Kathrin Zinkant
04.11.2011 | 12:10 11

Der breite Grat zwischen Sucht und Prävention

Diagnose: Mensch Wer trinkt, lebt gesund und gefährdet seine Gesundheit. Über ein Paradox, dass längst kein französisches mehr ist

Den eigenen Alkoholkonsum zu rechtfertigen, ist keine exklusive Herausforderung an den modernen Menschen: Die alten Germanen soffen sich besonders gern zu politischen Verhandlungsanlässen gegenseitig unter die Eichentische, weil im Vollrausch eben nicht nur alle Frauen schön sind, sondern auch alle Worte wahr gesprochen werden. Hieß es.

Lateinisch wird dergleichen auch heute noch geunkt: in vino veritas! Und das nicht nur zur Pulle Wein. Aber klammheimlich hat sich die Prämisse geändert. Wahrheit ist heute nämlich nicht in erster Linie als das Gegenteil von Lüge, und somit als etwas Belegbares zu verstehen, sondern: Wahr im Wein der Moderne ist das, was der Gesundheit beim Gesundbleiben hilft. Was gut klingt, aber im Fall von Alkohol ja doch perfide ist, denn Alkohol kann süchtig machen, Familien zerstören, bisweilen tötet er auch. 4,16 Promille Ethanol brachten, wie man vergangene Woche erfahren musste, die Sängerin Amy Winehouse um – eine nur scheinbar unvorstellbare Menge, die mit zweieinhalb Flaschen Wodka von einer Frau flink erreicht ist.

Mit zweieinhalb Flaschen Wein hingegen nicht so leicht, mit einem Glas schon gar nicht, und hier offenbart sich die Verzwicktheit aller Trinkerei: Im Gegensatz zum Rauchen, dem man, egal in welchen Dosen, noch keinen gesundheitlichen Nutzen nachweisen konnte (außer, dass Nikotinpflaster bei, nun ja, Kindern die Symptome eines Tourette-Syndroms lindern sollen), gilt der sogenannte „moderate Konsum“ von Alkohol als nachgerade präventives Rundumgeschoss. Hält das Herz auf Trab, macht die Gefäße elastisch, schützt womöglich sogar vor Krebs, verlängert – man nannte es einst französisches Paradox – unterm Strich auf jeden Fall das Leben. Fast wie Sport.

Es ist wie mit dem Essen

Was einen quasi zum Trinken nötigt, denn Abstinenz als Gesundheitscredo zählt ja nicht mehr. Und deshalb erscheint der Grat, auf dem man mit dem Glas Wahrheit wandelt, doch irgendwie schmal, wenn auf importierten Weinflaschen recht Deprimierendes zu lesen ist: Im Dienste der Prävention schenkt sich die Frau aus der vollen Flasche bitte nicht mehr als 140 bis 210 Milliliter ein, der Mann darf nochmal 70 Milliliter nachschütten. Pro Tag, wohlgemerkt. Die britische Gesundheitsbehörde empfiehlt es so seit 1999 ihren trinkfreudigen Bürgern, wenige Jahre später wurde die Sperrstunde aufgehoben – nicht etwa, damit die Briten doch wieder mehr, sondern damit sie langsamer tränken. Was nicht ganz hingehauen hat, wie die folgenden Jahre zeigten: Die Zahl alkoholbedingter Klinikeinweisungen verdoppelte sich umgehend. Vielleicht, weil der besagte Grat dem Trinkenden seitlich des Gesundheitsmythos’ eher ausladend breit erscheint. Und in seiner Breite auch noch modulierbar – durch Gewöhnung, Sport, viel Wasser zwischendurch und die gute Grundlage vorher. Kann je nach Tagesform, Geschlecht und Körperbau auch funktionieren.

Doch abgesehen vom Kater, den man als gerechte Strafe überlebt, bleibt die eigentlich heikle Grenze nebulös: Ab wann wird Alkohol nun wirklich schädlich? Erzeugt Krebs, schädigt Herz und Gefäße, macht abhängig – bringt einen gar direkt um? Es gibt Daten aus der Epidemiologie, aber sicher sagen kann es keiner. Es ist im Grunde wie mit dem Essen, von dem auch keiner sagen kann, ab wann es dick macht, selbst wenn das nun auch deutsche Etiketten verklickern wollen: 2000 Kalorien am Tag, dann bleibt Frau in Form. Braucht sie weniger, hat sie Pech gehabt und wenig Sinn für ihren Körper.

