Kathrin Zinkant
18.05.2010 | 21:23 10

Handys, Krebs und Knöchel

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Kathrin Zinkant

Die Syndesmose ist kaputt. Ein kleines, flächiges Stück Bindegewebe, das die Unterschenkelknochen am Sprunggelenk verbindet, aber nicht einmal Teil des echten Gelenks ist, sondern so eine Art zähes Klebeband zwischen den Knochen, das wirklich nur unter extremen Belastungen reißt. Es verdammt den Kapitän der deutschen Nationalelf jetzt zum Gipstragen und Zuschauen, weil der Halbbruder eines anderen deutschen Nationalspielers, der wiederum in einem anderen Nationalteam – beim Vorrundengegner Ghana - an der WM teilnehmen wird, Michael Ballack aufs Sprunggelenk getreten ist. Ein gutes Beispiel für einen klaren Kausalzusammenhang, weil durch Beobachtung und nachfolgende Schadensbegutachtung im Magnetresonanztomografen nachvollziehbar. Tritt, Riss und Aus. Dafür braucht man keine Wissenschaft.

Viel schwieriger ist das mit den Mobiltelefonen und dem Krebs. Da wissen selbst Forscher nach mehr als zehn Jahren und diversen großen Studien noch immer nicht so genau, ob zwischen Handys - beziehungsweise deren Strahlung - und Hirntumoren nun ein Kausalzusammenhang besteht. Gerade eben ist schon wieder so ein Papier erschienen, das zu keinem klaren Resultat kommt. Kurz gefasst haben mehr als 10.000 Menschen an der sogenannten Interphone-Studie teilgenommen, mehr als 5.000 Krebsfälle waren dabei. Dazu passend wurden gesunde Kontrollen ausgesucht. Die Teilnehmer füllten Fragebogen zu ihrem Telefonierverhalten mit dem Handy aus. Das Ergebnis lautet wie so oft: Vermutlich gibt es keinen Zusammenhang. Dort, wo man einen sieht, sind sich die Forscher nicht sicher. Resümee: "Biases and errors prevent a causal interpretation"

Das Bedauerliche - insbesondere an retrospektiven (rückblickenden) - epidemiologischen Studien ist eben, dass man Ursache und Wirkung nicht direkt beobachten kann, weil das Ereignis, wenn, dann in der Vergangenheit liegt oder sich einer direkten Beobachtung entzieht (ganz im Gegensatz zum Tritt von Kevin-Prince auf Ballacks Knöchel). Oder beides. Deshalb macht man diese Studien ja auch. Aber man braucht dann schon klare, starke Zusammenhänge, die sich deutlich von anderen Wirkungen und Ursachen abgrenzen und auch im Rückblick noch herausragen. Gutes Beispiel: Lungenkrebs und Rauchen. Menschen, die nie rauchen, haben ein massiv niedrigeres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, als Raucher. Ob prospektiv oder retrospektiv gesehen, daran besteht kein Zweifel.

Aber was, wenn der mutmaßliche Effekt sehr schwach bis nicht vorhanden ist? Dann kommt es zu Ergebnissen wie in den Handystudien oder in Untersuchungen wie der EPIC-Studie, die einen möglichen Zusammenhang zwischen Ernährung und Krankheiten analysiert. Massen von Daten bringen widersprüchliche Ergebnisse hervor, die um den Nulleffekt herum pendeln. Was für den Verstand nicht fassbar ist, muss daher in statistische Hilfsparameter übersetzt werden. Dann heißt es, das Ergebnis sei schwach, aber statistisch "signifikant", also kein Zufall.

Im aktuellen Fall soll das für Menschen gelten, die im Durchschnitt eine halbe Stunde täglich mobil telefonieren: Sie haben ein um 40 Prozent erhöhtes Risiko, an einem Gliom zu erkranken, als Menschen, die eher selten ein Handy benutzen. Das heißt in absoluten Zahlen: Statt etwa sechs von 100.000 erkranken gut acht Menschen im Jahr an einem Gliom. Interessant ist, dass Menschen, die durchschnittlich etwas weniger als 30 Minuten am Tag telefonieren, laut Studie ein um dreißig Prozent niedrigeres Risiko haben.

