Essen muss uns teuer sein

Nahrungsmittelmarkt Der Wirtschaftsjournalist Paul Trummer hat ein Buch über Tiefkühlpizza geschrieben. Es handelt von Übergewicht – und Unterbezahlung

Bücher übers Essen haben etwas Inflationäres. Der österreichische Wirtschaftsjournalist Paul Trummer, bekennender Pizza-Liebhaber, hat trotzdem ein weiteres geschrieben. Es heißtPizza Globale (Econ Verlag) und handelt vom beliebten Tiefkühlimbiss.

Der Freitag: Herr Trummer, ich hasse Pizza. Warum sollte ich Ihr Buch kaufen?

Paul Trummer

: Die Pizza ist einfach ein Symbol für unser Essen – weil sie am weitesten verbreitet ist, weiter als ein Burger. Es geht darum, wie moderne Lebensmittelerzeugung funktioniert. Dazu braucht man viel Automatisierung, Chemie, Werbung – und günstige Zutaten. Der Preisdruck dominiert die Branche.

Das klingt nicht schön. Ist Fertigpizza also schlecht für uns?

Kurzfristig betrachtet ist unser Essen durch diese industrialisierte Produktion viel sicherer geworden. Es geht in den vielen automatisierten Betrieben, die ich besucht habe, unglaublich sauber zu. Es gibt Hygieneschleusen, viele Kontrollen. Auf lange Sicht trägt dieses System aber dazu bei, dass wir uns immer von denselben Grundzutaten ernähren. Billiges Fett, viel Zucker, künstlich hergestellte Aromastoffe.

Was ist daran schlimm? Immerhin können wir billig essen.

Irgendwann äußert sich das in Übergewicht und Krankheiten, die sich daraus ergeben. Laut Weltgesundheitsorganisation ist eine Milliarde Menschen zu dick, in Deutschland jede zweite Frau und mehr als jeder zweite Mann.

Nun ist es nicht neu, dass Fertignahrung ungesund sein soll. Die Leute essen sie trotzdem. Können wir nicht selbst Verantwortung übernehmen?

Jeder entscheidet selbst, richtig – und ich bin überzeugt, dass der Konsument die Macht hat, etwas zu ändern. Trotzdem ist auch die Politik gefordert. Wenn einem Hartz-IV-Empfänger monatlich 128 Euro für Essen bleiben, tut er sich schwer, täglich frisches Obst und Gemüse zu bekommen.

B

e

deutet mehr Geld denn automatisch besseres Essen?

Man muss sicher auch die Spielregeln ändern. Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA überprüft derzeit sämtliche Aromastoffe. Davon wurden 1.600 als unbedenklich eingestuft, die übrigen 400 nicht. Nun hat die EFSA aber die Unternehmen selbst um weitere Daten gebeten, die eine solche Unbedenklichkeit bestätigen sollen. Die werden wenig Interesse daran haben, auf Aromastoffe zu verzichten.

Aber die Menschen wollen doch gar kein Kunstaroma.

Der Geschmack ist für die Hersteller kein zentrales Kriterium. Den bekommt man mit Aromastoffen schon wieder so hingebogen, dass es schmeckt. Man will die Kosten so niedrig wie möglich halten, denn generell wollen die Menschen immer weniger Geld fürs Essen ausgeben. Elf Prozent des Einkommens sind es heute, 1970 waren es noch fast doppelt soviel. Dieser Preisdruck wird über die Supermärkte an die Hersteller und dann an die Bauern zurückgegeben.

An welchem Lebensmittel merkt man das am stärksten?

Ich denke bei Fleisch – das ist sogar billiger geworden. Ein Kilo Schweineschnitzel kostete vor 25 Jahren noch umgerechnet fünf Euro, heute bekommt man es im Supermarkt für 3,49. Der Preisdruck ist bei allen Nahrungsmitteln das zentrale Problem. Deshalb muss man den Leuten nicht nur sagen, was in ihrem Essen steckt, sondern auch, zu was die Schnäppchenjagd führen kann. Da geht es um Tierhaltung, Ausbeutung von Erntehelfern, Umweltschäden.

Sie stellen in ihrem Buch zehn Regeln auf. Eine heißt: ‚Ernähren Sie sich gesünder!‘

Naja, es sind eher Tipps. In erster Linie geht es darum, sich mehr Gedanken um das zu machen, was man in sich reinfuttert.

