Kann ein Google-Burger die Welt retten?

Alltagskommentar Retortenfleisch statt echtem Beef? Das soll die Tiere retten und auch die Ökobilanz, dabei kommt man bei der Herstellung auch nicht ohne das Töten von Kühen aus
Kathrin Zinkant | Ausgabe 33/2013 12

Unter Internetmilliardären reift der Wunsch, die Welt zu verbessern. Einer, er wurde mit Amazon reich, hat sich gerade eine Zeitung gekauft. Ein anderer, der Google auf den Weg brachte, hat eine 300.000-Dollar-Bulette finanziert. In einem Sechs-Minuten-Video erklärt Sergej Brin der Welt, warum: Sein in Holland gezüchteter Fladen aus Muskelstammzellen soll die einzig vernünftige Alternative zu echtem Fleisch sein. Vor einigen Tagen wurde das Ding öffentlich in die Pfanne gehauen und verspeist. Und obwohl dieser Burger ekliger als jeder Gelschinken erscheint, bleibt der #aufschrei aus. Denn die Arktis schmilzt, die Weltbevölkerung will essen, die Tierquälerei quält die Gemüter – es muss etwas passieren. Etwas, das jeder auf diesem Planeten versteht. Also: ein Hamburger.

Warum auch nicht? Eine winzige Gewebeprobe aus dem Muskel einer Kuh wird Stammzellen für 20.000 Tonnen der Retortendelikatesse liefern, das heißt 440.000 Schlachtrindern ein erbärmliches Leben ersparen und die Emissionen verhindern. Klingt super. Ist aber naiv. Die Stammzellen müssen nämlich erst mal vermehrt werden, bis sie die kritische Masse eines Bissens erreicht haben. In einer Nährlösung, der fötales Kälberserum zugesetzt wird – zellfreies Blut ungeborener Rinder, für das die Mutterkühe samt Föten abgeschlachtet werden. Wie viele Opfer dieser Art für das Experiment nötig waren, ist unbekannt. Getötet wurde allemal.

Kein Fortschritt

Und ob die Alternativen auf „Algen“-Basis, die man irgendwann einsetzen will, funktioniert, ist fraglich. Aber okay, angenommen: Algen lösen das Problem. Lösen sie es auch für andere Fleischsorten? Für Fleisch muss kein Tier mehr geschlachtet werden.

Was Stammzellen dann immer noch nicht können, ist Milch geben. Erstaunlich, dass intelligente Menschen wie Brin glauben, Milch spiele im Massentierhaltungshorror keine Rolle. Die Milchwirtschaft ist ein Megasektor der Weltagrarproduktion, der weiter wächst, pro Jahr Millionen Kühe quält und verschleißt.

Lieber nicht drüber nachdenken. Die bessere Frage ist ohnehin, wer von so einem pseudoethischen Kunsthamburger wirklich profitiert. Das Kind in Afrika, das keine Hirse kriegt, weil auf dem Acker statt Viehfutter jetzt Biosprit wächst? Der Ökobauer, der seine Tiere gut behandelt? Der Verbraucher, der seinen Fleischkonsum gerne einschränkt? Oder doch das Unternehmen mit dem M im Logo, das auf Fleisch angewiesen ist? Nein, Mr. Brin. Don’t be evil. Eine Frikadelle ist kein Fortschritt.

Kathrin Zinkant ist Biochemikerin und freie Autorin in Berlin

 

14:47 14.08.2013
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Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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