Kathrin Zinkant
20.07.2011 | 17:15 13

Es gibt kein Vergessen mehr

Google & Gehirn Schon deshalb kann von digitaler Demenz durch Suchmaschinen keine Rede sein. Vielmehr ist das Netz ein Teil der menschlichen Evolution

Die Furcht, dass das Internet mit seinen entsetzlich vielen Möglichkeiten auf lange Sicht die Degeneration des ohnehin debilen menschlichen Gehirns befördern könne und werde, weil es bestimmte kognitive Prozesse erspart bzw. outsourced bzw. es obsolet macht, sich irgendetwas zu merken, wenn man doch alles online nachgucken kann, ist vergangenen Freitag durch ein Wissenschaftlerteam in den USA scheinbar neu befüttert worden. Scheinbar, weil die in Science publizierten Ergebnisse eines mehr­stufigen Versuchs an gut Hundert Harvard-Studenten von den Forschern so überraschend positiv bewertet werden, dass selbst ein unbelehrbarer Netz- Nihilist wie FAZ-Mitherausgeber und Bestsellerautor Frank Schirrmacher die Studienresultate  „nüchtern und nicht pessimistisch“ nennen muss – was zur üblichen Volksdiagnose der „digitalen Demenz“ ziemlich schlecht passt.

Denn dass Google „dement“ oder „vergesslich“ mache, ist eben nicht die Erkenntnis der zitierten Arbeit. Im Gegenteil: Die Psychologin Betsy Sparrow hat in Google einen Stellvertreter dessen entdeckt, was der Mensch weit dringender braucht als diese lei­dige Furcht um eine biologisch fragile und nur noch wenig ausbaufähige Ressource . Das Internet, so hat Sparrows es an sich selbst beobachtet und in ihren Tests belegt, erweitert als eine Art transaktives Gedächtnis einen Bereich, der die menschliche Hirnmasse gerade durch das stetig wachsende Wissen längst an ihre Grenzen gebracht hat. Studenten mögen, so die kulturpessimistische Klage, zwar immer weniger wissen, dafür aber wissen sie immer besser, wo Wissen nachgeguckt werden muss, und so sind sie in ihrer Recherche erstaunlich effizient. Das Netz ist ja vor allem auch ein gewaltiger Speicher an Fakten und Informationen, die kaum jemand allein auch nur in der Lage wäre zu verwalten, geschweige denn zu memorieren.

Wer um Souveränität fürchtet, hat keine mehr

Dass die Fülle an Wissen in eine Ablage externalisiert wird, aus der man sie bei Gelegenheit rekrutieren kann, ist dabei nun wirklich keine innovative Eigenschaft des Internets, und das Internet wird auch nicht das Ende dieser Entwicklung sein. Solche externen oder laut Sparrows „transaktiven“ Gedächtnisse kennt die Menschheit, seit sie Berufe erlernt und ihre Kenntnisse in sozialen Gemeinschaften zu teilen bereit ist. Tontafeln, Schriftrollen, Bücher, Tonbänder, Zeichnungen, Fotos, Bilder, Disketten, DVDs haben keine andere Funktion, als das Gehirn zu entlasten und von außen neu anzuregen. Zu­genommen haben der Grad der Spezialisierung, die Menge an Wissen und die Geschwindigkeit, mit der Informationen transportiert werden.

Zugenommen hat allerdings auch das suchbare Wissen über Menschen und ihren Umgang mit Informationen. Das macht vielen Menschen Angst, denn dieses Wissen lässt sich verknüpfen, assoziieren, zu einem Bild formen – das aber was eigentlich repräsentiert? Den Menschen, dessen Handeln zu diesem Bild geführt hat? Seine Geschichte, Erinnerung, Persönlichkeit? Ein Bücherregal sagt viel über den Menschen aus, der es benutzt, nicht nur anhand der Auswahl der Bücher, ihrer Zahl und Anordnung, der Staubschicht oder Abgriffenheit. Aber es räpresentiert nicht den Menschen. Genauso wenig, wie Bewegungsprofile, Verweildauern, Seitenaufrufe und Netzwerkbesuche die Assoziationen und sozialen Beziehungen eines Menschen repräsentieren, die man auslagert an einen "Privatkonzern" namens Google. Der mag Algorithmen bemühen, um die Assoziationen und Beziehungen der User zu rekonstruieren. Das Ergebnis wird etwas völlig anderes hervorbringen, als das, was der User mit seinem Handeln im Netz tatsächlich verbunden hat. Wer hier um seine Souveränität fürchtet, verfügt schon längst über keine mehr.