Andere Regel: ‚Schauen Sie, was Ihr Geld macht.‘ Inwiefern?

Ich habe gesehen, welche Probleme die Spekulation mit Agrarrohstoffen auslösen kann. In Afrika oder Asien geben die Menschen bis zur Hälfte ihres Geldes für Nahrung aus. Jeder Preisanstieg auf dem Agrarrohstoffmarkt – Mais oder Weizen etwa – kann daher zu Hunger führen. Als es 2008 eine Welternährungskrise gab, waren die Gründe vielfältig, aber es waren auch spekulative Elemente beteiligt.

Und was hat das mit meinem Geld zu tun?

Die meisten wissen nicht, dass auch ihr Geld in Spekulationen an den Rohstoffmärkten fließt. Jeder Dachfonds, in den man für die Altersvorsorge investiert, kann dazu beitragen, dass sich die Leute in Burkina Faso kein Mittagessen leisten können.

Wie weiß ich, ob ich mit meiner Privatrente Hunger fördere?

Wenn nicht explizit gesagt wird, dass mit Ihrem Geld nicht an Märkten für Rohstoffe, Atomstrom oder Aufrüstung spekuliert wird, kann man davon ausgehen, dass solche Fondsanteile drin sind. Die Deutsche Bank etwa – auf dem Höhepunkt der Finanzkrise sollen da Hunderte Millionen in chinesische Schweineställe investiert worden sein, weil Schweinefleisch ein Zukunftsmarkt ist. Ich beschreibe auch einen 50 Millionen schweren Fonds, AgrarInvest, der auf Spekulationen am Agrarrohstoffmarkt ausgerichtet ist.

Sie haben jede Pizza-Zutat zurückverfolgt. Was hat sie am nachhaltigsten schockiert?

Die Pizza-Produktion war für mich erstmal faszinierend. Ich habe vorher Autofabriken besucht und musste feststellen, dass eine Autofabrik und eine Pizzafabrik wenig unterscheidet. Es gibt kaum Menschen, alles ist automatisiert – bis auf die Champignons, die werden zum Schluss von Menschen drübergestreut.

Und schockiert hat Sie nichts? Sie haben Tierhaltung, Umweltschäden genannt.

Schockiert hat mich vor allem die Ausbeutung der Erntehelfer in Italien. Ich war im April in Süditalien, drei Monate zuvor hatte es einen Aufstand der Ern te­helfer gegeben. Die bekamen fürs Obsternten 200 Euro im Monat. Davon kann man sich keine Miete leisten. Also okkupierten 700 Menschen eine Fabrikhalle und schliefen auf dem Betonboden, ohne Heizung, Strom und fließendes Wasser. Da hat auch die Mafia ihre Finger im Spiel, und alle wissen es.

Was heißt alle?

Politik, Bevölkerung, alle. Das ist kein Einzelfall, es ist ein System. Die Caritas Italien schätzt, dass es 250.000 illegale Erntehelfer in Italien gibt, die meisten aus Afrika. Diese Menschen verdienen weniger als die Leute, die bei uns den Müll wegräumen, nur damit wir unser Obst und Gemüse schön billig kaufen können.

Wer das liest, kauft jetzt wohl einfach andere billige Tomaten.

Das ist nicht nur in Italien so. Wenn das Kilo italienische Tomaten mit zehn Cent immer noch zu teuer ist, kommen die Tomaten eben zum Beispiel aus Algerien. Dabei gibt es viele, die wirklich gute Produkte anbieten. Slow-Food-Vereinigungen, Biobauern, Fair-Trade-Händler, lokale Hersteller. Das sollte man unterstützen. Die Menschen sollten Essen mehr zu schätzen wissen.

Das kostet wieder Geld. Und Sie sagen doch, dass manche nicht genug Geld für Essen haben.

Im Moment manifestiert sich Armut darin, dass manche eine Woche lang Kartoffeln essen, während der Wohlstandsbürger zehn Prozent seines Essens un­geöffnet in den Müll wirft. Die Tafeln, die Essen für arme Leute sammeln, versuchen diesen Spalt zu schließen, aber man würde sich schon wünschen, dass auch die Politik etwas macht.

Das Gespräch führte Kathrin Zinkant

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

13:25 12.12.2010
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
Schreiber 0 Leser 3
Kathrin Zinkant

Kommentare 29