Das Produkt Kind

Reproduktion Die Medizin stellt Eltern, Ärzte und die Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Das macht vielen Angst. Aber wir sollten uns nicht davor drücken

Erst kürzlich prophezeite die „Mutter der Pille“, der US-amerikanische Chemiker Carl Djerassi in einem Interview: „In den vergangenen 50 Jahren ging es um Verhütung. In den nun folgenden 50 Jahren wird sich alles um Empfängnis drehen.“ Ganz richtig liegt Djerassi nicht. Tatsächlich hat diese Debatte schon begonnen.

Kinder sind in unserer Gesellschaft längst ein teures Gut. Welche bekommen zu können, ist für viele zur Frage eines erfüllten, glücklichen Lebens geworden. Das wäre eigentlich keine so schlimme Sache, erschiene es nicht zugleich so, als würden unsere Kinder zum Objekt eines technologischen Optimierungsstrebens. Frauen erfüllen sich mit Hilfe der Reproduktionsmedizin jeden noch so späten Kinderwunsch. Unfruchtbarkeit wird mithilfe von fremden Eizellen oder Leihmüttern zum Nicht-Problem. Und das Risiko, sich mit einem nicht vollkommen gesunden Kind zu belasten, lässt sich mithilfe von Gen-Checks wie Präimplantations- und Pränataldiagnostik weitgehend minimieren.

Die Grenzen verschieben sich stetig, die Verquickung mit auch sonst eher umstrittenen Bereichen der Forschung, vor allem der Genetik, wächst. Zugleich wächst auch das Unbehagen. Denn mit der landläufigen Vorstellung von – und dem so diffusen wie verbreiteten Wunsch nach – natürlicher Fortpflanzung hat das alles wenig zu tun. Eigentlich möchte das so niemand. Oder doch?

Die Realität spricht dafür, dass es durchaus ein Bedürfnis nach Einflussnahme auf den Verlauf des Kinderkriegens gibt. Das zeigt sich vor allem an jenen Testverfahren, die nach der Empfängnis zum Einsatz kommen und über die niemand mehr großartig debattiert. Fruchtwasseruntersuchung, die Punktion von Mutterkuchen oder Nabelschnur und nicht zu vergessen die längst etablierten Risikoabschätzungen per Ultraschall und Bluttests finden unter werdenden Eltern immer größere Akzeptanz. Es ist absehbar, dass es im Bereich der künstlichen Befruchtung ähnlich kommen wird. Die Hoffnung auf ein gesundes Kind, eine Hoffnung, die so alt ist wie das Kinderkriegen selbst, hat sich durch den technischen Fortschritt zu einer greifbaren Möglichkeit entwickelt, und das ganz sicher nicht ohne Gründe. Die Debatte dreht sich im wesentlichen darum, ob diese Gründe ethisch und moralisch akzeptabel sind, oder nicht.

Pille der Freiheit

Sicher spielt Profitstreben eine maßgebliche Rolle für die zunehmende Verbreitung dessen, was wir ja eigentlich nicht wollen. Auch wissenschaftliche Hybris mag ihren Teil dazu beitragen, dass ein Baby in England oder Holland heute schon auf Brustkrebs getestet werden kann, bevor es als Embryo überhaupt eingepflanzt und ein Baby wird, geschweige denn zu einer vom Brustkrebs bedrohten Frau herangewachsen ist. Und nicht zuletzt ist da das Zahlenspiel der Demografen, das eine Art volksgesundheitliche Notwendigkeit suggeriert: Seit Jahren analysieren sie das Defizit an Nachwuchs statistisch und nicht wenige warnen sogar lautstark vor dem Aussterben der Nation. Was aber ist mit jenen, die das eigentliche Subjekt dieser Problematik sind – Väter, Mütter und alle, die es werden wollen?

Tatsache ist, dass der Kinderwunsch existiert: Die bislang größte Befragung von mehr als einer halben Million Menschen ergab vor vier Jahren, dass 90 Prozent der Deutschen im zweiten und dritten Lebensjahrzehnt Nachwuchs haben wollen, und zwar im Schnitt genau 1,9 Kinder. Geboren wird laut Geburtenstatistik im Schnitt ein halbes weniger. Was nichts anderes heißt, als dass es am Wollen zwar gewiss nicht hapert – offensichtlich aber am Können, und dafür ist nun eben nicht zuerst die Reproduktionsmedizin samt ihrer übereifrigen Vertreter verantwortlich.

Es geht nicht allein um Frauen, und es geht nicht allein um die weibliche Biologie, aber bisher setzt nun einmal sie die Grenzen, an denen sich die Gesellschaft mit Blick auf das Kinderkriegen bis heute abarbeitet – und die sie auch mit technologischen Mitteln zu überwinden sucht. Die erste Hürde war das Zuviel an Fruchtbarkeit, dem Frauen, wenn sie denn lieben und leben wollen, von der Pubertät an ausgeliefert waren. Wäre 1961 nicht die erste (gesundheitlich definitiv fragwürdige) Pille auf den Markt gekommen und in ihren vielen (weniger schädlichen) Fortentwicklungen später zu einer Selbstverständlichkeit geworden, wir lebten heute in einer anderen Welt. Nicht zwangsläufig in einer, in der Frauen unterdrückt wären, aber sehr wahrscheinlich eine in der Frauen nicht die Möglichkeiten hätten, die sie in unserer Gegenwart haben.

