Kathrin Zinkant
22.03.2012 | 09:00 29

Der Wille stirbt zuletzt

Hirntod Etwas mehr Ruhe und Offenheit täten der Debatte um die Kriterien des Lebensendes gut. Aber Sachlichkeit? Ist leider oft verpönt

Es kommt für jeden Menschen der Zeitpunkt, da ist es vorbei – aber so unausweichlich das Sterben doch ist, so schwierig erscheint es, sich mit seinem Endpunkt zu befassen.

Am vergangenen Mittwoch hat sich dieser Frage nun auch der Deutsche Ethikrat gestellt und mit „Neuen Erkenntnissen zum Ende des menschlichen Lebens“ beschäftigt. Der Titel ist ein bisschen beschönigend – denn tatsächlich ging und geht es um den Tod, genauer gesagt um den Hirntod. Und es geht um die Frage, ob man sich auf diese Definition des Lebensendes auch mit Rücksicht auf besagte „neue Erkenntnisse“ künftig festlegen möchte, wenn sie doch untrennbar mit dem Gewinn von Organen für die Transplantationsmedizin verbunden er scheint.

Seit 1968 ersetzt der Hirntod die durch die Erfindung von Herzlungenmaschinen und die Möglichkeit der Herztransplantation überholte Definition von Tod als jenem Zeitpunkt, an dem ein menschliches Herz aufhört zu schlagen. Das Herz mochte mit Hilfe weiterschlagen, entscheidend wurde, ob das Gehirn als das letzte unersetzbare Organ vollständig ausgefallen war – was ja auch nach einem Herzstillstand üblicherweise binnen Minuten passiert. Doch als man sich durch die neue Definition von der veralteten trennte, erschien das nicht allen als Fortschritt: Denn gleichzeitig wurde der Hirntod zur Voraussetzung für die Entnahme von vitalen Organen zur Verpflanzung in andere Körper. Bald kamen Zweifel auf, ob die moderne Auffassung von Tod nicht vor allem eine im Dienste der Transplantationsmedizin sei. Und gerade heute wird mehr denn je darüber gestritten, ob der Hirntod tatsächlich mit dem Tod eines Menschen gleichzusetzen ist. Denn ob wirklich gar nichts mehr im Gehirn eines Hirntoten passiert – darüber sind sich einige Mediziner nicht mehr ganz einig.

Über diese Fragen vernünftig zu sprechen scheint aber zuviel verlangt zu sein. Denn beherrscht wird die Debatte bisher vor allem von Wut und Empörung. Wut und Empörung darüber, dass unter dem Deckmantel der Spende „warme, rosige Körper ausgeweidet“ würden, damit „transplantationswütige Chirurgen“ an möglichst „hochwertiges Material“ herankämen. Wut und Empörung darüber, dass die Hoffnung auf eine lebensrettende Transplantation für nicht mehr so rosige, aber dafür noch lange nicht tote Schwerstkranke durch massiven medizinbürokratischen Aufwand und erzwungene ethische Selbstbeschränkung pulverisiert werde. Wut und Empörung über eine vermutete Kapitalisierung von Herzen und Lungen, angetrieben von skrupellosen Lobbyorganisationen. Wut und Empörung über das Ende eines geliebten Menschen, der mit allen medizinischen Möglichkeiten hätte gerettet werden müssen – oder für die Rettung eines Fremden aufgeschnitten wurde, bevor er kalt war.

Der Tod als Frage des Lebens

In diesem Klima emotionaler Verhärtung ist der Boden der Tatsachen nur noch schwer zu erkennen – was nicht heißt, dass es keinen gäbe. Über den Hirntod lässt sich einiges mit Sicherheit sagen. Der zentrale, wenn nicht gar entscheidende Punkt: Noch nie ist ein nach allen vorgeschriebenen Kriterien für hirntot erklärter Patient wieder aufgewacht und in die Mitte seiner Angehörigen oder auch nur in sein eigenes Leben zurückgekehrt. Aus neurologischer Sicht kann es auch nicht anders sein: Wenn (siehe Kasten) alle Bereiche des Gehirns ihre Funktion eingestellt haben, gehen unverzichtbare Fähigkeiten unwiederbringlich verloren. Ein hirntoter Mensch wird nie wieder selbstständig atmen, nie wieder sein Bewusstsein zurückerlangen, nie wieder einen Willen entwickeln und ausdrücken können. „Wenn das Gehirn völlig ausfällt, bleibend ausfällt, dann kommt das einer inneren Enthauptung gleich“, beschreibt es Stefanie Förderreuther. Die Neurologin von der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat als einer von zwei medizinischen Experten im Forum des Ethikrats gesprochen, und was sie sagt, erscheint rational und schlüssig.