Was sicher existiert, ist das Risiko, über das ausgelagerte Wissen durch ein unvorhergesehenes Ereignis oder poltische Eingriffe nicht bzw. nicht mehr verfügen zu können. Nimmt man einer Gesellschaft ihr transaktives Gedächtnis, und sei es, dass man sie vom Internet trennt, wird sie beschädigt. So wie die spätantike Gemeinschaft Alexandrias vor 2.000 Jahren durch die weitgehende Zerstörung der großen Bibliothek beschädigt wurde und an Bedeutung verlor.

Externalisiertes Wissen war schon immer flüchtig, und es ist die große Fähigkeit des Menschen, immer neue Träger für das zu erfinden, was seine Intelligenz an Wissen produziert. Nur dieser Prozess schafft im genialen, aber limitierten Gehirn des Menschen den Raum für Assoziation, gezielte Rekombination und Abstraktion – für etwas, das man Denken nennt, und das weiterhin hier stattfindet: im Kopf.

Erweiterte Fassung des Beitrags aus Der Freitag, Nr. 29 2011

Kommentare (13)

chrislow 20.07.2011 | 21:34

Unbedingt sei es nicht negativ, Wissen quasi auszulagern. Alles geht eh nicht in den Kopf. Und Bibliotheken gab es immer und dort war das Wissen immer "ausgelagert". Es hat sich nur der Ort verändert ... und das Angebot erweitert. Und ... es schneller zugänglich gemacht.
Ich kann per Browser 20 Seiten gleichzeitig geladen haben und zwischen diesen herumzappen. Vergleich, Selektion, Vorrat an Inhalte sind somit denkbarst einfach zu gestalten. Besser gehts noch mit mehreren Monitoren.

Wenn ich bedenke, dass man sich anstatt 20 Bücher vor einem aufgeschlagen hinlegen will.... !?

Und es muß nicht Google sein... der alles weis. Hat sich irgendwie nur eingebürgert und gebrannt... scheinbar.

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fraus 21.07.2011 | 03:10

Genau, das Denken findet weiterhin im Kopf statt.
Ich denke , dass es dabei nicht primär auf Wissen ankommt, sondern auf Kompetenz, die eine Dynamik aus Fachwissen, Verstehen und Fähigkeiten darstellt, egal, ob das Wissen extern oder intern vorhanden ist.

Wichtig ist u.a. ein aufgebautes Wissen, das durch (zielloses) Herumsurfen schwer (oder gar nicht) zu bewerkstelligen ist, das ist eher der Knackpunkt. Fundierte Theorie ist ohne Überwinden des inneren Schweinehundes, interdisziplinäre 'Provokationen' o.a. nicht zu haben, um über den eigenen Tellerrrand zun blicken. Das ist nicht alles via autodidaktischem Blindflug mitzunehmen, oder der Gewissheit, es im Falle extern greifbar zu haben.

Jan Fremder 21.07.2011 | 22:06

Der Tenor lässt sich zusammenfassen in: Du musst nicht alles wissen, es reicht zu wissen, wo es steht.

Und zur Aufzeichnung des Netz- und Bewegungsverhaltens:
Es sind Zeugnisse und diese werden zur Beurteilung zusammengestellt und herangezogen. Wie realistisch oder unrealistisch die Kriterien auch immer sind. Fakt ist, die User verlieren Autonomie über sich. Die Transparenz vollzieht sich in umgekehrter Richtung: Die User, nicht die Konzerne stehen im Licht. Die Kombination aus Ipv6 (welche das NAT, sowie dynamische IPs überflüssig macht) und sozialen Netzwerke (als Identitätslayer des Netzes) werden das Netz näher an die Offline Welt holen bzw. umgekehrt. D.h. die gewonnene Autonomie und Möglichkeiten, die mit dem Internet Einzug hielten, werden revidiert. Rückkehr zur alten Ordnung. Haben die „Netz-Bohemianer“ irgendwas beigesteuert, um die Entwicklung dabei zugunsten der User zu gestalten: nein. Ihre Rolle beschränkte sich darauf, zu beschwichtigen und zu beschönigen. Wir brauchen Selbstverteidigungsstrategien, damit der Traum der augmented reality nicht zum Alptraum wird. Auf die Klüngel der üblichen Verdächtigen kann sich niemand verlassen.
Mehr Wissen, mehr Möglichkeiten? Mehr gegenseitige Blockade! Die Lobotomie des Internet.

