Die andere Reise zum Mond

Wostok-See Russische Forscher stehen vor dem Schritt in eine fremde Welt. Kann sie unsere Idee von Leben umkrempeln?

Europas kleine Version liegt knapp viertausend Meter unter Eis begraben. Seit rund 15 Millionen Jahren. Ohne Kontakt zum Rest des Planeten, isoliert von Klimawandel und Umweltverschmutzung. Seine Bewohner haben eine eigene Evolution vollzogen, sich zu etwas entwickelt, das Wissenschaftler beim bloßen Gedanken erschaudern lässt, weil sie keine Idee davon haben. Was lebt dort unten? Gibt es überhaupt Leben? Was ist in 15 Millionen Jahren passiert, in völliger Dunkelheit, in beispielloser Kälte, unter immensem Druck?

Europa ist der zweite Mond des Jupiter, seine kleine Version ist ein See, den man nicht unterirdisch nennen kann, weil über ihm tatsächlich nur kilometerdick gefrorenes Wasser lastet, und nicht außerirdisch, weil er sich unter dem Eis der Antarktis befindet, hier auf der Erde. Enstanden ist der Wostok-See, wie er genannt wird, gemeinsam mit etwa 150 kleineren Seen vermutlich vor 35 Millionen Jahren, als die Antarktis noch nicht von ihrem berghohen Kältepanzer bedeckt war. Vor etwa 15 Millionen Jahren, schätzen Forscher heute, fror der See dann zu, seither geht das Leben darin seinen eigenen Weg, unter extremsten Bedingungen, mit völlig ungewissem Ergebnis. Ungewiss bis jetzt, zumindest.

Seit vielen Jahren arbeiten sich russische Wissenschaftler von oben durch das Eis, um das Geheimnis des Wostok-Sees zu lüften. Nun trennen sie bloß noch wenige Meter von ihrem Ziel: Im Januar kündigte der Direktor des russischen Antarktis-Programms Valery Lukin an, man habe bereits gefrorenes Seewasser erreicht und könne noch bis Anfang Februar zum See selbst durchbrechen. Doch gerade die letzten Meter erscheinen heikel. Viele Forscher fürchten eine unwiderrufliche Kontamination des unberührten Gewässers durch Nährstoffe oder Gifte, vielleicht, aber auch Bakterien- oder Pilzsporen am Bohrgestänge. Dass die Antarktis nicht gerade steril ist, weiß man seit Experimenten, die im Vorfeld der Voyager-Missionen zum Mars in den Siebzigerjahren stattfanden. Man prüfte die Empfindlichkeit biologischer Tests an scheinbar unbelebten Proben antarktischen Bodens, und stellte fest, dass auch am Südpol durchaus die ein oder andere Mikrobe gedeiht. So dringend man nun also den entscheidenden Schritt tun will – man muss vorsichtig sein.

Eine Station am Pol der Kälte

Und selbst wenn es erst in der nächsten Saison klappt: Die russischen Forscher der Wostok-Station haben etwas erreicht, dass sie über fünf Jahrzehnte verfolgten, ohne die meiste Zeit wirklich davon Kenntnis zu haben. In einem Buch, das die wissenschaftliche Geschichte der Wostok-Exploration beleuchtet, weist der Moskauer Geograph Igor Zotikow auf die Verzögerungen und glücklichen Fügungen hin, die überhaupt erst zur Entdeckung des Sees führten. Denn es war mitnichten so, dass die Sowjet-Russen sich um jenen Fleck Eiswüste gerissen hätten, auf dem heute die Wostok-Station steht, exakt über dem verborgenen Gewässer platziert. Die Station wurde 1957 im Zuge des Internationalen geophysikalischen Jahres errichtet – einem Projekt, das 1950 nach dem Vorbild des Polarjahres von Wissenschaftlern initiiert worden war, um den kalten Krieg in der Forschung zu beenden und endlich wieder einen freien Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse zu ermöglichen. Die internationale Erforschung der Antarktis war Teil dieses Ziels. Seit den Expeditionen von Roald Amundsen und Robert Scott, seit 1912 also, hatte kein Mensch mehr einen Fuß auf den Südpol gesetzt. Die Antarktis war auch in wissenschaftlicher Hinsicht ein weißer Fleck geblieben.