Dass es trotzdem vehemente Kritik am Konzept des Hirntods und seinen Kriterien gibt, liegt aber ohnehin nicht an dem, was Experten wie Förderreuther über die unwiderbringlichen Verluste im Rahmen eines Totalversagens des Gehirns feststellen. Diese Dinge sind weitgehend unstrittig. Es liegt vielmehr an den sehr verschiedenen Vorstellungen und Konzepten, die Philosophen, Biologen, Mediziner und auch Normalbürger von dem Begriff „Leben“ haben, und die durch den Hirntod auf entsprechend verschiedene Weise berührt werden.

Wer Bewusstsein, Willen, Bedürfnisse und die Möglichkeit des Erlebens durch Empfindungen als essenziell für menschliches Leben erachtet, wird im Hirntod das definitive Ende klar erkennen können. Aber wie auch die Debatten um Embryonenschutz und Stammzellforschung gezeigt haben, ist diese Ansicht alles andere als Konsens. Vor allem die Idee „organismischen“ Lebens steht im Widerspruch zum Hirntod, weil hier auf die rein biologische Funktionalität fokussiert wird. Manche – nicht alle – Hirntote halten über vegetative Mechanismen eine Reihe von biologischen Funktionen über Tage, Monate oder in Einzelfällen auch Jahre aufrecht. Sie regulieren ihre Körperwärme, sie verdauen und scheiden aus, sie produzieren Hormone und beschleunigen ihren Puls, und obwohl sie für all diese Dinge allein ihr Rückenmark benötigen, sind sie in den Augen vieler Menschen lebendig. Alan Shewmon, der am Mittwoch ebenfalls vom Deutschen Ethikrat ins Forum geladen war, hat der Idee des lebendigen Hirntoten großen Vorschub geleistet, als er 175 Fälle beschrieb, in denen hirntote Menschen noch bis zu 14 Jahre nach der Diagnostik mit medizinischer Hilfe überlebten, bevor der Körper komplett versagte.

Kinder von Leichen?

Welches Konzept von Leben man persönlich annimmt und ob man es gegen die Definition des Hirntods für schützenswert erachtet, kann aber weder die Naturwissenschaft noch der Gesetzgeber entscheiden. Das hat auch die Berliner Physikerin und Neurophilosophin Sabine Müller vor zwei Jahren in einer viel beachteten Publikation festgestellt, in der sie den Einsatz bildgebender Verfahren in der Hirntoddiagnostik fordert. Obwohl die Wissenschaftlerin eine Gleichsetzung von Tod und Hirntod für unzulässig hält, plädiert sie dafür, niemandem eine Auffassung von Leben aufzuzwingen „Eine solche Wertsetzung sollte der Entscheidung des Einzelnen überlassen bleiben.“

Wie schwierig das aber ist, solange das Thema nur emotional oder in Expertengremien diskutiert wird, zeigt die Realität jener Sonderfälle, in denen bei Schwangeren ein Hirntod festgestellt wird. Der Körper dieser Frauen ist, sofern er medizinisch entsprechend intensiv versorgt wird, noch in der physischen Lage, das Kind zumindest eine Weile weiter auszutragen.

Über eines dieser Kinder konnte man unter der Überschrift „Aus einer Leiche geboren“ im vergangenen Jahr in einem großen Nachrichtenmagazin lesen: Max Siegel, ein junger Mann, der vor zwanzig Jahren von seiner hirntoten Mutter geboren wurde. Sie war in der 17. Schwangerschaftswoche zusammengebrochen und zu spät gefunden worden – sie hatte schon aufgehört zu atmen. Der Sauerstoffmangel ließ das Gehirn der Frau unter der Schädeldecke so stark anschwellen, dass es förmlich von innen erdrückt wurde. Die Ärzte konnten nur noch den Hirntod festellen. Aber Beatmung und der über fast drei Monate körperlich unversehrte Zustand der Frau ermöglichten die Geburt des Sohnes. Bis heute bezeichnet der behandelnde Arzt der Frau, Paolo Bavastro, das Erlebnis dieser Geburt als absolut prägend für seine Haltung in der Frage des Lebensendes: „Hirntot ist nicht gleich tot“, wird der Internist nicht müde zu betonen, und das ist nach seinen intensiven persönlichen Erfahrungen eine Positione, die sich auch nicht wegdiskutieren lässt. Dass eine Frau, die nach technischen Kriterien tot war, noch fast drei Monate nach diesem Tod einem gesunden Baby das Leben schenkte, erscheint Bavastro noch heute als unüberbrückbarer Widerspruch.

