Forsch weggeguckt

Betrug Fälschungen sind ein Dauerproblem in der Wissenschaft. Der spektakuläre Fall des Diederik Stapel zeigt, dass noch immer nichts dagegen getan wird

Nun ist es dieses Mal ein Sozialpsychologe. Was die Angelegenheit öffentlich etwas weniger skandalträchtig macht, geht es in der Sozialpsychologie doch immerhin nicht um Schwerstkranke oder Menschenleben. Und eigentlich sieht Diederik Stapel auf den Pressefotos auch gar nicht aus wie ein Ganove. Aber er ist einer. Denn Stapel hat betrogen, und zwar nicht zu knapp. 30 Veröffentlichungen in angesehenen Journalen seines Feldes enthalten mit großer Gewissheit gefälschte oder komplett erfundene Daten, 150 weitere Artikel werden derzeit überprüft, darunter auch ein Paper im Wissenschaftsmagazin Science, in dem der Forscher von der niederländischen Tilburg University den Zusammenhang zwischen einer unaufgeräumten Umgebung und stereotypem oder diskriminierendem Verhalten beschreibt – die Arbeit erregte, wie viele Veröffentlichungen von Stapel, auch in den Medien Aufsehen.

Der Schock sitzt aber vor allem unter den Kollegen tief. „Sein Werk ist absolut zentral“, beklagt die Psychologin Susan Fiske von der Princeton University im November. „Zumindest war es das“. Und Sozialforscherin Jennifer Crocker von der Ohio State University, die selbst mit der Untersuchung von Stapels Veröffentlichungen befasst ist, deutet zeitgleich im Internet an, das Ausmaß von Stapels Betrug sei „gewaltig“. Es umfasst neben den gefälschten Publikationen wohl auch die Repression von Doktoranden, deren Arbeiten ebenfalls von den Fälschungen betroffen sind, und sogar die freie Erfindung von Experimenten. Stapel selbst räumt mittlerweile ein, er habe „als Wissenschaftler versagt“.

Zu selten wird gezweifelt

Wie aber konnte es so weit kommen? Stapels Fall reiht sich immerhin in eine nicht enden wollende Serie von Betrugsfällen ein, die meist brisante Forschungsfelder oder hochangesehene Wissenschaftler betreffen. Oder beides. Und anders, als es der laute Diskurs um die Causae Guttenberg und Co. nahelegt, spielen plumpe Plagiate in dieser hohen Form des Wissenschaftsbetrugs fast keine Rolle. In den meisten Fällen werden Messdaten, Beobachtungen oder Abbildungen manipuliert, um publikationswürdige Ergebnisse zu erzeugen. So verhält es sich vermutlich auch im Fall des Moralforschers Marc Hauser, eines hochangesehenen Harvardprofessors, dem im Oktober 2010 nach mehrjährigen internen Ermittlungen nun achtfaches wissenschaftliches Fehlverhalten vorgeworfen wird. Details sind bis heute nicht bekannt, aber die Aussagen seiner Mitarbeiter (die das Verfahren ins Rollen brachten) deuten darauf hin, dass Hauser seine Experimentatoren in den Affenversuchen beeinflusst und selbst völlig haltlose Interpretationen als Beobachtungen dokumentiert hat. Abgeschrieben haben soll er auch noch, für eines seiner Bücher, so behauptet es jetzt zumindest ein Philosophieprofesser aus Princeton in seinem Weblog. Aber im Kern geht es um gefälschte oder herbeifantasierte Versuchsergebnisse und die daraus zu ziehenden Schlüsse. Genaugenommen geht es um das Fundament der Forschung.

