Es gibt kein Vergessen mehr

Google & Gehirn Schon deshalb kann von digitaler Demenz durch Suchmaschinen keine Rede sein. Vielmehr ist das Netz ein Teil der menschlichen Evolution

Die Furcht, dass das Internet mit seinen entsetzlich vielen Möglichkeiten auf lange Sicht die Degeneration des ohnehin debilen menschlichen Gehirns befördern könne und werde, weil es bestimmte kognitive Prozesse erspart bzw. outsourced bzw. es obsolet macht, sich irgendetwas zu merken, wenn man doch alles online nachgucken kann, ist vergangenen Freitag durch ein Wissenschaftlerteam in den USA scheinbar neu befüttert worden. Scheinbar, weil die in Science publizierten Ergebnisse eines mehr­stufigen Versuchs an gut Hundert Harvard-Studenten von den Forschern so überraschend positiv bewertet werden, dass selbst ein unbelehrbarer Netz- Nihilist wie FAZ-Mitherausgeber und Bestsellerautor Frank Schirrmacher die Studienresultate  „nüchtern und nicht pessimistisch“ nennen muss – was zur üblichen Volksdiagnose der „digitalen Demenz“ ziemlich schlecht passt.

Denn dass Google „dement“ oder „vergesslich“ mache, ist eben nicht die Erkenntnis der zitierten Arbeit. Im Gegenteil: Die Psychologin Betsy Sparrow hat in Google einen Stellvertreter dessen entdeckt, was der Mensch weit dringender braucht als diese lei­dige Furcht um eine biologisch fragile und nur noch wenig ausbaufähige Ressource . Das Internet, so hat Sparrows es an sich selbst beobachtet und in ihren Tests belegt, erweitert als eine Art transaktives Gedächtnis einen Bereich, der die menschliche Hirnmasse gerade durch das stetig wachsende Wissen längst an ihre Grenzen gebracht hat. Studenten mögen, so die kulturpessimistische Klage, zwar immer weniger wissen, dafür aber wissen sie immer besser, wo Wissen nachgeguckt werden muss, und so sind sie in ihrer Recherche erstaunlich effizient. Das Netz ist ja vor allem auch ein gewaltiger Speicher an Fakten und Informationen, die kaum jemand allein auch nur in der Lage wäre zu verwalten, geschweige denn zu memorieren.

Wer um Souveränität fürchtet, hat keine mehr

Dass die Fülle an Wissen in eine Ablage externalisiert wird, aus der man sie bei Gelegenheit rekrutieren kann, ist dabei nun wirklich keine innovative Eigenschaft des Internets, und das Internet wird auch nicht das Ende dieser Entwicklung sein. Solche externen oder laut Sparrows „transaktiven“ Gedächtnisse kennt die Menschheit, seit sie Berufe erlernt und ihre Kenntnisse in sozialen Gemeinschaften zu teilen bereit ist. Tontafeln, Schriftrollen, Bücher, Tonbänder, Zeichnungen, Fotos, Bilder, Disketten, DVDs haben keine andere Funktion, als das Gehirn zu entlasten und von außen neu anzuregen. Zu­genommen haben der Grad der Spezialisierung, die Menge an Wissen und die Geschwindigkeit, mit der Informationen transportiert werden.

Zugenommen hat allerdings auch das suchbare Wissen über Menschen und ihren Umgang mit Informationen. Das macht vielen Menschen Angst, denn dieses Wissen lässt sich verknüpfen, assoziieren, zu einem Bild formen – das aber was eigentlich repräsentiert? Den Menschen, dessen Handeln zu diesem Bild geführt hat? Seine Geschichte, Erinnerung, Persönlichkeit? Ein Bücherregal sagt viel über den Menschen aus, der es benutzt, nicht nur anhand der Auswahl der Bücher, ihrer Zahl und Anordnung, der Staubschicht oder Abgriffenheit. Aber es räpresentiert nicht den Menschen. Genauso wenig, wie Bewegungsprofile, Verweildauern, Seitenaufrufe und Netzwerkbesuche die Assoziationen und sozialen Beziehungen eines Menschen repräsentieren, die man auslagert an einen "Privatkonzern" namens Google. Der mag Algorithmen bemühen, um die Assoziationen und Beziehungen der User zu rekonstruieren. Das Ergebnis wird etwas völlig anderes hervorbringen, als das, was der User mit seinem Handeln im Netz tatsächlich verbunden hat. Wer hier um seine Souveränität fürchtet, verfügt schon längst über keine mehr.

Was sicher existiert, ist das Risiko, über das ausgelagerte Wissen durch ein unvorhergesehenes Ereignis oder poltische Eingriffe nicht bzw. nicht mehr verfügen zu können. Nimmt man einer Gesellschaft ihr transaktives Gedächtnis, und sei es, dass man sie vom Internet trennt, wird sie beschädigt. So wie die spätantike Gemeinschaft Alexandrias vor 2.000 Jahren durch die weitgehende Zerstörung der großen Bibliothek beschädigt wurde und an Bedeutung verlor.

Externalisiertes Wissen war schon immer flüchtig, und es ist die große Fähigkeit des Menschen, immer neue Träger für das zu erfinden, was seine Intelligenz an Wissen produziert. Nur dieser Prozess schafft im genialen, aber limitierten Gehirn des Menschen den Raum für Assoziation, gezielte Rekombination und Abstraktion – für etwas, das man Denken nennt, und das weiterhin hier stattfindet: im Kopf.

Erweiterte Fassung des Beitrags aus Der Freitag, Nr. 29 2011

17:15 20.07.2011
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

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