Kathrin Zinkant
26.04.2012 | 16:47 3

Auferstanden als Ruine

Diagnose Mensch Stammzellen entwickeln sich zum kommerziellen Hit. Die Forschung kann nur zugucken

Auferstanden als Ruine

Illustration: Otto

Wenn eine Gemeinschaft von Schriftstellern innerhalb von zehn Jahren 70 Pakete Druckerpapier (oder 70 kleine Festplatten) benötigte, würde man wohl sagen, diese Autoren seien faul – denn was braucht der Schreibende, wenn nicht Papier oder Speicherplatz? Zugleich würden Menschen, die gerne lesen, sich aber dafür aussprechen, dass den Schriftstellern für ihre Arbeit das nötige Material zur Verfügung steht. Und in der Forschung sollte das wohl auch so sein. Ist es aber nicht. Schon gar nicht, wenn es um Stammzellen geht.

Degenerative Erkrankungen, bei denen funktionell wichtige Gewebe ihren Dienst quittieren und sich durch Medikamente auch nicht wieder mobilisieren lassen, werden aus den bekannten demografischen Gründen immer häufiger werden. Alzheimer, Parkinson, verschiedene Augenleiden, Diabetes, oder auch die seltenere Amyotrophe Lateralsklerose – eine ganze Palette pathologischen Grauens ist mit der Degeneration von Muskeln und Nerven und Binde­gewebe verbunden (vom schnöden Altwerden selbst mal ganz abgesehen). Es ist daher nicht schwer zu verstehen, dass die Aussicht auf fundamentale Regeneration kaputtgegangenen Körperinventars Ende der Neunziger ziemlich große Begeisterung hervor­gerufen hat. Für ein paar Jahre schienen Stammzellen auf dem besten Weg, die Medizin endlich und umfassend zu revolutionieren. Stammzellen standen auf dem Titel der großen Magazine und Zeitungen. Es wurden Milliardenbeträge für die Forschung bereitgestellt, riesige wissenschaftliche Ein­richtungen gebaut, Gesetze geändert, ethische Debatten geführt – alles, um die Forschung an Stammzellen auf einen fruchtbaren Weg zu bringen.

Sauberes Forscherland

Knapp 15 Jahre später sieht die Realität nun so aus: Einer Umfrage der dpa zufolge würden sich zwei Drittel aller Deutschen, falls sie schwer erkranken und keine andere Therapiemöglichkeit haben, mit embryonalen Stammzellen behandeln lassen. Hoffnung ist also noch immer da. Aber das Vertrauen? Mitnichten. Trotz des Wunsches, mithilfe von Stammzellen überleben zu dürfen, wollen drei Viertel der Befragten die Forschung, die für solche Therapien notwendig wäre, am liebsten voll und ganz verbieten. Es ist fast, als habe die Öffentlichkeit den faulen Kompromiss verinnerlicht, den der Bundestag vor vier Jahren mit der zweiten Stichtagsregelung erneut eingegangen ist, und der bewirkt hat, was man sich offenkundig ja erhofft hatte: Die deutschen Forscher haben sich die Hände mit den 70 Stammzellimporten der vergangenen zehn Jahre nicht über­mäßig schmutzig gemacht. Aber was andernorts geforscht wurde, nimmt man gerne an.

Dass das nicht zielführend sein kann, ist klar. Jenseits der forschenden Institutionen bieten eben private Kliniken nicht zugelassene Behand­lungen an – etwas, was man eigentlich gerne den Chinesen vorwirft. Nature veröffentlichte erst vor Wochen eine eigene Untersuchung, derzufolge chinesische ­Kliniken allenthalben mit fragwürdigen Stammzelltherapien auf den Markt ­gehen, ohne dass die Regierung überhaupt über eine entsprechende ­Legislative zum Schutz der Patienten verfügt. Aber es ist eben nicht nur China: In Deutschland wurde das Unternehmen X-Cell wegen seiner Stamm­zellangebote geschlossen. Eine andere ­Firma umgeht einem Bericht von Spiegel-TV zufolge das geltende Verbot, ­indem sie die Therapie im Internet nur ausländischen IP-Adressen anzeigt. Der Hauch des Verbotenen haftet an Stammzellen inzwischen, als sei es ­Pornografie.

Und die Wissenschaft? Sucht nach anderen Innovationen, weil Deutschland ja ein Forscherland sein soll. Aber ein sauberes!

Kommentare (3)

j.kelim 26.04.2012 | 23:44

Dubiose Stammzelltherapien: Ein Geschäft mit der Verzweiflung?

“Dreiste Quacksalber und absonderliche Therapien - Skurillitäten finden sich auf diesem Gebiet zuhauf…Doch schwerer zu beurteilen sind die seriöseren Angebote, die die bewährte Methode der Knochenmarks-Transplantation auf weitere Therapiefelder ausdehnen wollen. Niemand hat bewiesen, dass dies wirksam ist - aber ausschließen kann man es auch nicht.
Im Fall von Erkrankungen des Nervensystems (wie Parkinson, Alzheimer und multipler Sklerose) konnte in keiner einzigen Studie eine klare positive Wirkung nachgewiesen werden. Doch gerade für diese Erkrankungen wird am häufigsten geworben…

…Zuerst durchlitten zwei kleinen Jungen schweren Komplikationen, dann starb ein 18-Monate altes Kind nach dem Eingriff an Gehirnblutungen. Das Fazit: Wer bei dieser Art von Behandlung nur sein Geld verliert, darf sich noch glücklich schätzen…
…Wer will es einem unheilbar kranken Menschen verdenken, dass er zum letzten Strohhalm greift? Aber dazu raten kann man ihnen nicht - auch Verzweiflung sollte aus Menschen keine Versuchskaninchen machen.
Doch angesichts der Ärzte, die mit unerprobten Therapien ihr Geld verdienen, beschleicht einen ein ungutes Gefühl: Es ist und bleibt ein Geschäft mit der Verzweiflung.“
Quelle:
www.wissensschau.de/stammzellen/stammzellentherapie_kliniken.php

Wenn Morgen
der sanfte
Henker
vor meinem
hölzernen
Kreuz steht

mir die Nägel
aus den Füßen
schlägt

mein Herz
herabfallend
in seinem
Schoße
zu Staub
zerfällt

ziehe ich
über das
dunkelste
Feld der Liebe

ohne die
Erinnerung
an ein Stammzellenselbst.