Aber ausgerechnet die Wissenschaft vergisst ja offenkundig schnell: Wer erinnert sich etwa an den Fall des Jan Hendrik Schön, der vor zehn Jahren ein Superstar der Festkörperphysik war und mit knapp 30 schon zum Direktor eines Max-Planck-Instituts berufen werden sollte? Als Schöns Konstruktion 2002 zu bröckeln beginnt, müssen Nature und Science 15 (!) der 2001 und 2002 in beiden Toppublikationen veröffentlichten Arbeiten zurückziehen, weil die Paper sich auf heillos gefälschte Daten stützen. Und es ist erst das Misstrauen von Kollegen Schöns über die Häufung bahnbrechender Erkenntnisse, das greift, als es schon zu spät ist. Den Gutachtern der zwei oft als „renommiert“ gepriesenen Journale dagegen fällt schlicht gar nichts auf.

Tatsächlich bemüht sich die Wissenschaft zu selten darum, Zweifel an der eigenen Zunft zu üben oder ihnen nachzugehen. Vor allem tut sie es dann nicht, wenn populäre oder gewinnträchtige Forschungsthemen auf dem Spiel stehen. Wie im Fall von Hwang Woo Suk: Als der Südkoreaner und sein US-Kollege Gerald Schatten 2004 in Science beschreiben, dass sie erstmals menschliche Embryonen geklont und aus eben diesen Stammzellen gewonnen haben, steht bei aller Euphorie über den „Durchbruch“ sofort eine Frage im Raum: Woher stammten all die menschlichen Eizellen, die Hwang für seine Arbeit benötigte? Kann es sein, dass die im Paper genannte Zahl an genutzten Eizellen stimmt? Das Klonverfahren, das Hwang benutzt, ist ineffizient, aber seine Arbeit spiegelt dies nicht. Die Frage bleibt offen. 2005 folgt ein zweites, fast noch stärker bejubeltes Science-Paper über elf Stammzelllinien aus Embryonen, die Hwang von Patienten geklont haben will. Wieder steht die Frage nach den Eizellen im Raum. Aber das „therapeutische Klonen“ – es verheißt, exakt zu Patienten passende Gewebe zu gewinnen und schwerste Krankheiten zu heilen – erscheint doch jetzt zum Greifen nahe!

Erst als mehrere Milliarden in die mit Hoffnung betankte Stammzellforschung investiert sind, fruchten die Zweifel. Hwang hat Mitarbeiterinnen zur Eizellspende genötigt. Nachforschungen zeigten dann, dass Hwang nicht nur menschlich gefehlt, sondern weder Embryoen geklont noch Stammzellen aus ihnen gewonnen hat. Hwangs Forschung ist bis auf einen geklonten Hund komplett gefälscht. Er wird wegen Veruntreuung und ethischen Verstößen zu zwei Jahren Haft verurteilt – nicht aber wegen Forschungsbetrugs. Heute klont Hwang für eine Firma Haustiere und wird bald wieder ins Menschenklongeschäft einsteigen. Südkoreas Regierung unterstützt ihn dabei nach Kräften. Jan Hendrik Schön ist im September 2011 immerhin der Doktortitel aberkannt worden.

Milgram als Erklärung

Das Problem bleibt unterdessen, dass der Wissenschaftsbetrieb über sein Klagelied einfach nicht hinauskommen will. Deutlich lässt sich das am Beispiel von Science erkennen: Als die gefälschten Arbeiten von Hwang Anfang 2004 veröffentlicht werden, liegen der Fall Schön und die Empörung über die dreiste Fälscherei des Physikers in acht Science-Artikeln, die sämtlich zurückgezogen werden müssen, nur Monate zurück. Was lässt die Redakteure des Topjournals derart schnell Verdrängung üben, dass ihnen der Südkoreaner nun ähnlich dreist zwei komplett gefälschte „Meilenstein“-Studien andrehen kann? Die Beziehungen von Hwangs Ko-Autor Gerald Schatten könnten eine Rolle spielen, aber geklärt wird dies nie. Stattdessen verspricht der damalige Chefredakteur, Donald Kennedy, Maßnahmen für die Zukunft. Man wolle höhere Standards auch für „primäre Daten“ in Betracht ziehen, also für jenes experimentelle Material, das den Arbeiten zugrunde liegt – und das seit jeher am häufigsten manipuliert wird. Und trotzdem ist es wohl auch Diederik Stapel gelungen, die einst angekündigte „Maßnahme“ im Gutachter-Verfahren unbesehen zu unterlaufen.

