Kathrin Zinkant
20.06.2010 | 08:00

Klein und schwach

Krankheitsrisiko Es muss nicht immer gleich Genetik sein. Für den Präventionsfetischismus eignen sich auch simple Körpermaße

Niemand wird bestreiten, dass sich die moderne Biowissenschaft (und mithin die Politik) auch für das Wohlergehen der Menschen zu interessieren hat. Und ganz sicher sollte es deshalb immer um die Frage gehen, wie sich Krankheiten vermeiden lassen – also darum, was die Menschen tun oder lassen können, um gesund zu bleiben. Nicht rauchen. Viel Bewegung. Dinge, auf die man Einfluss nehmen kann – wenn man es will. Unklar ist allerdings, welchen Anspruch Forscher, wie jetzt eine Gruppe aus dem finnischen Tampere, verfolgen, wenn sie sich so fundamentalen Fragen widmen wie: Haben kleine Menschen ein erhöhtes Risiko für Herzattacken?

Immerhin, es existierten Ergebnisse aus früheren Studien, die den Verdacht nahelegen. Den Finnen zufolge gibt es sogar mehr als 1.900 publizierte Artikel, in denen entsprechende Zusammenhänge beschrieben worden sind. 52 dieser Papiere haben sich die Wissenschaftler vorgeknöpft und die Zahlen aus diesen Arbeiten zusammengerechnet. Meta-Analyse nennt sich das. Vergangene Woche wurde die Antwort im European Heart Journal veröffentlicht, und sie lautet: Ja. Kleine Leute haben ein erhöhtes Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen, und zwar liegt es um rund 50 Prozent über dem größerer Menschen. Womit sich auch das allgemeine Sterberisiko erhöht, für kleine Frauen sogar noch stärker als für kleine Männer.


Man könnte und müsste dieses Resultat nun eigentlich so stehen lassen, denn die Körpergröße als individuelles Merkmal eines Erwachsenen lässt sich lediglich messen, aber schwerlich ändern. Ganz davon abgesehen, dass die Forscher nicht eine einzige echte Hypothese zu der Frage anzubieten haben, warum kleine Menschen denn nun ein erhöhtes Herzkreislaufrisiko haben. Auch die festgesetzten Grenzen zwischen „klein“ (1,65 Meter für Männer, 1,53 Meter für Frauen) begründen die Forscher nicht inhaltlich. Es liege an der Verschiedenheit der 52 Arbeiten, mit denen hier meta-analysiert wurde, erläutern die Autoren ganz freimütig im European Heart Journal.

Aggressive Risiko-Reduktion

Solche Unklarheiten halten beteiligte wie unbeteiligte Wissenschaftler aber keinesfalls davon ab, aus dem Ergebnis „klinische Implikationen“ für die Prävention abzulesen. So empfiehlt die Erstautorin der Studie, Tuula Paajanen, die Körpergröße künftig direkt in die üblichen Berechnungen für das Herzkreislaufrisiko mit einzubeziehen – neben Blutfettwerten, familiären Erkrankungen, Diabetes und so weiter. Und der finnische Kollege und Vorsorgeexperte Jaakko Tuomilehto von der Universität in Helsinki erkennt gleich ein ganzes Bündel neuer Perspektiven, das nicht erst „mit aggressiver Risikoreduktion“ im Erwachsenenalter beginnt, sondern am besten schon vor oder direkt nach der Geburt. Kleine Babys hätten ein größeres Risiko, im Erwachsenenalter klein zu bleiben. Diesen Kindern müsse eine „verstärkte präventive Aufmerksamkeit“ gewidmet werden.

Forscherin Paajanen sagt, es sei wichtig, dass sich die Menschen nun keine allzu großen Sorgen machten. Die Körpergröße sei ja nur einer von mehreren Risikofaktoren für die Herzgesundheit, und es gebe viele Wege, sein Risiko zu beeinflussen. Nicht rauchen. Viel Bewegung. Solche Dinge. Für kleine Menschen sind die fortan aber wohl Pflicht.