Hirntod ist nicht Organspende

Aber was bedeutet das für eine ganze Gesellschaft? Es gibt eine Reihe ähnlicher Fälle, rund 30 finden sich auch in der Liste jener Patienten, die Alan Shewmon zusammengetragen hat, in knapp einem Dutzend bekannter Fälle wurden die Babys der hirntoten Mütter auch geboren. In Deutschland ist aber vor allem das Erlanger Baby bekannt, ein Fötus, der 1992 noch fünf Wochen nach dem festgestellten Hirntod seiner Mutter von ihr ausgetragen wurde, bevor er in der 19. Schwangerschaftswoche wegen einer Infektion durch einen Spontanabort abging.

Die öffentliche Empörung entzündete sich damals vor allem daran, dass man um den Preis des „Experiments“ die Würde der Mutter verletzt hatte. Obwohl sie nach allen Kriterien hirntot war, also: tot, hatte man sie ihrem Tod nicht überlassen, die Ärzte wurden bezichtigt, die Familie im Unklaren über den wahren Zustand der jungen Frau gelassen zu haben. Doch was hätte die Klarheit bewirkt? Der Vater von Max Siegel wollte den Ärzten gar nicht zuhören: Er hatte nach eigener Aussage überhaupt kaum Interesse an der Geburt seines Sohnes, dafür aber an der Wiederkehr der Mutter, von der er allen Erklärungen zum Trotz glaubte, sie zurückzubekommen.

Beide Beispiele zeigen nicht nur die Verzweiflung, die ganz unabhängig von einer Definition mit dem Tod als solchem verbunden sein kann, sondern auch die unterschiedlichen Perspektiven, die Betroffene und Öffentlichkeit in Abhängigkeit von der persönlichen Lage und der sich entwickelnden Situation auf das Thema Hirntod einnehmen. Hier einen Konsens zu finden, der alle zu Recht erhobenen Ansprüche zufriedenstellt, ist unmöglich. Es kann nur darum gehen, die Freiheit des Willens zu schützen. Das gilt nicht erst, wenn es um die Bereitschaft zur Organspende geht. Wer den Hirntod als Tod akzeptiert, kann zugleich der Ansicht sein, nicht spenden zu müssen. Nur sollte nicht über die Organspende entscheiden müssen, wer zuvor nicht sachlich über den Hirntod informiert wurde.

Nichts geht mehr? Zwischen Hirnschaden und Hirntod

Der Hirntod kann auf unterschiedlichen Wegen eintreten: Entweder durch eine Verletzung und folgende Schwellung des Gehirns. Der wachsende Druck im Schädel zerstört dann auch unverletzte Teile des Gehirns. Oder ein durch Atem- und/oder Herzstillstand verursachter Sauerstoffmangel, der binnen Minuten zu einer Vernichtung von Nervenzellen in allen Bereichen des Gehirns führt.

Hirntot bedeutet, dass alle großen funktionellen Einheiten des Gehirns, also Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm, zerstört sind. Das Ausmaß des Schadens ist allerdings nicht sofort ersichtlich: Auf den ersten Blick gleichen Hirntote und Menschen mit sogenannte Locked-In bzw. permanentem vegetativen Syndrom (Wachkoma) einander. Bei letzteren sind aber nicht alle Hirnfunktionen kaputt, Locked-In-Patienten haben noch volles Bewusstsein. Komapatienten verfügen noch über Hirnstammfunktionen wie selbsständige Atmung und Schluckreflexe.

Neurologen können deshalb anhand der nicht mehr selbständig möglichen Atmung und anhand von Reaktions- oder Reflextests feststellen, ob die Zerstörung größer und damit der Hirntod eingetreten ist. Bildgebende Verfahren kommen in der Hirntoddiagnose bislang nicht zum Einsatz, weil sie zwar minimale Restdurchblutung und -stoffwechselaktivität aufspüren können, dies aber nichts darüber sagt, ob das Gehirn noch Funktionen erfüllt. Dennoch fordern Experten wie die Berliner Neurophilosophin Sabine Müller, diese Verfahren verpflichtend in die Hirntoddiagnose mit einzubeziehen.

