Kontrolle ist zu wenig

Krankenhäuser Der Tod dreier Frühchen darf nicht ablenken: Tödliche Keime sind in deutschen Kliniken längst heimisch. Hygiene allein kann das Problem nicht lösen

Der Fachbegriff „Fäkalkeim“ wird den meisten Menschen im alltäglichen Leben eher selten begegnen, aber derzeit erscheint er als Illustration der Lage zu genügen: Drei Frühchen mussten sterben, weil am Klinikum der Uni Mainz „Fäkalkeime“ in die Ersatznahrung gelangten. Die Umstände dieser Verunreinigung sind bislang zwar ungeklärt, aber wie der Begriff schon impliziert, gibt es keinen Zweifel an der Quelle und mithin auch keinen Zweifel daran, dass es sich um eine unappetitliche Schlamperei handeln muss.

Selbst wenn es so sein sollte, in diesem Fall, kann der Ruf nach mehr Hygiene nur wenig an der mikrobiologischen Verfassung deutscher Kliniken und den daraus resultierenden Fakten ändern: Jährlich entwickeln sich in Deutschland bis zu 600.000 sogenannter nosokomialer Infektionen. Es sind Krankenhausinfektionen, bei denen die Erreger entweder mitgebracht werden, und erst in der Klinik an Schärfe gewinnen – meist, weil das Immunsystem, etwa nach operativen Eingriffen oder durch Brandverletzungen, massiv geschwächt ist. Oder aber sie befallen den Patienten überhaupt erst auf Station: Mehr als ein Drittel der nosokomialen Infektionen rührt von exogenen Viren, Pilzen oder Bakterien, die über Geräte, Personal oder Besucher in den Patienten gelangen. Wie auch jetzt auf der Frühgeborenenintensivstation der Uniklinik Mainz.

Deutsche Kliniken haben den Zeitpunkt verpasst

Das Spektrum solcher Krankenhauskeime ist mittlerweile beachtlich, und es deckt neben typischen „Eiterkeimen“ wie Staphylococcus aureus auch zahlreiche Bakterien ab, die zwar üblicherweise im menschlichen Darm beheimatet sind, aber eben nicht nur dort. Was diese Erreger so gefährlich macht, ist nicht allein die Verlagerung an einen unpassenden Ort. Es ist ihr Vermögen, unter bestimmten Bedingungen Resistenzen gegen alle verfügbaren Medikamente zu entwickeln. Besonders schnell geht das, wenn sich die Mikroben vermehren und dieses Wachstum unter dem selektiven Druck von Antibiotika stattfindet.

In Krankenhäusern breiten sich resistente Erreger besonders schnell aus, weil die genannten zwei Faktoren hier omnipräsent sind. Der Fall des Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA), einem der gefährlichsten Krankenhauserreger überhaupt, gilt als Musterbeispiel für eine solche Entwicklung. Wenn sich ein solcher Erreger erst einmal in den Krankenhäusern eingenistet hat, kann selbst penible Hygiene nicht verhindern, dass er irgendwann Patienten befällt. Und eben hier liegt das Problem.

Deutsche Kliniken haben den Zeitpunkt verpasst, an dem sie die gefährlichen nosokomialen Erreger – allen voran MRSA - noch durch Hygieneregeln von den Stationen hätten verbannen können. Dass die Verbannung dennoch möglich ist, zeigt das Beispiel Niederlande: Hier werden neu aufgenommene Patienten und auch das Personal konsequent gescreent. Es gibt Tests, die so einen Nachweis in kurzer Zeit erbringen. Es gibt Isolierstationen für Patienten, bei denen resistente Erreger gefunden wurden. Und dann, dann gibt es natürlich noch die normale Hygiene, die auf den Stationen ganz grundsätzlich Infektionen verhindert. Die Zahl der MRSA-Infektionen auf den Stationen selbst konnte teilweise auf Null gedrückt werden.

Solche Konzepte sind auch für andere Keime denkbar, doch in Deutschland gibt es bislang nur wenige Kliniken, die sich einen derartigen Aufwand überhaupt für MRSA leisten – oder leisten können. Die meisten Krankenhäuser sind froh, wenn für den Dienst in der Rettungsstelle zwei Ärzte zugleich abgestellt werden können – statt nur einem einzigen. Vor so einem Hintergrund ist der Ruf nach mehr Hygiene fast schon zynisch, gerade, wenn er angesichts des Todes dreier Frühchen laut wird. Einer der tödlichen Erreger, Enterobacter cloacae, ist nämlich seinerseits nicht bloß ein Darmbakterium. Die Fachliteratur weist ihn mittlerweile als einen guten Bekannten der Krankenhäuser aus, er besiedelt die Wunden Brandverletzter, hat Resistenzen gebildet und ist auch längst auf Frühgeborenenstationen gefunden worden, wo er früher schon für Todesfälle sorgte.

Wenn das in Zukunft nicht häufiger passieren soll, muss etwas mehr geschehen, als nur eine strenge Kontrolle der gängigen Vorschriften.

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Ihre Freitag-Redaktion

18:25 25.08.2010
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

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