Kathrin Zinkant
21.07.2011 | 13:21 6

Enttäuschende Enttarnung: Wer führt hier eigentlich wen in die Irre?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Kathrin Zinkant

Prestige ist etwas, das die Dienstobersten im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz schon immer gern gehabt hätten, aber nie hatten. Ok. Renate Künast vielleicht, weil sie ein paar ernsthafte Versuche unternommen hat, am Lebensmitteldilemma zu schrauben und den Hühnern mehr Platz zum Eierlegen zu schaffen.

Nun versucht es Ilse Aigner via Konsumgefühl. Die Häme über den Serverabsturz am ersten Tag von lebensmittelklarheit.de kann man sich sparen. Zumal die Panne sicher nicht als Beleg dafür zu deuten ist, dass Aigner ihr Prestigeprojekt "unterschätzt" hat. Im Gegenteil. "Lebensmittelklarheit" ist ein nachgerade unverschämtes Pseudozugeständnis an den Verbraucher, eine Täuschung in sich. Warum?

Ein Blick auf die Seite. Im Design stark an abgespeist.de angelehnt, ist die Homepage - sofern sie richtig lädt - immerhin übersichtlich. Protestwillige Verbraucher finden rasch den Weg zum Beschwerdeformular, auf das sie den mutmaßlichen Betrug bzw. die Täuschung bzw. die Irreführung eintragen und an die "Redaktion" schicken können. Die prüft den Vorwurf und wendet sich an den Hersteller, der daraufhin eine Stellungannahme abgeben kann. Es ist im Grunde dasselbe, was Foodwatch seit Jahren betreibt. Nur dass die Nummer hier nun unter der Schirmherrschaft von Frau Aigner läuft.

Man könnte nun sagen - und es wird auch gesagt - dass dieses Projekt irgendwie lobenswert ist, weil der Verbraucher hier gehört und mit seinen Nöten und Verwirrungen ernst genommen wird. Einkaufen ist ja auch wirklich kein Spaß mehr, heutzutage. All diese Fertigprodukte, die man zwar selbst herstellen könnte, aber nicht mehr möchte und deshalb eingebüchst, als Pulver oder sonstwie containerisiert erstehen muss, wobei man immerzu in der Angst leben muss, dass die Packung irgendwas gemeines enthält oder doch nicht das, was man sich auf den ersten Blick davon versprochen hat.

Zum Beispiel die fertig marinierte Hähnchenbrust, die angeblich mit 100 Prozent marinierter Hähnchenbrust gemacht wurde, aber laut Zutatenliste nur 75 Prozent Hähnchenfleisch plus Marinade enthält. Na gut, vielleicht ergibt 75 Prozent Fleisch plus 25 Prozent Marinade ja wirklich 100 Prozent mariniertes Fleisch, wie auch der Hersteller daraufhin recht einleuchtend erklärt. Aber der Käufer findet das nicht. Er will offenkundig 125 Prozent mariniertes Hähnchen - mit 100 Prozent Hähnchen drin!

Die übrigen und nicht gerade zahlreichen Beispiele sind entweder ähnlich absurd (das "Sylter Salatdressing" kommt womöglich gar nicht aus Sylt!) oder kreisen um die ewig gleichen Kennzeichnungs-Sujets. Hefeextrakt, vor allem. Dass natürliches Hefeetrakt auch Glutamat enthält und als Zusatz die Kennzeichnung "ohne den Zusatz Geschmacksverstärker" ermöglicht, ist von den Verbraucherzentralen über foodwatch bis hin zur ARD-Ernährungswoche rauf und runter bejammert worden. Aber es ist eben so. Das Gesetz erlaubt diese Deklaration (weshalb die Rubrik übrigens "Getäuscht?" mit Fragezeichen heißt, was an sich schon wieder eine Irreführung ist) und man könnte den genannten Produkten deshalb noch mehrere Hundert hinzufügen. Im übrigen auch hunderte Bio-Produkte.

Ändern wird sich deshalb nichts, und das ist auch exakt die Botschaft dieser Seite. Meldet euch, prangert an, und lebensmittelklarheit wird erklären, dass das alles erlaubt ist (aber nicht warum). Das Lebensmittelrecht bleibt ein Abgrund, in den sich niemand wagen will. Die Profiteure des Prestigeobjekts sind damit eine Politik, die sich aus der Affäre des Handelnmüssens zieht, und – tatsächlich – die Lebensmittelindustrie. Noch nie zuvor hat sie eine aus Steuergeldern finanzierte, großangelegte Marketingstudie geschenkt bekommen. Frau Aigner hat diesen Schritt für sie getan.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (6)

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Ehemaliger Nutzer 23.07.2011 | 23:59

Die Erfolge von Künast waren auch sehr dürftig.
Bei Aigner liegt es daran, dass sie in dieser Hinsicht überhaupt keine Vorbildung hat.
Was kann man denn von einer Radio- und Fernsehmechanikerin verlangen. Die Frau hat kein Gespühr, sondern fällt nur durch ihr geistloses Grinsen auf. Wie sie den Posten ergattern konnte, möchte ich einmal genau wissen.
Aber das ist eben das Fachpersonal von der CSU und da ist der Bürger nicht gerade verwöhnt, wenn wir den Innenminister Friedrich uns näher anschauen.

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Ehemaliger Nutzer 24.07.2011 | 12:26

"Ändern wird sich deshalb nichts, und das ist auch exakt die Botschaft dieser Seite. Meldet euch, prangert an, und lebensmittelklarheit wird erklären, dass das alles erlaubt ist (aber nicht warum)."

So ist es und so bleibt es, so wahr den Amtsträgern Gott und die FDGO helfe.
Ihr dürft Eure Meinung sagen, laut, deutlich und immer wieder, ändern wird sich an der Politik nichts.
Politiker treten nicht wegen verfehlter Politik zurück, sondern wegen privater Fehltritte, falscher Abrechnungen, Miles More, abgekupferter Doktorarbeiten etc.
Bei ihren Nachfolgern, gleich welcher Partei, wird die gleiche Politik zugunsten von Erzeugern (gleich welcher Produkte, Waffeln oder Waffen) fortgesetzt. Das nennt sich Kontinuität und Berechenbarkeit.
Und Ihr, so heißt es dann, habt es so gewollt, weil so gewählt. Nur gibt es keine Wahl, die eine andere Politik hervorzaubern würde - auch die LINKE fügt sich, wenn an der Regierung, den sogenannten Sachzwängen: Europa, Lissabon, Basel Fasel Zwo Globalisierung.
Helfen da Globuli?

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Ehemaliger Nutzer 24.07.2011 | 15:16

Das ist ja die große Freiheit, auf die die Westdeutschen einen so großen Wert legten
Welche Freiheit sie damit meinten, können sie nicht mal richtig erklären.
Den Mund aufmachen und kritisieren und was ist das Resultat.
Es bleibt alles wie es war.
Die Lebensmittel werden jetzt gekennzeichnet und in der alten BRD?
Da hatte jeder die Freiheit, seinen eigenen Dreck herzustellen.
Ich habe z.B. in Schwetzingen eine Metzgerei gesehen, die ringsum mit Wellasbest bedeckt war. Im Osten empörte man sich nach der Wende darüber, im Westen ist das altäglich.
Wo Nahrungsmittel hergestellt werden, sollte Wellasbest ein Tabu sein. Auch hier wird in diesem Staat nichts dagegen gemacht.