Kommentare (29)

Lethe 22.03.2012 | 15:21

ein Problem bei der Geschichte sehe ich darin, dass die Diagnose "Gehirntod" eine Art selbsterfüllende Prophezeiung ist - Personen, bei denen diese Diagnose erfolgt, werden entweder von den lebenserhaltenden Maschinen abgehängt oder Organspender. In beiden Fällen ist der endgültige Tod logische Folge.

Die eigentliche Crux beim Gehirntod besteht darin, dass das Gehirn nicht in Gänze tot sein muss, damit ein Zustand entsteht, der dem Hirntod sehr, sehr ähnlich ist - es reicht, wenn die bewusstseinsgenerierenden Funktionen des Großhirns ausfallen. Damit sind das limbische System sowie Zwischen- und Kleinhirn aber noch lange nicht am Ende, selbst Schmerzempfindungen können noch nachgewiesen werden.

Aber das sind nur Nebensächlichkeiten. Was ich dabei wirklich bedauere ist die zunehmende Bedeutungslosigkeit einer Einsicht, die sich darüber im Klaren ist, dass es Leben nur zusammen mit Tod gibt, die mit diesem Sachverhalt einverstanden ist und die deswegen darauf verzichtet, alles zu tun, was getan werden kann, um das Leben zu verlängern.

Ich habe nichts gegen Organspenden und Transplantationen. Gerade jungen Menschen kann eine derartige Einsicht wohl noch nicht zugemutet werden. Ich habe aber etwas dagegen, wenn Menschen in diese Richtung genötigt werden, z.B. dadurch, dass entsprechende Befragungen immer wieder wiederholt werden sollen.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 22.03.2012 | 15:28

Liebe Frau Zinkant,

die derzeitige Debatte zielt ja darauf ab, ob die Krankenkassen Anträge und Organspendeausweise versenden sollen und somit die "Aufforderung" an die Bürger ergeht Stellung zu beziehen.
Hintergrund ist ja der seit Jahren existierende Mangel an Spenderorganen!
Laut einer statistischen Untersuchung würde es ausreichen, wenn alle Verkehrstoten ihre Organe zur Transplantation freigegeben hätten.
Bei solch schweren Unfällen mit Tod als Folge sind diese Menschen sind nicht nur hirntot, sondern wären auch gelähmt. Zum Teil sind die Körper völlig zerfetzt (Aussagen eines Sanitäters), allerdings wären einzelne Organe noch zu retten. Meiner Meinung nach ist diese pseudoethische Diskussion somit obsolet.

Da in der Ethikkommission auch Kirchenvertreter sitzen, drehen sich die philosophischen Streitgespräche doch im Kern um etwas ganz Anderes. Nämlich darum, dass, bei Akzeptanz wissenschaftlicher Kriterien, deren "Weltanschauung" die "Krone der Schöpfung" (wiedermal) in Frage gestellt wird.
Vielen Menschen gibt der Glaube Rückhalt, er ist einfach, praktisch und, ja, blöde. Die Vergegenwärtigung, dass der Sinn des Lebens, das Leben selbst ist, führt bei den Meisten entweder dazu dieses als banal oder weniger wertvoll anzusehen. Aber gerade die Erkenntnis wie einzigartig und vergänglich jedes Leben ist macht es zu etwas Besonderem. Wer dies verstanden hat, der sieht den Wert und die Faszination des Lebens in jedem Lebewesen. Dies verlangt natürlich ein viel größeres Verständnis vom eigenen Bewusstsein, als das Profane "ja da kommt ja noch was".
Soweit ich mitbekommen habe, existiert zwischen Theologen seit Jahren Streit darüber, wann die Seele kommt und wann sie wieder entfleucht. Genau dieses Feld berührt der Hirntot. Schritt für Schritt verlieren religiöse Weltanschauungen ihre Erklärungsmöglichkeiten (hier insbesondere die monotheistischen Strömungen).

Im Zuge der Debatte und Organspende möchte ich noch einen anderen Gedanken einwerfen:
Die Organspende-Mafia ist seit Jahren bekannt, besonders aktiv ist diese in ländlichen Gegenden von Osteuropa, Asien und Indien. Eine Erhöhung der am Markt verfügbaren legalen Organe, würde den illegalen Handel meiner Ansicht nach eindämmen. Es ist daher eine Schande diese pseudomoralischen Diskussionen darüber zu führen, während in der selben Sekunde in Indien/Russland [...] eine Niere, ein Teil der Leber, ein Lungenflügel etc. von armen Bauern "gespendet" wird. Wie Amnesty-International aufdeckte, werden diese Menschen teilweise nichteinmal bezahlt und wir regen uns hier allen Ernstes darüber auf ob Verkehrsopfer statt die Organe zu spenden noch 10 Jahre an der Maschine hängen könnte?

