Das brüchige Wesen des Spielerkörpers

Sportmedizin Die Fitness im Profifußball stößt an eine Grenze. Die Belastung aber wächst. Da kommt die Trainingsforschung nicht mehr mit

Wer gerne Helden fallen sieht, der darf sich mit der Weltmeisterschaft in Südafrika in diesem Jahr schon vor ihrem Ende als ziemlich üppig bedient betrachten. Lionel Messi, Franck Ribéry, Didier Drogba, Christiano Ronaldo, Robinho, Wayne Rooney, Fernando Torres – was für Namen sind das! Die perfekt trainierten Leistungsträger der europäischen Ligen sind entweder schon angeschlagen in Südafrika aufgelaufen oder wurden auf dem Spielfeld einfach verschluckt. Sie haben ihre Mannschaften eher geschwächt, denn gestärkt, wirkten müde und ratlos, quälten sich erkennbar, und blieben trotzdem weit hinter ihren Möglichkeiten zurück, wie es so heißt. Anstelle der großen Favoriten reüssieren andere Teams, die keine Superstars benennen können und wollen, die auf jeder Frage nach der eigenen Leistung mit einem „wir“ antworten. Das ist zwar schon lange üblich so, aber jetzt bekommt das „wir“ doch eine andere Wendung, weil aus dem „wir“ keine Ikone mehr herausragt, kein Astralkörper, wie ihn die Reklame feiert, sondern das Gefühl von Stärke aus dem Miteinander.

Was ist da passiert? Ist die Grenze der körperlichen Leistunsfähigkeit erreicht? Die Beschränkungen der biologischen Konstruktion Mensch sind immer wieder angemahnt worden, allerdings weit häufiger in der Athletik als im Teamsport, weil der Erfolg in der Gruppe doch eigentlich nicht von der Fitness des Einzelnen abhängen sollte, sondern von dem Zusammenspiel aller. Nicht Körper, sondern Mannschaft, nicht Individuum, sondern Gruppe. Steht anstelle des auf sich allein gestellten Leichtathleten, Kugelstoßers, Radfahrers oder Sprinters ein Teamkörper auf dem Platz, bleibt ja selbst der Gedanke an Doping bloß – ein Gedanke. Was soll das bringen, wenn einer 90 oder 120 Minuten rennen, aber doch nicht spielen kann? Diese Ansicht wird nach wie vor ganz vehement vertreten, vor allem von den Trainern und den Spielern selbst. Zumal: Die Kontrollen! Das Netz ist angeblich so dicht, dass da niemand durchkommt, selbst wenn er wollte. Dass der Einsatz verbotener Substanzen auch im Fußball schon vermutet wurde, ob in Hoffenheim oder in der italienischen Liga, hat diese Haltung eher zementiert denn geändert. Dabei braucht es den Missbrauch gar nicht, damit einem die zentrale Rolle der körperlichen Leistungsfähigkeit gerade im Fußball ins Auge springt.

Talent alleine reicht längst nicht mehr, Fitness ist zum Maßstab im Profifußball geworden. An der Spitze der Ligen erscheint mittlerweile jede Faser der vierhundertteiligen menschlichen Skelettmuskulatur trainiert und definiert. Ein Stürmer kann es sich kaum mehr erlauben, vorne in der Spitze auf die Flanke zu warten, weil sein Laufpensum statistisch mit dem Erfolg der Mannschaft korreliert – genau so wie die Spitzengeschwindigkeit von mehr als 24 Kilometern pro Stunde, die er auf der mittleren Strecke von knapp elf Kilometern pro Spiel gleich mehrmals zu erreichen hat, um sich durchzusetzen. Partys, Alkohol und andere schlechte Einflüsse auf die Leistung – sie sind tabu, und dem Betrachter erscheint das alles mittlerweile völlig normal. Dabei war es nicht immer so.

Wie fit war Helmut Rahn?