Die wahre Wahrheit lautet deshalb: Ist die Flasche erstmal offen, wird sie meist auch leergemacht. Was nicht gesund sein muss, aber durchaus schön sein kann – solange es denn wirklich schmeckt.

Kommentare (11)

ed2murrow 04.11.2011 | 14:53

Mal so eingeworfen: Suchtverhalten wird wohl am deutlichsten, wenn Abstinenz geübt wird, egal um was für einen Suchtstoff oder welche Ersatzhandlung es geht. Vor Entdeckung des "Heilfastens" gab es solche Zeiträume der Selbstbescheidung, etwa in der Karwoche. Des Zeremoniells entkleidet hat es einen nicht zu unterschätzenden Gewinn an Selbsterkenntnis.
Gern gelesen, e2m

P.S.: Grüße an die Technik - "allohol" als URL für den Artikel paßt ;)

Columbus 04.11.2011 | 16:16

Die "traurige" Wahrheit, liebe Frau Zinkant, Sie haben es mit feiner Ironie von Germanen und Römern bis hin zu uns durchdekliniert:
Die Rauscher machen rauschig, den Gelegenheitssex erträglich, die Ritze im Doppelbett oder die Senkgrube im XXL-Format hinehmbar, Geselligkeit weniger ängstigend. Andererseits leiten sie einen uneingestandenen Suizidwunsch ein oder eine dauernde Krankheit zum Tode, bei der sich viele Menschen nicht mehr bewusst sein müssen, was sie so tun, weil der Prozess so schleichend und lange schon anhielt.

Bei Winehouse war ja noch viel schlimmer, dass selbst nach ihrem Tode der Ko-süchtige Vater der Familie, ganz im Taxifahrerjargon, behauptete, die Tochter sei entgiftet und entzogen und nur durch Umfelddummheit zu Tode gekommen.

Wie singen Element of Crime den bekannten Schlager? "An Land":

Am Fenster fliegt ´ne Kuh.(...) Ein Glas auf die Kuh und eins auf die See.(...) Ein Glas auf den Deich und eins auf die See.(...) Ein Glas auf uns und eins auf die See." - Ein feucht fröhliches Lied, auch ein wenig melancholisch.

Aus England und Neuseeland, dem Commonwealth der gepflegten Suffs, kommt Fay Weldon, jene Ironikerin unter den emanzipierten Schriftstellerinnen, die in ihrem Roman-Erstling, "The Fat Woman´s Joke", nicht nur die Bulimie schon 1967, also zur Zeit von Blow Up, bestens beschrieb, sondern jede Menge Trinkanlässe und Trinkszenen der bürgerlichen Gesellschaft so anschaulich und klar niederschrieb, als sei Sie gerade von Birmingham nach Genua durch das große europäische Bananen-C gereist, in dem der Alkohol und anderes Rauschartige vorwiegend sozial getrunken und konsumiert, aber oft wenig vertragen wird.

Ob Trinkerleichterungsgesellschaften schlechter abschneiden, als die Länder des Moral restraint? Wer weiß es? Die Jugendlichen Binge-Trinker machen nur exzessiv nach, was ihre Elter-Tiere sozialer angepasst mit Pillen, Schoppen und Maßkrügen vorleben.

Vielleicht schaffe ich am WE ein wenig dazu zu schreiben, denn die Rauscher hängen enger mit unseren Beziehungs- und Sozialängsten zusammen, als wir zugeben wollen, und einmal ist es ein schroffes Kliff, das zum Absturz der Individuen führt, das andere Mal ein langer, dafür aber sicherer Weg.

Was wirken Hopfen, Hefen, Saponine, Phenole und Amine? Was macht der Dehydrogenasse-Stoffwechsel aus dem Zwischenprodukt Fomaldeyd? - Lässlich dazu zu diskutieren, denn selbstverständlich ist eine positive oder negative Wirkung da viel schwerer nachzuweisen, als entlang der tägliche Aufnahme des Grundstoffs Alkohol eine relative, statistische Sicherheit über die möglichen Schäden zu gewinnen.

Ihnen aber, ein kräftiges, weiter, weiter.

Christoph Leusch

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helena-neumann 06.11.2011 | 20:28

Ein dem Thema entsprechender differenzierter, unaufgeregter Artikel!