Diese einleuchtenden Resultate soll nun noch eine richtig (!) große Erhebung mit einer Viertelmillion Teilnehmern untermauern. Es wird also weiterhin Geld in den Nachweis eines Effektes gepumpt, der nach allen reichlich vorhandenen Erkenntnissen wenn überhaupt, dann so gering ist, dass auch ohne statistische Zufallswahrscheinlichkeit beliebige Ergebnisse herauskommen. Allein die aktuelle Studie mit 10 000 Teilnehmern hat übrigens fast 20 Millionen Euro gekostet.

Letztlich wäre dann doch interessanter, zumal genau so gut zu bestimmen, ob und wie der eindeutig kausal mit einem Foul zusammenhängende Verlust des Mannschaftskapitäns eventuelle kausal mit dem Abschneiden der Nationalelf in Südafrika zusammenhängen wird.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (10)

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primo 19.05.2010 | 00:01

Dass elektrische und elektronische Geräte ungesunde Schwingungen in einem bestimmten Umkreis erzeugen, ist ja doch wohl hinreichend bekannt. Sensible, körperbewusste Menschen spüren das. Das Ohr z.B. kann auf zuviel Handy mit leichten Entzündungen reagieren. Von da her sollte man den Menschen vielleicht eher empfehlen, ein bisschen mehr in ihren Körper hinein zu horchen, anstatt auf teure Studien zu vertrauen, bei denen anscheinend sowieso nichts bei rauskommt. Außerdem gibt es Schutzplaketten und Schutztaschen für Handys, die die negative Strahlung stark vermindern.

kay.kloetzer 19.05.2010 | 00:21

es muss ja nicht gleich krebs sein. die strahlung der mobiltelefone, mag sie für sich genommen kaum schädlich sein, ist aber ein teil vieler, zu vieler strahlungen, denen wir uns zunehmen aussetzen. mit der dunkelfeldmikroskopie lassen sich die veränderungen im blut nachweisen. nicht allen einflüssen können wir uns entziehen. ich habe darum auf meinem mobilkunk-akku so einen chip kleben, der den effekt zumindest mildert, trage es möglichst nicht in der brusttasche, schon gar nicht in der linken. eigentlich sollte es auch nicht auf dem nachtschrank liegen, noch besser gar nicht im schlafzimmer, wo sowieso weder funkwecker noch elektroweckradios zu nahe kommen sollen. anderserseits: dort bin ich max. 7 stunden. am arbeitsplatz hingegen über 9, und da wiederum umzingelt von elektrosmog, teppichgiften, drucker-staub undsoweiter. die bei mir bioresonanz nachgewiesene belastung durch teppichgifte etwa bringt mir gar nichts, also die erkenntnis, weil der arbeitgeber natürlich auf die gesetzlich vorgegebenen werte achtet. und da wird es schon irgendeine studie geben, die die legitimiert. es ist ein noch sehr weiter weg.
kk

S.Heinel 19.05.2010 | 02:30

Mein Verdacht:
Man könnte wohl auch 100 Millionen Menschen untersuchen und würde zu gleicher statistischer Insignifikanz gelangen. Der Zeitraum ist einfach zu klein. Aber das ist Verbrauchern, wie Herstellern schlecht vermittelbar. Außerdem ist es natürlich schwieriger für eine Studie die über sagen wir 50 Jahre angelegt sein soll, Gelder zu erhalten.

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primo 19.05.2010 | 15:59

@S.Heinel schrieb am 19.05.2010 um 00:0 u.a.: "Außerdem ist es natürlich schwieriger für eine Studie, dir über sagen wir 50 Jahre angelegt sein soll, Gelder zu erhalten."
Das Problem dabei sehe ich in der Manipulierbarkeit solcher Studien in einer Indussrtrie- geführten Gesellschaft wie der Gegenwärtigen. Fritjof Capra schrieb in seinem Buch "Wendezeiten" folgenden Satz: "Der Denker denkt - und der Bewisführer wird es beweisen !" Was hat uns die Industrie nicht schon alles mit groß angelegten, teuren Studien bewiesen ! Ich kann nur jedem Menschen in unserer Gesellschaft raten,im Zweifelsfall erst einmal auf die ureigensten Gefühle zu horchen, selbst über die Dinge nachzudenken und selbstverantwortlich zu handeln ! Das, was ich an meiner Gesundheit,seelisch wie körperlich, retten konnte, verdanke ich allein diesem gesunden Misstrauen !