Doch als die führenden Industriestaaten sich 1955 in Paris trafen und mögliche Standorte für Forschungsstationen untereinander verteilten, kam der russische Delegierte zu spät: Er hatte Ausreiseschwierigkeiten gehabt und musste den geografischen Südpol den Amerikanern überlassen. Bereits im darauffolgenden Jahr entstand dort die Scott-Amundsen South Pole Station. Die Sowjets wichen auf einen Ort zwischen geomagnetischem Südpol und Pol der Unzugänglichkeit aus – jenem Punkt der Erde, der am weitesten von den Ufern des antarktischen Kontinents entfernt ist. Bald stellte sich heraus, dass dieser Ort in 3500 Metern Höhe über dem Meeresspiegel auch ein Pol der Kälte ist. Selbst unter der Mitternachtssonne, die am Südpol ein halbes Jahr lang nicht untergeht, klettert das Thermometer kaum über minus 30 Grad Celsius. In der Polarnacht liegt die Temperatur um minus 70 Grad. Die Wostok-Station blieb nach ihrer Eröffnung im Dezember 1957 fast vier Jahrzehnte lang ununterbrochen in Betrieb. Fast über die gesamte Zeit hatte niemand eine Ahnung, welch glücklicher Zufall es gewesen war, dass von damals zwei Stationen auf dem endlosen Binneneis eine ausgerechnet hier errichtet worden war.

Einen Hinweis aber gab es. Als die sowjetischen Forscher 1963 mit seismologische nMessungen die Dicke des Eispanzers bestimmen wollten, stieß einer von ihnen auf eine Absonderheit: Andrej Kapitsa las aus den Daten, dass es einige Kilometer tief im Eis zwei Kanten geben musste, eine bei 3.730 Metern, die andere gut einen halben Kilometer darunter, bei 4.290 Metern. Man konnte sich die Daten nicht wirklich erklären, zu wenig war noch über die Beschaffenheit des antarktischen Eises bekannt, gerade erst begann man entsprechende physikalische Theorien zu entwickeln. Hatte man es mit Übergängen zwischen verschiedenen Eismassen oder zwischen Eis und Gestein zu tun? Dass Kapitsa einen gewaltigen See in der Tiefe des Eises entdeckt hatte, ahnte niemand. Kapitsa aber vergaß die Messungen nicht. Knapp vier Jahrzehnte später sollte er den Anlass bekommen, sie wieder aus der Schublade zu holen.

1994 reiste der Forscher nach Cambridge und diskutierte dort mit anderen Wissenschaftlern über jüngste Radaraufnahmen, die ein etwa 10.000 Quadratkilometer großes, scharf umgrenztes Areal zeigten – und zwar direkt unter der Wostokstation. Das Gebiet reflektierte das Radar auf eine Weise, die nur auf Wasser schließen ließ. Nur, wieviel? Andrej Kapitsa kannte die Antwort: sehr, sehr viel. So viel Wasser, wie zwischen die beiden Kanten passte, die er drei Jahrzehnte zuvor entdeckt hatte und von denen nun klar war, dass sie – fast vier Kilometer unter der Oberfläche – den oberen und unteren Rand eines 500 Meter tiefen Beckens markierten, eines Sees von der Größe des Ontario-Sees, der sich aber wegen seiner Millionen Jahre währenden Isolation und aufgrund der extremen physikalischen Bedingungen in dieser Tiefe sehr deutlich von allen anderen irdischen Gewässern unterscheiden musste.