Frauen können heute dank Pille und den daraus abgeleiteten Verhütungsmethoden bestimmen, ob und wann sie ein Kind bekommen. Jede junge Frau, die heute an der Uni studiert, in der Politik Karriere machen will oder in einem Unternehmen aufsteigt, profitiert von dieser Errungenschaft, die damals wie heute zwar sicher nicht die einzige Möglichkeit darstellte, Emanzipation zu ermöglichen, aber mit Sicherheit die geradlinigste und zudem eine, die im Sinne der Frau jene schmerzhaften Konflikte vermeidet, die eine Abtreibung mit sich bringt.

Die durch Pille und Abtreibung gewonnene Freiheit hat biologisch aber eben nicht alles auf den Kopf gestellt, sondern führt uns nun, Jahrzehnte später, geradewegs zur zweiten Hürde: dem Zuwenig an Fruchtbarkeit, das sich mit dem Alter einstellt. Es betrifft zwar durchaus beide Geschlechter, aber erneut: die Frauen weit stärker als die Männer. Gerade wenn sie dem Rollenspiel entkommen sind, ihre Selbstständigkeit erreicht und gelebt haben, kommt für viele der Zeitpunkt einer beklemmenden Erkenntnis. Jener nämlich, dass aus der selbstverständlichen Freiheit plötzlich eine tickende Uhr geworden ist. Jeder Kinderwagen auf der Straße wird dann zur mahnenden Erinnerung an das, was bald vielleicht unmöglich ist.

Die zweite Hürde nehmen

„Je später eine Frau zum ersten Mal Mutter wird, umso weniger Zeit bleibt ihr biologisch gesehen für ein (weiteres) Kind und je älter eine Frau ist, desto schwieriger wird es für sie, überhaupt noch Kinder zu bekommen“, heißt es denn auch lapidar in einem Sonderbericht des statistischen Bundesamtes zur Kinderlosigkeit. Die Realität ist brutaler. Vor allem gebildete, erfolgreiche Frauen – die sozusagen als Vorzeigeobjekte der Emanzipation herhalten dürfen und von denen es zugleich lange Zeit hieß, sie würden als kinderlose Akademikerinnen die Geburtenraten verhunzen – sehen sich erst spät in der Lage, einen möglichen Kinderwunsch umzusetzen. Und jene von ihnen, die mit Mitte oder Ende Dreißig noch eine Familie gründen wollen, lernen durch die Medien und den Frauenarzt, dass ihre Eizellen nicht mehr von optimaler Qualität und Zahl sind und das Risiko für chromosomal bedingte Fehlbildungen ernst zu nehmen ist – was sogar auch den Tatsachen entspricht.

Die zweite Hürde ist mithin nicht nur die schwindende Fruchtbarkeit, sondern auch das wachsende Risiko – und nicht zuletzt das belastende Wissen darum. Belastend auch deshalb, weil enge Familienzusammenhänge als soziales Auffangnetz heute oft fehlen und die Zahl der Alleinerziehenden stetig zunimmt. Jüngsten amtlichen Zahlen zufolge besteht jede fünfte Familie aus Kindern und nur einem Elternteil, in 90 Prozent der Fälle sind das die Mütter. Und für ältere Frauen, die ihren Kinderwunsch zugunsten von Bildung und Beruf auf spätere Jahre verschoben haben, kann das nun einmal weit häufiger bedeuten, dass sie allein für ein Baby sorgen werden, welches weit mehr Aufmerksamkeit beansprucht als ein gesundes Kind.

Man kann nun sagen, dass es in einer Gesellschaft, die für diese Mütter sorgt, ihnen Sicherheit vermittelt und mithin auch ihre Freiheit schützt, dennoch keine Form der Prä-Diagnostik bräuchte. Aber abgesehen davon, dass die Frage der Fruchtbarkeit trotzdem ungelöst bliebe: Wir leben nicht in einer solchen Gesellschaft. Wir leben in einer, in der immer mehr Frauen das Kinderkriegen ins dritte Lebensjahrzehnt verschieben, und die deshalb sicher nicht ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben verwirken.

Und so wie junge Frauen ganz selbstverständlich aus persönlichen Motiven entscheiden können, die Einnistung eines Embryos in die Gebärmutter mit unnatürlichen Mitteln zu verhindern oder zu beseitigen, wäre es vielleicht eine Betrachtung wert, diese Möglichkeit auch älteren Frauen einzuräumen, die noch ein Kind empfangen oder sich ihren Kinderwunsch mit In-Vitro-Fertilisation erfüllen.

Ganz sicher braucht es enge, strenge Grenzen, und gewiss muss das eigentliche Ziel sein, weiter bessere gesellschaftliche Bedingungen für Kinder anzustreben – insbesondere für jene, die nicht ganz den hohen Erwartungen entsprechen. Fortschritt bedeutet aber nicht, die eine Hürde zu nehmen, um vor der anderen zurückzuschrecken, nur weil sie komplizierter ist und deshalb nur mit größerem Einsatz zu nehmen.

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Ihre Freitag-Redaktion

11:15 11.11.2010
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

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