Meyko 22.03.2012 | 15:35

Ein sehr wichtiger Aspekt, wie ich finde:

Britische Anästhesisten forderten vor einigen Jahren Vollnarkose für hirntote Organspender bei der Organentnahme, um mögliche Schmerzen auszuschalten. Einer von ihnen sagte gegenüber BBC: «Man setzt das Skalpell an, und der Puls und der Blutdruck schiessen hoch. Wenn man keine Medikamente gibt, beginnt der Patient sich zu bewegen, und der Eingriff wird verunmöglicht.» Er befürworte Organtransplantationen, würde aber nur dann einen Spenderausweis bei sich tragen, wenn er wüsste, dass er vor der Organentnahme betäubt würde.

(NZZ)
www.nzz.ch/nachrichten/hintergrund/wissenschaft/wann_sind_wir_tot_1.8204978.html

konyhakert 23.03.2012 | 18:52

Zitat Meyko:

BBC: «Man setzt das Skalpell an, und der Puls und der Blutdruck schiessen hoch. Wenn man keine Medikamente gibt, beginnt der Patient sich zu bewegen, und der Eingriff wird verunmöglicht.»

--> das bedeutet doch nichts anderes, als daß dieser mensch, dem gerade ein organ entnommen wird, noch lebendig ist!!!
oh schreck, oh graus! meine ganzen vorurteile gegenüber der transplantationsmaschinerie werden bestätigt.
ich will hoffen, daß bis zu meinem ende sich da was zum positiven bewegt hat. denn unter den gegebenen umständen würde ich nie im leben meine zustimmung geben. niemals!!!

Victoria Abbott 23.03.2012 | 20:35

NEIN, NEIN, NEIN und nochmals NEIN!

Beim "Hirntod" geht es nicht um Medizin oder Ethik, erst recht nicht um kranke Menschen. Das sind nur Nebelkerzen in der Debatte. Der "Hirntod" ist ein Privileg, ein Vorrecht der Ärzte, nämlich töten zu dürfen, ohne wegen Tötung bestraft zu werden. Aus keinem anderen Grund haben die Ärzte die
Hirntoddefinition 1968 durchgesetzt. Ein Arzt hatte Organe für eine Transplantation entnommen und das geht nur an Lebenden. Er stand vor Gericht wegen Tötung. Die Ärzte erfanden den "Hirntod", das Gericht war schachmatt und der Arztkollege kam straflos davon.
Mehr Aufklärung? Prof. Dr. med. R. Pichlmayr, Promoter der Organspende in Deutschland: "Wenn wir die Gesellschaft über die Organspende aufklären, bekommen wir keine Organe
mehr."
Weitere Informationen gibt es hier: spkpfh.de/Organbeschaffungsgesetz.htm

Kathrin Zinkant 23.03.2012 | 21:41

lieber antares, ja - das ist auch nichts, was man vom tisch fegen kann, selbst wenn die neurologen wohl recht haben darin, dass dieser zweifel doch meist auf angst gebaut ist - und nicht auf kenntnis.
sabine müller hat in ihrem beitrag vor zwei jahren zu einer erweiterung der diagnostik um apparative methoden geraten. ich würde das auch so sehen, schon allein, um mehr zuverlässigkeit zu suggerieren. das thema hirntod ist, wie man in den kommentaren hier auch sieht, nicht von der befürchtung zu trennen, das jemand lebendig ausgeweidet wird.

Kathrin Zinkant 23.03.2012 | 21:53

Über diese Fragen vernünftig zu sprechen scheint aber zuviel verlangt zu sein. Denn beherrscht wird die Debatte bisher vor allem von Wut und Empörung.

liebe victoria abbott, was ist nur so schwer daran, sich mit dem hirntod an sich zu befassen - ohne damit gleich eine tötungsmaschinerie zu verbinden, die angeblich hinter der organspende steckt?