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primo 20.05.2010 | 11:18

Hallo @Technixer: die sicherste Begründung, etwas zu wissen, ist, es selbst zu spüren !

Aber was die Krebsgefahr durch Handy angeht: Da würde ich profilaktisch bei kleinen Kindern ganz besonders vorsichtig sein !
Die stärkste ungesunde Strahlung oder Schwingung soll in der Zeit vom Handy ausgehen, in der es die Verbindung aufbaut. Es wäre also zu raten, es immer erst danach dicht ans Ohr zu halten, wenn die Verbindung steht.

Tobias 20.05.2010 | 17:57

Hallo @Ehrlicher: Wegen komischen Gefühlen oder Glaube sind schon viele Mensch zu Schaden gekommen.

Mir ist bisher kein menschliches Organ bekannt, welches auf elektromagnetische Strahlung reagiert. Auf Wärme reagiert der Mensch aber sehr wohl. Warme Ohren hatte ich aber nicht nur nach Handytelefonaten.

Schutzplaketten sind im übrigen großer Humbuk: Sie schirmen kein Stückchen.

Abschirmende Taschen sind ähnlich Sinnvoll. Da Handy automatisch nachregeln, kommt man im besten Fall bei +-0 raus.
Wenn eine Tasche komplett schirmen würde, könnte man damit auch nicht mehr telefonieren.

Elektromagnetische Felder sind im übrigen nicht in positiv oder negativ einzuordnen. Entweder sie sind schädlich oder sie sind es nicht (dies könnte aber frequenzabhängig sein).

RAJmue 20.05.2010 | 20:14

Sehr geehrte Frau Zinkant,

vielen Dank für diesen Beitrag.

Eines der Probleme bei der Frage nach der Schädlichkeit von Mobilfunkstrahlung besteht darin, dass man keinen plausiblen Mechanismus kennt, der bei sehr niedrigen Strahlungsintensitäten oder -dosen eine abträgliche Wirkung auf Zellen oder den Zustand des Gesamtorganismus entfalten könnte. Nach dem derzeitigen Wissensstand kommt einzig die Wärmebelastung in Frage, die aber verschwindend gering ist (Temperaturerhöhungen im Bereich von Hundertstel oder Tausendstel Grad im Bereich des Gehirns). Auch liegen gemäß Messungen mit portablen Sensoren (personal monitoring) die realen Belastungen beim Telephonieren oder in der Umwelt regelhaft um etliche Zehnerpotenzen unter der (auf der Basis thermischer Belastung definierten) biologischen Sicherheitsgrenze, die wiederum selbst schon eine Sicherheitsmarge aufweist.

Das ist von vornherein ein Handikap für die Interpretation epidemiologischer Daten, anders als beispielsweise beim Feinstaub. Hier nämlich wurden und werden in einer großen Zahl von Studien klare und konsistente Effekte auf die kardiovaskuläre Gesundheit bei Risikopersonen gefunden. Zugleich gibt es umfängliche experimentelle Daten, die zeigen, welche physiologischen, zellulären und biochemischen Änderungen den epidemiologisch beobachteten Effekten zugrundeliegen und wie die Pathomechanismen konkret funktionieren. Epidemiologie und mechanistische Forschung gehen also Hand in Hand.