Dass man den See vier Dekaden lang schlicht übersehen hatte, erwies sich letztlich als Fügung. In den fünfziger Jahren wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, dort unten Leben zu vermuten, geschweige denn danach zu suchen. Auch war man einer Reise zum Mond zu jener Zeit technisch weit näher als einer Eiskernbohrung von mehreren Kilometern Tiefe. Und was sollte dort unten, fern von allem Licht, schon sein? Mikroorganismen, die in völliger Dunkelheit, in extremen Temperaturverhältnissen und noch dazu unter aberwitzigem Druck gedeihen, waren bis in die Siebziger kaum bekannt, erst in den Neunzigern nahm die Forschung auf dem Feld der sogenannten Extremophilen richtig Fahrt auf. Das hatte auch mit der Suche nach Leben im Weltall zu tun: Nachdem alle Hoffnungen zerschlagen waren, in unserem Sonnensystem intelligente Lebensformen zu finden, spekulierte man vor der eigenen Planetenhaustür nun bescheidener auf außerirdische Mikroorganismen, die mit den radikalen Umweltbedingungen fremder Planeten zurechtkamen.

Ein Minimodell für Jupiter II

Dass Kapitsa die Entdeckung des Wostok-Sees mit russischen und britischen Kollegen 1996 in Nature publizierte, passte denn auch wunderbar: Ebenfalls 1996 lieferte die Weltraumsonde Galileo erstmals detaillierte Bilder und Messdaten der vier großen Jupitermonde, aus denen geschlossen werden durfte, dass sich auf den Monden Ganymed, Kallisto und Europa tatsächlich Wasser befindet, und dass das Wasser auf Europa, auch Jupiter II genannt, vermutlich flüssig ist, sogar einen vollständig von einer Eisschicht bedeckten Ozean bildet – in dem es Formen von Leben geben könnte. Es bedurfte keiner größeren Phantasie, den Wostok-See geradewegs als eine Art Minimodell für den Jupitermond zu betrachten und darauf zu hoffen, dass er bisher unbekannte Organismen birgt. Das Problem ist nur noch, an dieses Leben heranzutreten.

Zuletzt war es eine technisches Hürde, die den Durchbruch verhinderte. Vor zwei Jahren fraß sich der Bohrkopf 80 Meter vor dem Ziel im Eis fest, erst seit vergangenem Jahr konnte weiter gebohrt werden, laut Zeitplan soll die erste Probe noch bis zum 6.Februar aus dem flüssigen Wasser gezogen werden – und zwar so, dass sich das Loch sofort durch aufsteigendes Wasser verschließt, das im Bohrloch gefriert. Obwohl die beteiligten Forscher vom russischen Arctic and Antarctic Research Institute (AARI) in Sankt Petersburg optimistisch bleiben, und während vor allem Astronomen auf erste Resultate vom fremden Planeten am Südpol brennen, befürchten Ökologen weiter, dass es zu einer Verschmutzung des unberührten Wassers kommen könnte. Es gebe keine absolut sauberen Bohrvorrichtungen,

Das wäre vor allem für die Forschung ein Handicap. Erste Untersuchungen sollen nämlich DNA in den Proben aufspüren – und wie enttäuschend wäre es, in der kleinen Version eines Mondes auf alte Bekannte zu stoßen.

Am Südpol zu sein ist keine eindeutige Sache. Unterschieden werden nämlich vier Sorten Pol, von denen der geografische mit dem 90. Breitengrad Süd zusammenfällt. Der geomagnetische Pol soll den Pol des Erdmagnetfeldes abbilden, stellt aber nur einen Mittelwert dar, und im physikalischen Sinn nicht mal einen Südpol, sondern einen Nordpol weil die Feldlinien des Magnetfeldes hier austreten. Der echte magnetische Pol wandert stetig, weil auch das Erdmagnetfeld stetig wandert. Der Pol der Unzugänglichkeit ist am weitesten von den echten Küsten der Landmassen entfernt. Nicht weit von dort liegt der Wostok-See.Antarktis vier Pole und ein See

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

10:45 05.02.2011
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
Schreiber 0 Leser 5
Kathrin Zinkant

Ausgabe 15/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare