Flut der Hormone

Diagnose: Mensch Als der Kassenbon das Klima ersäufte: Die Notkriterien "skurril" und "lebensnah" ziehen immer, auch im Fall Bisphenol-A

Informationsflut ist ein fabelhaftes Wort. Es steckt so viel von dem da­rin, was die Menschen heutzutage fertigmacht, es ist ein Bildnis des Gefühls, dass die Gegenwart mit ihrer industriellen Produktion von Wissen und Nachrichten das Hirn aushöhlt wie der stete Tropfen den Stein. Nur schneller und unaufhaltsam, weil: Flut.

Und weil das Subjekt zum wehrlosen Objekt der Informationsflut degeneriert und dem „On-Leid“ zum Opfer fällt (wie das Zeit Wissen Magazin kon­statiert), verliert es ungewollt die Kontrolle über seine Aufmerksamkeit, der Tsunami der Neuigkeiten erlaubt nicht mehr zu sondieren, was von Bedeutung ist.

Die Flut wirkt deshalb auch befreiend. Sie entledigt der Verantwortung, selbst zu entscheiden, und erheblich betrifft das wissenschaftliche Informationen. Im Strom dessen, was diese oder jene Studie zeigt oder Forscher gerade herausgefunden haben, wird alles derart gleich, dass nur noch die Notkriterien „skurril“ oder „lebensnah“ zählen. Was wiederum zur Folge hat, dass Klimawandel und Welthunger vom Kassenbon fortgespült werden.

Wie eine „Studie“ genannte Untersuchung nämlich herausgefunden haben will, enthalten Kassenbons Hormone, und das ist nicht nur skurril, sondern auch lebensnah, weil jeder Hormone hat und ja auch haben muss. Einerseits werden sie deshalb umfassend appliziert: Studien konnten etwa zeigen, dass Männer im Alter weniger vom Sexualhormon Testosteron produzieren und deshalb an Männlichkeit verlieren (aging male syndrome), was aber mit synthetischem Testosteron behoben werden kann. Ähnlich wie bei Frauen, deren Wechseljahre einen Verlust an Fraulichkeit bedeuten, der nach wie vor mit Hormonpräparaten „therapiert“ wird, obwohl Testosteronzugabe und Östrogen-„Ersatz“ eine Reihe von Krankheitsrisiken, insbesondere für Krebs, erhöhen, wie gleich ein ganzer Haufen von Studien gezeigt hat. Während zwecks physiologischer Optimierung aber ohne Rücksicht auf Verluste ersetzt, ergänzt und via Körper in die Umwelt ausgeschieden wird, richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf die Kassenzettel der einschlägigen Lebensmitteldiscounter.

Der übliche Verdächtige heißt Bisphenol-A, kurz BP-A, eine Chemikalie, die laut Wikipedia nicht nur allgegenwärtig ist, sondern wie das Sexualhormon Östrogen wirkt, weshalb sie, das leuchtet ein, aus Babyschnullern und Flaschen entfernt wurde. Wie ein Labor im Auftrag des WDR (die „Studie“) [im vergangenen Herbst - erg. v. d. A.] gezeigt hat, enthalten aber auch Bons von sieben der acht [Korrektur: fünf der sechs] untersuchten Supermarktketten BP-A, weil die Farbe durch eine chemische Reaktion mit BP-A auf dem Papier entsteht. Welche Relevanz das für den Verbraucher hat, bleibt unklar. Fest steht zum einen, dass der tagtäglich mit einer Vielzahl weiterer, oraler BP-A-Quellen konfrontiert ist. Zum anderen soll der Stoff zwar mit Unfruchtbarkeit und Übergewicht in Verbindung stehen, die meisten der betreffenden Forschungsarbeiten stammen aber von den immer selben Wissenschaftlern – und dass der Stoff über die Haut aufgenommen wird, ist auch nie belegt worden, selbst wenn Forscher das in einer oft zitierten Studie an Schweineohr-Hautzellkulturen gezeigt haben wollen. Wer lutscht oder kaut schon auf seinen Kassenzetteln herum?

Sicher ist nur, dass das Institut EcoAid mit allen Mitteln der Bedrohung vor jenen Kassenzetteln warnte, die sein Kunde REWE als einzige Supermarktkette nicht mehr benutzt, und sich als Berater anbietet. Und während der Konsument Angsthormone ausschüttet und „Bon brauch’ ich nich’ ...“ murmelt, entlässt er das Schicksal des Planeten immer weiter aus seinem Fokus. Auch das ist Unaufmerksamkeitsblindheit. Bloß schlimmer.

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Ihre Freitag-Redaktion

11:00 26.08.2011
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

Ausgabe 42/2021

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