Die Wissenschaft gibt sich derweil hilflos, nicht zuletzt beweist das der mühsame Versuch einer Erklärung von Jennifer Crocker, die sich dafür wahrhaftig des Milgram-Experiments bedienen muss: Wie bei Milgrams Probanden sei der erste Schritt über die Grenze der Moral hinaus der schwierigste. Ein Stromschlag von 15 Volt, oder ein paar geschönte Daten – danach werde es eben sehr leicht, denselben Schritt immer wieder zu tun. Bei allem Verständnis für sozialpsychologische Empfindsamkeit: Soll das denn ernst gemeint sein? Zweimal haben Whistleblower in den vergangenen Jahren Zweifel an Stapels Arbeiten angemeldet. In beiden Fällen wurde dem Verdacht nicht nachgegangen.

Chronologie eines Zweifels: Wie es einmal 80 Jahre dauerte, einer einfachen Frage nachzugehen

Nicht jedes Misstrauen ist berechtigt, aber die Wissenschaft hat sich scheinbar schon immer schwer damit getan, ihre Zweifel zeitnah auszuräumen.

So hatte der belgische Kosmologe Georges LemaÎtre in den zwanziger Jahren erstmals postuliert, dass und warum sich das Universum ausdehnen muss. Er berechnete dazu unter anderem die später nach dem Amerikaner Edwin Hubble benannte Konstante dieser Ausdehnung, eine Fundamentalgröße der Astrophysik, mit deren Hilfe sich unter anderem die Entfernung zwischen zwei Galaxien berechnen lässt.

Die Arbeit erschien 1927 aber auf Französisch und noch dazu in den Annales de la Société Scientifique de Bruxelles, einer unter Astronomen völlig unpopulären Publikation. Der sensationelle Inhalt von LemaÎtres Papier blieb mithin völlig unbeachtet. Oder?

Zwei Jahre später publizierten die Proceedings of the National Academy of Sciences einen Artikel Edwin Hubbles, in dem der Physiker nun besagte Konstante beschreibt und ihren Wert ähnlich schlecht berechnet wie zuvor LemaÎtre, nämlich eine Größenordnung zu hoch. Was Zufall hätte sein können wenn nicht noch zwei Jahre später LemaÎtres Artikel ins Englische übersetzt vom britischen Top-Journal Monthly Notices of the Royal Astronomical Society gedruckt worden wäre und zwar bereinigt um jene Passagen, in denen die Hubble-Konstante hergeleitet wurde.

Spekulationen über diese bekannte und sonderbare Verkettung, die Hubbles Lorbeeren und meist eine pflichtbewusste Erwähnung von LemaÎtres Leistung sicherten, hat es immer wieder gegeben, von diffuser Verwunderung bis hin zum expliziten Verdacht, dass Hubble selbst eingegriffen, womöglich sogar selbst die Übersetzung angefertigt habe. Eine Überprüfung, wie sie der Astrophysiker und Buchautor Mario Livio nun im Wissenschafsmagazin Nature beschrieben hat, unternahm aber niemand. Dabei hätte ein Gang ins Archiv Georges LemaÎtre in Louvain genügt.

In einem Brief vom 9. März 1931 entschuldigte sich LemaÎtre nämlich beim damaligen Redakteur der Monthly Notices für das Englisch der von ihm selbst verfassten Übersetzung. Und er erklärt die Streichung der fraglichen Passagen. Sie sei ihm sinnvoll erschienen. (zint)

12:00 19.11.2011
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant
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