über die motive gibt das hier mehrfach von mir zitierte papier von sabine müller (pdf hier auskunft:

nach belkins [5] historischer analyse des reports des Ad Hoc Committee hatten dessen führende Mitglieder unterschiedliche Motive für die Forcierung der neurologischen Todesdefinition: Der Initiator und Vorsitzende des Komitees, der Anästhesie-Chefarzt Henry Beecher, wollte sinnlose künstliche beatmungen bei nicht zu rettenden Patienten verhindern. Dem Neurologen und EEG-Pionier Robert Schwab ging es vor allem um die Etablierung der eeg-Diagnostik zur Feststellung des todeszeitpunkts. Beecher und Schwab wollten den Hirntod als Zeitpunkt des legitimen behandlungsabbruchs festschreiben, aber nicht als neue Definition des Todes. Genau dies wollten dagegen der Transplantationschirurg Joseph Murray und der Neurochirurg William Sweet; Letzterer vertrat die Notwendigkeit der Hirn- tod-Definition, um die Beschaffung von Transplantationsorganen zu erleichtern. Das Problem der Rechtssicherheit in der Organbeschaffung war drängend geworden, nachdem der Arzt Wada, der einem hirntoten Patienten Organe zur Transplantation entnommen hatte, in Japan wegen Mordes verurteilt worden war ([15], S. 900).

es ging hier also nicht allein um die rechtssicherheit von transplantationsärzten, sondern um eine definition von tod überhaupt. dazu eine frage, die sie mir hoffentlich beantworten: was ist denn die alternative zum hirntod? also: wann ist ein mensch wirklich tot, ihrer ansicht nach?

Kathrin Zinkant 23.03.2012 | 22:23

@ konyhakert

ich finde diese vorstellung auch sehr beklemmend. viele ärzte und op-helfer leiden auch massiv, wenn sie mit hirntoten patienten zu tun haben. auch mit jenen, denen keine organe entnommen werden, etwa der mutter von max siegel, siehe artikel.

die frage ist nur, was wir mit so einer beschreibung verbinden. schmerz und panik, würde ich sagen. und ich frage mich dann doch, ob man im hirntoten zustand noch schmerz und panik *empfinden* kann. ich weiß noch, wie unsere nachbarn früher immer aale gefangen haben. die waren natürlich tot, als sie in die pfanne kamen, sind aber herumgesprungen, als sei dem nicht so. und es gibt ja inzwischen sogar eine debatte darüber, ob pflanzen nicht über nervenbahnen und eine art schmerzempfinden verfügen, siehe zb hier [ungültiger link], obwohl die wenigsten davon ausgehen werden, dass man deshalb keine pflanzen abschneiden und essen darf. (außer die fraktion der frutarier).

was ich meine: reaktionen auf normalerweise schmerzhafte eingriffe haben vermutlich wenig mit dem zu tun, was wir bewusst als schmerz wahrnähmen, so wir denn tatsächlich lebend aufgeschnitten würden.

h.yuren 23.03.2012 | 23:23

das thema habe ich am sonntag in der west art runde verfolgt. es waren erkennbar zwei fraktionen beteiligt: die gegner und die befürworter der transplantation.

meine position ist diese: wenn die gesellschaft es nicht schafft, die unfallzahlen und die ursachen für erkrankungen drastisch zu senken, hat sie keine organspenden als reparatur des unnötigen schadens verdient.

die kommerzialisierung der organtransplantationen ist in diesem system nur zu verständlich, aber kriminell.

es wird nicht alles menschenmögliche für die zukunft der kinder getan. darum wäre ich für hirntranplantationen bei gewissen eliten. nur woher die hirne nehmen?

Jörg Friedrich 26.03.2012 | 14:57

Der Artikel selbst gefällt mir sehr gut - auch wenn das Wort "gefallen" hier irgendwie fehl am Platz ist, aber mir fällt grad kein besseres ein.

Was ich nicht verstehe: Wird die Behauptung in der Überschrift durch irgendetwas im Artikel gerechtfertigt? Ich halte die Aussage schlicht für falsch und m.E. steht sie ganz und gar im Widerspruch zum Inhalt des Artikels. Ich glaube eher, dass der Wille vielleicht zuerst stirbt, aber dass das eben nicht heißt, dass dann auch der Mensch schon tot ist.

memyselfandi 26.03.2012 | 15:18

Wahr ist, dass beim Thema Tod die Gemüter hochkochen und auch nicht davor zurück geschreckt wird, den Ärzten Kriminalität zu unterstellen, wenn sie Organe entnehmen und anderen einpflanzen (die meist darüber glücklich sind). Wahr ist auch, dass das Wunderwerk Mensch nicht alleine mit einer Definition des Hirntodes auskommt.

