deren Nähe – ganz wie der Mensch.

Dass das Herz einer Kuh vielleicht andere Gründe dafür hat, in Gegenwart bestimmter Kolleginnen höherzuschlagen, sei dahingestellt. Wohin der Identifikationskomplex des Menschen mit dem Tier aber führen wird, verdient einer genaueren Untersuchung. An der Uni Hamburg wird man sich dem widersprüchlichen Verhältnis von Mensch zu Tier jedenfalls intensiv widmen: Die Group for Society and Animal Studies will sich dabei auch mit der Psychologie befassen.


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Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus

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