Jetzt sind die ewig Bösen dran

Arzneikosten Ein Blick auf den Pharmamarkt erklärt, warum sich der Gesundheitsminister gerade jetzt gerade die Pharmaunternehmen vorknöpft

Zunächst klingt der Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler recht vernünftig: Hersteller teurer Medikamente sollen künftig nachweisen, wie groß der Vorteil ihrer Produkte im Vergleich zu günstigeren Medikamenten ist. Diese Kosten-Nutzen-Analysen würden zur Basis für Preisverhandlungen zwischen Krankenkassen und Pharmafirmen. Bisher legen die Hersteller die Preise von neuen Medikamenten selbst fest.

Es ist allerdings zweifelhaft, ob Röslers Vorschlag mehr sein kann als eine PR-Strategie, um in der Debatte um die Gesundheitsreform auch mal positive Schlagzeilen zu bekommen – gerade, nachdem Pharmakritiker Peter Sawicki von seinem Posten am Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen entfernt wurde. Setzte sich Rösler durch, wäre das ein Hieb auf Big Pharma und Patienten zugleich.

Denn grundsätzlich sind teure Medikamente ja oft neue Präparate, die das Spektrum medizinischer Möglichkeiten erweitern sollen. Solche Substanzen kommen immer seltener auf den Markt. 1997 waren es noch 41, im Jahr 2003 hatte sich ihre Zahl auf 17 mehr als halbiert. 2008 verzeichnete das Arzneimittel­angebot immerhin wieder 29 neue Wirkstoffe, allerdings handelt es sich bei zehn dieser Neulinge um Analogpräparate, also um Schein­innovationen, die sich kaum von bereits zugelassenen Medikamenten unterscheiden und therapeutisch keinen Mehrwert für die Patienten bringen.

Hopp oder Topp

Echte Innovationen dagegen, die neue Behandlungsmöglichkeiten für Kranke eröffnen, bleiben selten. Die Entwicklung solcher Wirkstoffe ist langwierig, teuer und natürlich auch riskant. Für jede Substanz, die – sobald sie erst einmal identifiziert ist – wirklich neu ist und untersucht werden soll, summieren sich die Kosten auf mehrere Hundert Millionen Euro. Ein wesentlicher Teil dieser Ausgaben fließt in die vorklinischen und klinischen Studien, die für eine Zulassung notwendig sind. Am teuersten sind dabei die so genannten Phase-III-Studien, die als eine der letzten Stufen über Hopp oder Topp entscheiden, weil erst hier die Wirksamkeit samt möglicher Nebenwirkungen an einer größeren Patientengruppe überprüft wird.

Nicht selten stellt sich erst am Ende dieser Studien heraus, ob ein Wirkstoff für eine Zulassung taugt oder ob er wegen unerwarteter Nebeneffekte oder zweifelhafter Wirksamkeit doch nicht auf den Markt kommt – selbst wenn er bereits mehrere Jahre der Prüfung hinter sich hat, samt den Tests auf Toxizität und Wirkung im Tierversuch und kleineren Verträglichkeitsstudien an Menschen.

Von 5.000 Kandidaten, die es in die Pipeline der Hersteller schaffen, erreicht im Durchschnitt schließlich nur einer tatsächlich das Apothekenregal. Dort muss sich die Arznei möglichst bald amortisieren, denn wenn der Patentschutz abgelaufen ist, drängen Nachahmerpräparate auf den Markt. Der aktuelle Arzneiverordnungsreport weist die Hersteller von Generika mit Abstand als umsatzstärkste Pharmaunternehmen in Deutschland aus.

Wird ein FDP-Minister sich also mit den Pharmaherstellern überwerfen und ihr wirtschaftliches Risiko erhöhen, wenn es so weit kommt?

Sollte es der schwarz-gelben Koalition tatsächlich gelingen, die Arzneimittelausgaben auf die genannte Weise zu senken, muss das nicht zum Vorteil der Patienten sein. Vielmehr könnte sich ein anderes Problem verschärfen. Am Ende kommt es nämlich vor allem darauf an, welche Medikamente der Arzt dem Patienten empfiehlt und verschreibt. Die seit Jahrzehnten etablierte Methode der Pillenhersteller, mit Vertretern in die Praxen einzufallen und fortbildungsschwache Mediziner von der Effektivität neuer Mittel zu überzeugen, ist dabei ein wichtiges Instrument der Profit­maximierung. Die Zeche zahlt am Ende der verunsicherte Versicherte – und zwar aus der eigenen Tasche.

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Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus

Kathrin Zinkant

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