Das Versuchskaninchen

Forschung Der Affe ist zum Versuchstier 2014 ernannt worden. Er wird einfach zu gern für Forschungszwecke benutzt
Kathrin Zinkant | Ausgabe 17/2014 13
Das Versuchskaninchen
Besonders hart trifft es die Makaken. Sie sind gesellig, vertragen sich auch in großen Gruppen und kommen mit Menschen gut zurecht, obwohl, nun ja, obwohl …

Foto: Lintao Zhang/ AFP/ Getty Images

Die vorgestreckte kleine Hand sieht etwas haarig aus. Ansonsten ähnelt sie der eines Kindes, wie auch das Köpfchen, um dessen Hals ein gelbes Ding geschlungen ist. Rundherum sind Gitter zu sehen. Als die Hand ein Symbol auf einem Bildschirm berührt, ertönt ein Piepen, aus einer Kanüle über dem Touchscreen kommen dicke Tropfen einer Flüssigkeit. Eins, zwei, drei. Der Affe saugt sie auf. Auf dem Schirm erscheinen neue Symbole, Zahlen oder Buchstaben. Das Spiel beginnt von vorn, immer wieder, über Stunden. Forscher wollen auf diese Weise zeigen, dass Affen der Mathematik mächtig sind. Die Studie erscheint in dieser Woche in einem bekannten Wissenschaftsmagazin.

Ob der kleine Rhesusaffe wirklich rechnen kann oder bloß gut trainiert wurde, dürfte Freunden der felligen Wesen egal sein. Vielmehr geht es darum, dass die Affen in diesem Experiment wohl „gedurstet“ werden. Sie bekommen weniger oder nichts zu trinken, damit Wasser- oder Limonadetropfen im Versuch als Belohnung funktionieren. Eine subtile Form von Folter, wie viele glauben – auch wenn die Äffchen in diesem Fall keine Drähte in ihrem Kopf haben und sich so frei bewegen können, wie es ihr Käfig eben zulässt.

Makaken bevorzugt

Nicht alle Affen haben dieses Glück. Und das regt Tierschützer auf: Sie haben den Affen zum Versuchstier des Jahres 2014 erkoren. Wobei „Versuchstier Affe“ sicher zu allgemein ist: Menschenaffen wie Schimpansen und Gorillas werden in Deutschland seit 23 Jahren und europaweit seit vier Jahren nicht mehr für die Forschung eingesetzt. Aber unsere etwas weniger enge Verwandtschaft wird noch häufig in deutschen Laboren für Versuche genutzt. Den aktuellen Tierversuchszahlen zufolge wurden in Deutschland zuletzt 1.350 Altweltaffen, also Tiere aus Eurasien und Afrika, für Sicherheitsprüfungen und Forschungszwecke benutzt. Das sind zwar weniger als noch vor zwei Jahren, und viel weniger als in den Fünfzigern, als Indien die Tiere zu Hunderttausenden in die Labors der Welt exportierte. Doch im Mittel hat die Zahl eher wieder zugenommen. Auch gibt es insgesamt wieder mehr Versuchstiere. Dabei verlangt die EU-Tierschutzrichtlinie bereits seit 1986 von der Forschung, tierversuchsfreie Methoden zu entwickeln. Tierschützer bemängeln, dass die Politik der Forschung zu wenig Geld zur Verfügung stellt, um dieses Ziel erreichen zu können. Bislang gibt es in Deutschland nur einen Lehrstuhl für Alternativen zu Tierversuchen.

Versuche an Affen können zudem auf eine lange Tradition zurückschauen – insbesondere an Makaken, einer Affengattung mit 22, fast ausschließlich in Asien lebenden Arten. Zu ihnen gehören auch die Rhesus- und Javaneraffen. Sie können knapp 80 Zentimeter groß, 18 Kilogramm schwer und in freier Wildbahn um die 20 Jahre alt werden. Es sind gesellige Tiere, die sich vorwiegend pflanzlich ernähren und in matriarchalisch organisierten Gruppen leben. Meist vertragen sich diese Gruppen auch untereinander gut. Und sie kommen sogar mit Menschen zurecht. Obwohl der Mensch mit ihnen oft eigene Interessen verfolgt.

Der griechische Arzt Galenos untersuchte schon vor über 1.800 Jahren die Anatomie des Menschen an Makaken. Mediziner entdeckten in ihrem Blut den Rhesusfaktor, der die menschlichen Blutgruppen definiert und entscheidend für Bluttransfusionen ist. Makaken nahmen als Astronauten am ersten Weltraumprogramm der USA teil. Wichtige Impfstoffe wie gegen die Kinderlähmung wurden an Makaken entwickelt. Und nicht zuletzt lenkte das Immunschwächevirus HIV den Blick der Wissenschaft auf die Tiere: Viele Makaken tragen einen ähnlichen Erreger in ihrem Blut, erkranken aber nicht.

Sturm der Empörung

Heute werden Rhesusaffen und ihre Verwandten vor allem für Giftigkeittests eingesetzt – und nur zu einem kleinen Teil in der grundlegenden Hirnforschung, obwohl die Empörung hier am größten ist. Das liegt nicht zuletzt an der Causa Andreas Kreiter. Die Berufung des Neurowissenschaftlers an die Universität Bremen im Jahr 1998 sorgte für einen Sturm der Empörung unter Tierversuchsgegnern. Seine Privatadresse wurde auf Plakaten veröffentlicht, Morddrohungen folgten. Kreiter brauchte Polizeischutz, auch sein Sohn wurde bedroht. Warum? Weil der Hirnforscher mit Makaken experimentiert hatte, und zwar auf befremdlich anmutende Weise: Die Tiere werden gedurstet, vor Testbildschirmen in Plexiglashalterungen fixiert und bekommen durch feste Bolzen im Schädel Elektroden ins Hirn geschoben, um die Aktivität bestimmter Nervenzellen zu messen. Verbieten konnte man Kreiter seine Experimente nicht. Nach jahrelangem Rechtsstreit entschied das Bundesverwaltungsgericht im März, dass die Stadt Bremen Kreiter eine Genehmigung für Tierversuche zu erteilen habe.

Tun Kreiters Methoden den Affen weh? Der Forscher sagt nein, und wahrscheinlich stimmt das sogar, denn das Gehirn selbst ist nicht schmerzempfindlich. Leiden die Äffchen unter dem Dursten und ihrer Fixierung? Darauf könnten sie nur selbst eine Antwort geben. Insofern ist die Lage unklar. Beide Seiten berufen sich auf Annahmen. Wobei viele Menschen Affen eben generell für besonders intelligent und empfindsam halten, bewusst und außerdem dazu in der Lage, mit anderen Affen mitzufühlen. Ein Argument, das ganz besonders gegen Affenversuche spricht?

Viele dieser Eigenschaften sind an Menschenaffen ausführlich untersucht worden. Schimpansen erkennen sich selbst im Spiegel, sie trauern und sind mit Sicherheit empathisch. Für Makaken ist das alles nicht hinreichend belegt. Aber spätestens hier stellt sich die Frage, ob Menschenähnlichkeit die einzige Voraussetzung ist, Tierversuche zu kritisieren. Schweine, Mäuse und Fliegen sind schließlich auch Tiere. Wie der Mensch.

06:00 07.05.2014
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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