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Fussballstatistik Schießt Geld nun Tore oder nicht? Ja, aber Forscher sagen: Noch ist die Bundesliga fairer als gedacht

Wenn die Luft raus ist, ist sie raus. Da konnten am Ende des 33. Spieltages auch bemühte Formulierungen wenig ändern, denn Bayern war nach Abpfiff in Fröttmaning weder „so gut wie“, noch „praktisch schon“ Deutscher Meister, sondern ganz gewiss und auch theoretisch, denn kein Club der Bundesliga schießt 17 Tore in einem Spiel. Die Statistik lügt nicht. Der Meister hat seinen Rekord eine Woche vor Schluss auf 22 Ligatitel ausgebaut, allein in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends ist dem Milliarden schweren Verein die Schale damit zum siebten Mal sicher.

Über Abstieg hat man in der Säbener Straße jedenfalls noch nie nachdenken müssen. Der 1. FC Nürnberg dagegen ist seit Mitte der Neunzigerjahre viermal abgetaucht, der Vfl Bochum fünfmal, Hannover 96 und der Hauptstadtclub Hertha BSC immerhin fünfmal in der Ligageschichte. Kaum einer dieser Clubs hat es in jüngeren Jahren mal aus dem unteren Tabellendrittel herausgeschafft. Und wenn doch, waren das so glückliche wie kurze Momente. Etwa so kurz, wie die Schwächephasen der Topteams, die sich in den vergangenen zehn Jahren im oberen Tabellendrittel etabliert haben: neben dem FC Bayern München noch Schalke 04, Borussia Dortmund, der Hamburger SV und Werder Bremen. Alle fünf gehören laut Deloitte Football Money League derzeit zu den zwanzig geldträchtigsten Clubs Europas. Ihre Aufgebote sind dreistellige Millionenbeträge wert. Bayern München dekoriert seine Ersatzbank sogar mit zwei Stürmern, die so viel gekostet haben, wie ein ganzer Kader am Tabellenende.

Reich oder Arm, erfolgreich oder permanent auf der Kippe – hat sich das alte Diktum, Geld schösse keine Tore, wirklich zum Gegenteil verkehrt? Soziologen, Sportforscher und Wirtschaftsexperten mühen sich um eine wissenschaftliche Klärung dieser Frage, und so bitter es auch ist, unterm Strich kommen sie alle zum gleichen Resultat: „Die Quintessenz lautet für mich: Ja, Geld schießt Tore“, sagt Tim Pawlowski von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Juniorprofessor war in den vergangenen Jahren an mehreren Studien beteiligt, die den Einfluss der anschwellenden Geldströme auf das sportliche Gleichgewicht in den großen Ligen Europas untersucht haben. Zwar ist das Geld in der Bundesliga noch nicht so schießfreudig wie etwa in Englands Premier League oder der italienischen Serie A. „Wenn man die Etats der Bundesligaclubs und die erreichten Punkte gegenüberstellt, bildet das Geld den Erfolg nicht 1:1 ab“, erklärt Pawlowski. „Aber es gibt eine signifikante Korrelation.“

Ausschlaggebend dafür ist nicht etwa der Preis einzelner Spieler, die Ablöse und Gehalt direkt zwischen die Pfosten schieben, sondern Etat und Gesamtwert des Kaders (siehe Tabelle). In München trafen die für 55 Millionen Euro abgelösten Arjen Robben und Mario Gomez nur einmal mehr als die ablösefreien Stürmer Ivica Olic und Thomas Müller. Insgesamt erzielte das teuerste Team der Liga aber die meisten Siege, die meisten Punkte und hatte am Ende auch die mit Abstand beste Tordifferenz.