Unwahr ist aber, dass der Wille zuletzt stirbt. Wenn mit dem Willen der Geist oder die Seele verbunden sind, die können nämlich auch schon vorher sterben, und der Körper zieht nach. Was aber an Unwahrheit schwerer wiegt, ist, dass von Menschen, die die Bürde des Transplantierens nicht auf den Schultern tragen, die den Hirntod nicht feststellen und dies den Angehörigen mitteilen müssen, dass diese Menschen sich anmaßen den Ärzten Anmaßung zu unterstellen (vielleicht auch nur, weil die Ärzte ein gern gesehenes Feindbild sind).
Womöglich täte der Dialog Arzt und Nichtarzt gut, diese stets mitschwebenden Anklagen zu unterlassen.

abghoul 26.03.2012 | 15:48

Wie die Krawatte gebunden wird bestimmt aber immer noch Oma's Wille.
Sicher wird der nicht mehr von Oma's Physis getragen, sondern von der eigenen, aber man hatte sich nie Gedanken ums Krawattenbinden gemacht, daher wirkt der Wille weiter, halt von einer anderen Physis getragen.
Ich rede ja nicht von 100%er Erhaltung.
Und das Gegenteil, das der Wille im "lebendigen" Menschen verstirbt, den schließe ich nicht aus.
Das habe ich auch schon öfters mitbekommen.
Die Frage ist halt ob der menschliche Wille 1zu1 von organischen Funktionen getragen ist, oder halt eine multiplexe Angelegenheit ist.

Nashira 28.03.2012 | 10:45

Interessanter, guter Artikel, wichtiges Thema! Danke... Ich hatte jedoch mit der Überschrift auch spontan meine kleine Not und finde es dann hier bestätigt. Zudem kommt mit der Sache von Wille/Bewusstsein und Tod ein Spannungsfeld zustande, das sich m.E. nicht so einfach lediglich "organisch" abhandeln lässt.

Frage: Inwieweit sind denn überhaupt geistige Prozesse (Wille, Bewusstsein usw.) "sterblich"?

Seit wann "stirbt" Geistiges überhaupt?

Verschwindet es (scheinbar) nur, weil de facto der Körper bzw. der Träger des Geistigen nun tatsächlich verstorben ist und nichts mehr vermag, das uns unmittelbar erkennbar scheint?

Man muss doch überhaupt nicht religiös oder sektiererhaft sein, um anzuerkennen, dass Körperliches und Geistiges hier nicht quer Beet in einem Atemzug genannt und voneinander abhängig gemacht werden darf. Da geht es doch um sehr verschiedenes PLUS dem, was oben ja auch richtig auf der Organebene diskutiert wird.

Es kommt mir so vor, als meine man ernsthaft: "Was ich nicht sehe, ist nicht existient!... oder: weil man die Zusammenhänge (noch) nicht erkennt, muss es negiert werden, trotz des Wissens darum, dass jede Form von Energie (Geist, Gedanke) unauslöschlich und unzerstörbar ist, sondern sich lediglich in anderen Aggregatzuständen zeigt oder verborgen hält.

Und nebenbei, was den (erst recht freien, bewusst ergriffenen udn voll verantworteten !) Willen angeht: So ist gerade das ein Ding, der bei vielen Menschen, die sehr vital im Leben stehen, oftmals kaum geboren erscheint, so schwach, so elendig klein über Jahrzehnte, wo man kaum von "Geburt" sprechen mag, aufgrund dessen Mangels nicht einmal ein ordentlicher "Tod" eintreten kann.... aber Letzteres nur am Rande.

Man kann über die körperlichen Dimensionen des Todes wohlfeil streiten und verschiedene Ansichten haben. Aber das Geistige mit dem körperlichen Tod zu verknüpfen im Sinne auch eines geistigen "Todes" (qua scheinbarer Abwesenheit), ist meines Erachtens eine problematische Einstellung zum Wesen des Geistigen an sich, welches sich vielleicht mannigfaltiger ausdrückt, als wir es überhaupt nur im Ansatz derzeit ahnen.