wbieber 22.07.2011 | 12:13

Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ersten Eisenbahnen verkehrten, protestierte ein bayerisches Ärztekollegium, diese zu damaligen Zeiten unglaublichen Geschwindigkeiten von bis zu 14 km/h könnten das Gehirn der Mitreisenden ernsthaft beschädigen: zu schnell sei die Reisegeschwindigkeit, die auf den Reisenden einströmenden Eindrücke könnten gar nicht verarbeitet werden. Heute wissen wir, dass diese Angst unbegründet war – dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass wir die tägliche Leistung unseres Gehirns weiterhin gewaltig unterschätzen:
bit.ly/ouugqg

I.D.A. Liszt 26.07.2011 | 18:10

Nun ja, der Begriff "digitale Demenz" bezieht sich ja auch nicht allein auf das Internet, denn sonst hätte man das Phänomen sicherlich ganz zurecht "Internet-Demenz" genannt.

Das Internet ist in der Tat ein gigantischer Wissensspeicher und als solcher wunderbar. Auch macht der Gebrauch des Internets nicht dement. Man muß nur - wie mit allen Dingen - damit so sorgsam umgehen, daß sich die Vorteile erschließen.

"Digitale Demenz" redet hingegen über den Gebrauch digitaler Medien. Die meisten von uns werden schon an sich selbst beobachtet haben, daß sie, wenn sie eine Internetseite geöffnet haben, daneben noch mehrere andere öffnen, E-Mails nachlesen, evtl. telefonieren usw.
Oder man liest ganz einfach auf freitag.de, während man gleichzeitig in zwei anderen Foren mit ungefähr neun Personen parallel chattet, und dazu twittert man noch ein bißchen ...

Das ist die Grundlage der digitalen Demenz: die ständige Unterbrechung der Aufmerksamkeit durch neue, vermeintlich 'wichtige' Informationen.

Rein neurologisch ist das Gehirn gar nicht in der Lage, sehr viele Informationen gleichzeitig aufzunehmen und zu verarbeiten. Es filtert die unwichtigen heraus, und wenn die Informationen zu sehr überhand nehmen, als daß sie überhaupt noch sinnvoll bearbeitet werden könnten, schaltet es die Aufnahme von Informationen aus Selbstschutz einfach ab.

Das Problem des digitalen Zeitalters ist nicht, daß man etwas weiß oder nicht weiß oder daß man weiß, wo man bestimmte Informationen finden kann, also das Erinnerungsvermögen, sondern daß das Gehirn überhaupt nicht mehr genug relevante Informationen aufnimmt.

Ferner möchte ich zum Thema bemerken, daß ein Organ, das man nicht trainiert, verkümmert. Jede Fußballspielerin trainiert ihre Beine, jeder Koch seinen Geschmack, damit sie die von ihnen erwarteten Anforderungen erfüllen.

Was macht Sie eigentlich so sicher, Frau Zinkant, daß man das Gehirn bzw. wesentliche Funktionen des Gehirns nicht trainieren muß?

Ich habe die Vision einer Zukunft von alternden Menschen, die immer früher dement werden, eben weil sie wesentliche Hirnfunktionen an die Technik delegieren. Ich sehe nämlich da einen Zusammenhang zwischen untrainiertem Gedächtnis und bereits heutzutage zu beobachtender immer früher eintretender Demenz.

Das macht aber nichts, denn diese Alten wissen davon dank ihrer frühzeitig erworbenen Demenz zum Glück nichts ...