1958 muss Nationaltrainer Sepp Herberger seine Leistungsträger noch aus der Eckkneipe zerren: Helmut Rahn feiert gern, lässt sich aber überreden, kommt mit zur WM, schießt zwei Tore gegen Argentinien und geht wieder feiern. Über seine Fitness wird weder vor der Weltmeisterschaft gesprochen, noch hinterher – es weiß auch niemand etwas darüber. Was zählt, ist auf dem Platz, ist das Ergebnis, und so bleibt es im Fußball auch für lange Zeit. Die Top-Fußballer sind Einzelkrieger, harte Kerle mit Allüren und bewegtem Hintergrund, die sich ganz sicher nicht reinreden lassen. Schon gar nicht, wenn es den eigenen Körper und dessen Konstitution betrifft.

In Westdeutschland ist das wohl nicht zuletzt der Vergangenheit geschuldet: Die Nationalsozialisten hatten sich der wissenschaftlich überwachten Stählung des „Volks­körpers“ allzu nachdrücklich gewidmet, sie überdeutlich mit der Medizin verquickt. „Sport ist der praktische Arzt am Krankenlager des deutschen Volkes“, dichtet Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer einige Jahre vor dem Dritten Reich, und formuliert damit ganz unfreiwillig ein Motto für die Sportmedizin der Hitlerzeit. Ein weiteres lautet dann, dass körperliche Ertüchtigung den Charakter zu formen hat. Und nicht umgekehrt.

Nach dem Krieg ändert sich alles und nichts. Wie in den meisten Instutionen der jungen Bundesrepublik, auch den wissenschaftlichen, ist der Neuanfang in der Sportmedizin von personeller Kontinuität und wohl deshalb auch von der notwendigen Zurückhaltung gesprägt. Die Ärzte fristen ein Schattendasein in den populären Sportarten, wo man es jetzt mit Brecht statt Adenauer hält und den Sport erst dort verortet, wo die Gesundheit aufhört. Die Wissenschaft? Ein Fimmel, ein Todfeind des Sports. Schon die Vernunft macht ihn nur schlechter. Die Helden des Fußballs haben wilde Kerle, Instinktsportler zu sein – und sind es größtenteils. Als die Dinge sich Ende der siebziger Jahre allmählich bewegen, als Leistungsdiagnostik und Fitnesstraining Einzug in die Kader halten, sieht das denn auch kaum ein Profi ein. Der ehemalige HSV- und Schalke-Stürmer Dieter Schatzschneider – er führt die ewige Torschützenliste der zweiten Bundesliga bis heute an – schimpft nach wie vor über die unbotmäßige Einmischung der Wissenschaft als den „größten Scheiß, den es gibt.“ Spieler wie ihn oder den schwierigen HSV-Kollegen Wolfram Wuttke hätte es seiner Auffassung nach nie geschafft, wenn sportmedizinische Erkenntnisse die Auswahl der Kader bestimmt hätten. Im Hamburger Sportverein entscheidet damals allerdings ein Mann aus ähnlichem Holz über die Zusammensetzung der Mannschaft. Manager Günter Netzer verlässt den Verein 1986, zeitgleich mit Wuttke und Schatzschneider.

Im selben Jahr tritt die deutsche Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft in Mexiko wieder gegen Argentinien an, dieses Mal ist es das Finale, und dieses Mal folgt einem großmäuligen Vorspiel der deutschen Spieler die Blamage. Die stämmigen kleinen Südamerikaner mit Diego Armando Maradona im Zentrum schlagen eine sonnengeplagte, konditionsschwache Elf, die sich nach dem entscheidenden Treffer und noch vor Ende der 90 Minuten nicht kollektiv aufbäumt, sondern kollektiv auf dem Rasen ausstreckt. Der Akku ist leer, Argentinien wird Weltmeister, und spätestens jetzt gilt es umzudenken. Die Trainingswissenschaften schieben sich in den Mittelpunkt, ausgefeilte Leistungsanalysen und Fitnessprogramme betreiben die technologische Optimierung des Spielerkörpers. Es wird geforscht, experimentiert, getestet, es entsteht das moderne Sechserpack-Modell des Profifußballers, das sich auf dem Platz durchsetzt, weil es schneller antritt, länger läuft und robuster erscheint in einem Sport, der es an Robustheit nicht fehlen lässt. Als die WM 2006 nach Deutschland kommt, installiert Nationaltrainer Jürgen Klinsmann einen Fitnessapparat der Superlative und schreitet wie Co-Trainer ­Joachim Löw mit gutem Beispiel voran. Und wenn heute einer umfällt, eilt ein Ärztetross herbei, bis an die Zähne bewaffnet mit medizinischem Gerät. Es wird gesprüht, geklebt, getackert und gespritzt. Kiefer oder Nasenbrüche, angeknackste Unterarme, alles kein Problem mehr, jeder körperliche Restbestand ist reparabel. Zumindest für den entscheidenden Moment.