Lethe 29.03.2012 | 12:26

was ist denn die alternative zum hirntod? also: wann ist ein mensch wirklich tot, ihrer ansicht nach?

nun, es gibt sichere Todeszeichen, alle Folgen irreversibler biochemischer Veränderungen des gesamten Organismus:

Livores (Totenflecke), beginnend in etwa mit dem Ende des intermediären Lebens, also mit dem Absterben der letzten noch lebenden Körperzelle, etwa eine Stunde nach Hirntod;
Rigor Mortis (Totenstarre), beginnend im Bereich Kaumuskulatur, ab etwa 3 Stunden nach Ende intermediäres Leben;
Zersetzung in unterschiedlichen Graden und aufgrund unterschiedlicher Ursachen (z.B. Autolyse oder Fliegenmadenbefall);
Adipocire Fettwachsentwicklung

warum also nicht mindestens auf die Livores warten? Diese eine Stunde ist zuviel verlangt?

Der Grund, weswegen nicht auf die Livores gewartet werden kann, ist klar - wenn die auftauchen ist der Körper wirklich tot. Wie wir schon festgestellt haben, ist ein solcher Körper für den Zweck der Organentnahme unbrauchbar. Also lieber mit dem Dualismus Psyche / Körper spielen und die Feststellung von Tod von Bewusstseinsstadien abhängig machen.

Nicht dass ich glaube, dass diese Entwicklung sich langfristig aufhalten lässt. Des wehre der heilige Kommerz. Selbstverständlich aufgrund streng und plausibel altruistischer Gründe.

Ich befürchte nur, dass ich die Beweislastumkehr noch erleben werde. Niemand muss noch explizit zustimmen, es wird reichen, die Ablehnung nicht explizit vor einem Notar bekundet zu haben. Schätzungsweise in 10 Jahren sind wir soweit.

Lethe 29.03.2012 | 13:38

Frage: Inwieweit sind denn überhaupt geistige Prozesse (Wille, Bewusstsein usw.) "sterblich"?

Seit wann "stirbt" Geistiges überhaupt?

das ist eigentlich nur ein Spiel mit der Bedeutungsunschärfe des Begriffes "Geist". "Geist" kann als Synonym für "Bewusstsein" oder "Intellekt" und dergleichen Begriffe gebraucht werden; andererseits ist es ein Sammelbegriff für die intellektuellen Schöpfungen einzelner Menschen wie der gesamten Spezies. In diesem letzten Sinne kann "Geistiges" nicht vergehen, solange diese Schöpfungen in Speichermedien enthalten bleiben, die von intelligenten Wesen verstanden werden können. Für die Realexistenz einer Psyche ist damit allerdings recht wenig gewonnen^^

j.kelim 31.03.2012 | 11:06

Was existiert außerhalb des Beobachters, und was ist überhaupt greifbar, jenseits des Ichbewusstseins?

Das Lied des Narren

"Phönix! Phönix!
Täglich wird es trüber.
Zukunft will nicht kommen.
Altes ist vorüber.

Hat die Welt SINN,
Das Mystische wirkt.
Fehlt der Welt SINN,
Das Mystische sich birgt.
Heutigen Tags
Ist alles verwirkt.

Glück ist so federleicht:
Nie wird´s gefangen;
Unglück so erdenschwer;
Nie wird´s umgangen.

Niemals, Niemals
Teile dich mit!
Fährlich, Fährlich
ist jeder Schritt!
Dornen! Dornen!
Hemmt nicht den Lauf!
Irren! Wirren!
Haltet nicht auf!"

Der Baum auf dem Berge beraubt sich selbst;
das Öl in der Lampe verzehrt sich selbst.

Der Zimtbaum ist essbar, drum wird er gefällt;
der Lackbaum ist nützlich, drum wird er zerspellt.

Jedermann weiß, wie nützlich es ist, nützlich zu sein
und niemand weiß, wie nützlich es ist, nutzlos zu sein.

(Dschuang Dsi)

Victoria Abbott 22.05.2012 | 01:52

Strafanzeige wegen Mordes gegen Bundesärztekammer und DSO

Bundesärztekammer und Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) sind die Manager und Marketingstrategen des Organhandels. Unter dem Vorwand "Hirntod" werden Patienten getötet. Das "Hirntodkonzept" ist ein ärztliches TÖTUNGS-Konzept. Das Mordmerkmal "Habgier" ist erfüllt. Der organisatorische Zusammenschluß und der gemeinsame Wille zur Begehung der Morde erfüllen den Straftatbestand der kriminellen Vereinigung. Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Berlin wurde erstattet, mit dem Antrag Anklage zu erheben.

www.spkpfh.de/Strafanzeige_wegen_Mordes_gegen_Bundesaerztekammer_und_DSO.htm