Geld bringt noch mehr Geld

Angesichts dieses scheinbar linearen Zusammenhangs zwischen Geld und Erfolg trachten die weniger liquiden Clubs nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten. Im vergangenen Jahr versuchte der Präsident des krisengebeutelten Hannover 96 die sogenannte 50-plus-1-Regel zu kippen, zum Glück ohne Erfolg. Bislang garantiert diese Regel, dass Vereine zu einem überwiegenden Teil sich selbst gehören – und nicht einem Investor, der leichtfertig mit dem Schicksal des Vereins umgeht, oder so viel Geld in sein sportliches Spielzeug pumpt, dass kein fairer Wettbewerb in der Liga mehr möglich ist. Paradebeispiel ist die britische Premier League, in der drei von vier Spitzenvereinen das Privateigentum reicher Ausländer sind. Während der FC Liverpool von seinen US-amerikanischen Besitzern nach drei Jahren verkauft werden soll, dominieren Manchester United (gehört US-Milliardär Malcolm Glazer) und der FC Chelsea (vom russischen Milliardär Roman Abramowitsch) die Liga in einer Weise, die selbst den eigenen Fans oft missfällt. Denn die Teams sind weiterhin auf Geld und Siege, auf teure Kader und hohe Gewinne durch Eintrittskarten und Werbung angewiesen. Nicht aber auf Wirtschaftlichkeit.


Doch die UEFA Championsleague bringt ja Jahr für Jahr viel frisches Geld. Seit der Reform der Prämienausschüttung vor zehn Jahren wirft die Königsklasse exorbitante Summen ab, die in keinem Verhältnis mehr zu den vorherigen Beträgen stehen. Bayern München zum Beispiel hat zwischen 1994 und 2007 gut 240 Millionen Euro über die Meisterliga eingestrichen – davon stammen allein 210 Millionen aus den Jahren nach der Reform. Und das internationale Geschäft schlägt mit diesen Summen längst auf die nationalen Ligen durch: Wer Meister oder Vizemeister in der Bundesliga wird, nimmt nicht nur dort mehr Geld durch zentrale Vermarktung der Medienrechte oder Werbung ein, um seine Chancen für die darauf folgende Saison zu steigern. Im Erfolgsfall gibt es einen großen Batzen aus der Championsleague oben drauf. Dieses Geld lässt die Chancen im nationalen Titelkampf nochmals steigen, um in der Rück-Rückkopplung wieder die Aussicht auf die Championsleague zu erhöhen – die dann wieder Taschengeld in die Clubkasse spülen kann. Und so weiter.

Flaches Gefälle

Fast alle nationalen Ligen Europas leiden bereits unter diesem Effekt. Eine Studie der Essener Wirtschaftsprüfer-Agentur Ernst Young hat gezeigt, dass zunächst die Fairness ruiniert wird. Ein Club, der mehrmals hintereinander nicht in die europäischen Wettbewerbe vorrückt, verliert auf Dauer den Anschluss zur Spitze, weil er fortan in den Möglichkeiten eingeschränkt ist, zusätzliches Geld zu verdienen. Das führt dazu, dass immer weniger – und zunehmend dieselben – Mannschaften um die ersten fünf Plätze und die damit verbundene Teilnahme im internationalen Wettbewerb kämpfen, während der Punkteabstand zwischen Spitze und Rest der Liga von Saison zu Saison wächst. Der Sprung nach oben gerät zu einem gewaltigen Satz, der immer seltener gelingen kann. Was daraus aber auch folgt, ist Langeweile. Die Hoffnungen und Träume vieler Fans, von denen sich der Reiz des Fußballs ja ganz wesentlich nährt, müssen von Spielzeit zu Spielzeit früher begraben werden.

Ist das noch Fußball, wie wir ihn haben wollen? Wie die Studien zeigen, ist die Bundesliga derzeit noch die ausgeglichenste der europäischen Topligen, was vor allem an den nationalen Beschränkungen in Deutschland liegt. Dazu gehört neben der 50-plus-1-Regel auch die zentrale Vermarktung der Medienrechte durch die DFL. Die Hälfte aller Erlöse wird zu gleichen Teilen auf die 18 Bundesliga-Mannschaften verteilt, der Rest leistungsbezogen ausgeschüttet. Was zwar ein Gefälle ergibt, aber ein flaches. So flach, dass zumindest der Titel des Vizemeisters auf ein paar Jahre noch Überraschung bleiben dürfte.

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06:30 08.05.2010
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

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