Anders beim Mobilfunk. Hier allerdings würde auch schon ein sehr geringes Risiko angesichts der großen Zahl Exponierter zu einer beträchtlichen absoluten Zahl Betroffener führen. Bei den extrem niedrigen Zahlen von fraglich Mobilfunkgeschädigten, so auch in der von Ihnen angeführten Studie, spielen jedoch der Zufall sowie nicht genügend berücksichtigte weitere soziale und medizinische Einflussgrößen eine inhaltlich bedeutende Rolle, der man durch Adjustierung innerhalb eines statistischen Modells nicht mehr zwingend beikommen kann. Selbst große Fallzahlen verbrauchen sich sozusagen bei vielen Adjustierungen, so dass man die Validität von Feinstadjustierungen letztlich nicht mehr prüfen kann. Hier hilft es eben, einen zumindest plausiblen Mechanismus zu kennen, um genauer fragen zu können - und das ist die thermische Belastung sicher nicht, zumal sich experimentelle Daten zur Schädlichkeit niedriger Belastungen als falsch, ja vermutlich sogar gefälscht herausgestellt haben. Darüber hinaus sagt die wissenschaftliche Erfahrung, dass ein für die Gesundheit der Bevölkerung - angesichts aller übrigen Belastungen - relevanter Effekt längst hätte beobachtet werden müssen.

Man darf daher annehmen, dass ein Gutteil der Forschungsmittel bezüglich der potentiellen Schädlichkeit des Mobilfunks primär aufgrund politischer Überlegungen investiert wird. Und man muss leider auch konstatieren, dass die von den Politikern anvisierte Klientel genau diejenige ist, die für ungreifbare Gefährdungen aufgrund von Elektrosmog sowie für allerlei Mittelchen dagegen (heute ein gutes Geschäft) usw. anfällig ist und die politisch zufriedengestellt werden soll. Dies gilt um so mehr, als nicht absehbar ist, welche Konsequenzen ein eventueller schwacher, aber statistisch klarer positiver Befund hätte. Am Verhalten der Mehrzahl der Bevölkerung würde dies nach aller Wahrscheinlichkeit nichts ändern; die schon deutlich verringerte Belastung durch moderne Mobiltelephone wird man effektiv nur durch eine höhere Dichte der Stationen weiter reduzieren können, die wiederum auf Protest stoßen wird. Die zur Zeit greifbare Gefahr, die vom Mobilfunk ausgeht und die hinreichend belegt ist, ist von der Art, dass beispielsweise das Risiko eines Autounfalls durch Telephonieren während der Fahrt deutlich steigen kann.

Aus diesem Grunde wünschte man sich künftig eine rationalere Verwendung von Gesundheitsforschungsmitteln als für gigantische Mobilfunkstudien. Danke dafür, dass Sie dies herausgestellt haben.

Mit freundlichen Grüßen

RAJ

oca 25.05.2010 | 20:37

"Es wäre also zu raten, es immer erst danach dicht ans Ohr zu halten, wenn die Verbindung steht."

Das ist auch eine gute Idee für den Fall, dass man aus Versehen einen Faxanschluss oder eine nicht vergebene Nummer gewählt hat, welche durch die bekannten Pieptöne Hörschäden verursachen könnten :-)

Es ist ja grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, sich ein Stück weit auf die eigenen Gefühle/Empfindungen zu verlassen, und nicht erst auf wissenschaftliche Studien zu warten. Allerdings sollte man sich auch klar machen, dass diese Gefühle und Empfindungen nicht unbedingt auf einfache Kausalzusammenhänge schließen lassen. Von zu viel Technik umgeben zu sein, könnte ja auch psychologische Folgen haben, die sich wiederum auf die Gesundheit auswirken. Warum muss es unbedingt der direkte Weg Telefon-Strahlung-Krankheit sein? Etwas mehr Phantasie und die Bereitschaft zur Anerkennung der Komplexität eines Problems wären schon ratsam.

oca 25.05.2010 | 20:52

Danke für den Beitrag. Wenn die bisherige Studie stimmt, hat man doch schon ein Ergebnis: Eine sehr seltene Krebsart wird durch viel Handygebrauch vielleicht (wenn der Kausalzusammenhang richtig identifiziert wurde) "statistisch signifikant" häufiger, aber jedenfalls nicht dramatisch häufiger, und bleibt damit immer noch sehr selten. Jetzt könnte man eigentlich das Geld für wichtigere Forschungen ausgeben.