Andere Muskeln können sich nach einer Verletzung vollständig regenerieren. Dem Herzmuskel fehlt diese Fähigkeit - vielleicht, weil ihm heilende Stammzellen fehlen? Unter Wissenschaftlern ist noch umstritten, ob es gar keine Herz-Stammzellen gibt oder ob nur ihre Zahl zu gering ist. So oder so, die Konsequenz ist die gleiche: Ein schwer geschädigtes Organ, das sich nicht selbst heilen kann…
Eine Ursache dieses enttäuschenden Ergebnisses: Die transplantierten Stammzellen integrieren sich nicht in das Herzgewebe sondern sterben rasch ab –
Trotz all der großen Anstrengungen haben die Stammzell­therapien nach Herzinfarkt noch keinen Durchbruch erzielt. Aber Elan der Ärzte ist ungebrochen, sie lernen aus den Misserfolgen und suchen weiterhin nach neuen Wegen. Ob die Hoffnungen auf eine regenerative Stammzelltherapie je erfüllt werden können, bleibt jedoch weiterhin fraglich.
Quelle:
www.wissensschau.de/stammzellen/stammzellentherapie_herzinfarkt.php

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Ehemaliger Nutzer 29.04.2012 | 23:35

"Die deutschen Forscher haben sich die Hände mit den 70 Stammzellimporten der vergangenen zehn Jahre nicht über­mäßig schmutzig gemacht. Aber was andernorts geforscht wurde, nimmt man gerne an."
Liebe Frau Zinkant mir ist nicht ganz klar wie Sie das meinen.

Bei den verwendeten Zellen handelt es sich um überschüssige embryonale Stammzellen die von in vitro Fertilisationen stammen. Welche, so sie denn nicht für die Forschung genutzt werden, im Abfall landen!
Aus dieser Perspektive betrachtet ist die Argumentationskette der deutschen Enquetekommissione doch sehr dürftig.

Aber mal abgesehen von dieser durch und durch emotionalen und wenig rationellen Debatte um ES, haben die induziert-pluripotenten-Stammzellen (IPSC) in den letzten Jahren durchaus Erfolge aufzuzeigen.
Auch hier hat die Europäische Union komplett den Anschluss verloren, da es sich um gentechnische Verfahren handelt. Was von Forschung, Entwicklung und Wirtschaft prophezeit wurde ist eingetreten.

Wir nehmen täglich freiwillig literweise Phtalate und andere östrogen-ähnliche Substanzen zu uns, die mit ihrer Wirkungsweise direkt in den Zellstoffwechsel und die DNA Replikation eingreifen, aber wenn die Forschung direkt an der Zelle forscht, hui, dann ist auf einmal der Lebendschutz gefährdet?
Eine ziemliche Heuchelei in anbetracht der Tatsache, dass die ganze Chemiepampe auch noch in Folgegenerationen wirkt und trotzdem nicht verboten wird.

Die Branche der Biotechnologie hat einfach nur nicht die Lobby, wie sie die Ölmultis und die fraktionierenden Chemikalienhersteller haben, da ihr wirtschaftlicher Einflussfaktor zu gering ist.
Das Beinahe-Verbot der Stammzellforschung in Europa ist, konsequent betrachtet, eine rein politische und die Medien haben fleißig mitgemacht.

j.kelim 30.04.2012 | 02:16

@Technixer schrieb am 29.04.2012 um 21:35

“Wir nehmen täglich freiwillig literweise Phtalate und andere östrogen-ähnliche Substanzen zu uns, die mit ihrer Wirkungsweise direkt in den Zellstoffwechsel und die DNA Replikation eingreifen, aber wenn die Forschung direkt an der Zelle forscht, hui, dann ist auf einmal der Lebendschutz gefährdet?"

Ein gutes Beispiel: zeigt es doch den Wahnsinn einer Denk- und Handlungsweise. Einem Kind gegenüber zeichnet die verantwortliche Mutter Grenzlinien und innerhalb des Raumes kann sich ein Kind entwickeln und diesen Raum ausfüllen.

Was Sie hier darlegen ist doch genau die selbe Methode die Sie anderen zum Vorwurf machen.

Den Raum den wir geschaffen haben, machen wir ihn zuerst einmal sauber und kümmern uns diese Dinge, welche Sie kritisieren.

Danach, wenn das Wasser, der Boden und die Luft, den Menschen bessere und gesündere Lebensbedingungen biete, so kann darüber nachgedacht werden, wo auch immer weiterhin Forschung zu betreiben? Und an welcher Stelle es besser ist, die Grenzen nicht zu erweitern.

Es ist gut möglich, sobald der Lebensraum wieder sauberer ist, ist es auch nicht auszuschließen, dass bestimmte Krankheiten gar nicht mehr auftreten und somit ersparen wir uns die Forschungsgelder, welche nötig wären, wenn wir so weitermachen, und blind in allen Richtungen hineinforschen und den Dreck, der dabei entsteht, am Wegesrand liegen lassen.