Es gibt einen großartigen stark autobiographisch gefärbten Roman eines großartigen amerikanischen Schriftstellers: "König Alkohol".
Jack London beschreibt darin zwei Trinkertypen: „Erstens den Mann, den wir alle kennen, stumpfsinnig, ohne Eibildungskraft, dessen Hirn nur ein schlaffer Klumpen von Empfinden ist; der mit weitauslaufenden Bewegungen spreizbeinig und unsicher daherschwankt und gewöhnlich im Rinnstein endet oder, auf der Höhe der Ekstase, blaue Mäuse und rote Elefanten sieht. Das ist der Typ, von dem Witzblätter leben.“ Das ist dann landläufig der „Penner“, an dem „Hopfen und Malz“ verloren ist und an dem die einen mit Ekel, die anderen vielleicht mit uneingestandener Angst um sich selbst schnell vorbeischauen.

„ Der andere Trinkertyp hingegen hat Einbildungskraft und Visionen. Selbst im schwersten Rausche geht er aufrecht und gerade, schwankt und fällt nicht, sondern weiß immer genau, wo er ist und was er tut. Nicht sein Körper ist trunken, sondern sein Hirn. Er kann vor Geist strahlen, von Kameradschaftlichkeit überströmen. Oder er kann jene Gespenster und Visionen des Geistes sehen, die natürlich und logisch wirken und die Gestalt von Vernunftschlüssen annehmen. In diesem Zustand streift er die Schale von den gesunden Illusionen des Lebens und betrachtet ernsthaft den eisernen Reif der Notwendigkeit, der um den Hals der Seele geschmiedet ist. Das ist die Stunde, da König Alkohol seine feinsten Kräfte entfaltet. Es ist kein Kunststück in den Rinnstein zu fallen. Aber es ist eine schreckliche Feuerprobe für einen Mann, aufrecht der ganzen Welt nur eine einzige Möglichkeit gibt, seine Todestage vorzugreifen. Dann hat der Mann die Stunde der weißen Logik (…) erreicht (…). Das ist die Stunde der Gefahr für ihn. Dann beschreitet er den Weg, der ins Grab führt.“

Was an diesem Text von London, neben vielen anderen Aspekten, so beeindruckt ist die Beschreibung, wie der Alkoholiker London, der übrigens als fünfjähriger zum ersten Mal Bier probierte, als vierzehnjähriger dann die Droge zum festen Bestandteil seiner wilden von Romantik erfüllten Männerwelt erklärte, erst als erfolgreicher Schriftsteller total davon abhängig wurde. Am Ende kann London ohne das Mittel weder seine Umwelt aushalten, nicht mehr schlafen und nicht mehr schreiben und muss im Alkohol jenen Pessimismus betäuben, den eben diese Droge gefördert hat. Im Rinnstein ist er nicht verendet, davor hat ihn sein Geld bewahrt, eher „mannhaft“ und vorbildhaft für einen „Hemingway“. Am 22.11.1916 setzte er dann seinem durch "alle Phasen des Alkoholkonsums", Erfolg und Extravaganz geprägten Leben ein Ende.
Ich komme auf dieses Beispiel weil ich mich frage, warum ausgerechnet der Alkoholkonsum bei jungen Abiturienten steigt, während er bei Jugendlichen insgesamt eher rückläufig ist! Sind da „Romatizismen“ am Werk?
www.ndr.de/kultur/literatur/generationwodka103.html

Es erübrigt sich von selbst, dass man noch endlos über Rückfallquoten, Motive etc. sinnieren kann. Und eben auch über Frauen und Alkohol reden könnte. Erst kürzlich antwortete mir eine fünfundsiebzigjährige Dame, eine Vorzeigejuristin ihrer Generation, auf meine Frage, wie sie ihren stressigen, von Männern dominierten Berufsalltag durchgestanden habe: „Über einen langen Zeitraum mit einer Flasche Sekt im Rücken – und das täglich!“

Magda 08.11.2011 | 10:12

Ich bin gerade in einer Phase, wo ich mir das so beiläufige abendliche Trinken abgewöhne. Es sind schlichtweg zu viele Kalorien, die man da aufnimmt.

Dafür habe ich mir paar hübsche Rituale ausgedacht für die Gelegenheiten, bei denen ich was trinken will.

Bier - nur noch beim Wochenendkochen
Wein - nur noch in der Gaststätte.

Sonst gehts mir genau so, wie Sie schreiben, Frau Zinkant: Ist die Flasche auf, dann zack isse auch schon alle.

Nachfrage: "außer, dass Nikotinpflaster bei, nun ja, Kindern die Symptome eines Tourette-Syndroms lindern sollen)"

Das stelle ich mir jetzt mal vor: Dann sagt das Kind nicht dauernd. "Ich geh jetzt...*ficken*...nach Hause, sondern: Ich geh jetzt ...*ticken*...nach Hause?"

Magda aus Kalau