Mischwesen aus elf Spielern

Auf lange Sicht aber reicht das Optimum an körperlicher Leistung offenbar doch nicht, selbst wenn es mit großem Talent gepaart ist. Im Gegenteil. Je höher die Liga, desto häufiger müssen sie spielen, desto häufiger tun sich die Spieler heute weh. Kaum jeder zehnte übersteht eine Saison ohne Verletzung, und es ist diese Brüchigkeit des modernen Spielerkörpers, die in Südafrika zutage tritt. Die von der Bank ergreifen ihre Chance, das bessere Team und nicht der bessere Kader gewinnt. Die deutsche Mannschaft hat mit dem klaren Sieg über den alten Kontrahenten Argentinien alles erreicht, was nach dem Ausfall des eigentlich doch unentbehrlichen Michael Ballack verloren schien. Auch weil an seine Stelle nicht Bastian Schweinsteiger allein angetreten ist, sondern ein Mischwesen aus elf Spielern. Also wird nun der Teamgeist, der „Teamspirit“, beschworen – und vielleicht ist das nicht alles! Es hat sich was verschoben, im Fußball, und „wer mitbekommt, was sich im Fußball wann und wie verschiebt, ist über andere Gesellschaftsbereiche osmotisch informiert“.

Das zumindest schreibt der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit in seinem Buch Tor zur Welt und impliziert damit an diesem Punkt, dass aus einer leistungsorientierten Gesellschaft eine Gemeinschaft Gleichgestellter werden könnte, ganz unabhängig vom Vermögen des Einzelnen. Was für eine ergreifende Vorstellung von sozialem Miteinander – abgeleitet aus dem Volkssport! Ob sie wirklich etwas mit diesem Fußball zu tun hat, ist eine andere Frage. Lenkt man den Blick von der Ausnahmeerscheinung des Vier-Wochen-Turniers samt obligatem Massen-Frohsinn zurück auf den Ligaalltag, dann wird schnell klar, dass das „Team“ am Ende wieder dort Platz nehmen darf, wo es hergekommen ist: auf der Bank.

Sport ist Mord am Bein des Spielers

Verletzungen werden im deutschen Profifußball bislang nicht zentral dokumentiert. Wissenschaftliche Studien weisen jedoch daraufhin, dass sich gerade zum Ende der Saison wie jetzt zur WM besonders viele Spieler verletzen. Als Grund nennen die Forscher die akkumulierte körperliche Ermüdung der Fußballer.

Der Oberschenkel des Fußballers bevorzugt die Rückseite ist das beliebteste Ziel von Stößen, Tritten und anderen Attacken. Überhaupt betreffen drei Viertel der Blessuren die Beine. Prellungen und Verletzungen der Muskeln und Sehnen führen heute aber nur noch selten zu Ausfällen von mehr als vier Wochen.

Ein Kreuzbandriss dagegen dürfte den Schrecken jedes Clubmanagers repräsentieren: Noch so ausgefeilte Therapien können die Ausfallzeit der betroffenen Spieler derzeit nicht unter ein halbes Jahr senken. Interessanterweise sind Frauenfußballerinnen deutlich häufiger von dieser Verletzung betroffen, als die männlichen Kollegen.

Schmerzen sind für Ligaspieler ganz unabhängig vom Geschlecht ein ständiger Begleiter, und entsprechend hoch ist der Verbrauch an Analgetika. FIFA-Chefmediziner Jiri Dvorak hält den Missbrauch von Schmerzmitteln nicht nur in den Topligen für hoch problematisch. Fußballer, die mit geschienten Brüchen auflaufen, können ohne aber gar nicht spielen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

09:05 10.07.2010
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
Schreiber 0 Leser 5
Kathrin Zinkant

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1