Mein vorgekautes Lebensgefühl

Gefühl & Wissen Bücher über Ernährung gibt es schon lange. Mit Essen haben sie allerdings auch heute wenig zu tun, vielmehr mit Emotionen

In den neunziger Jahren entdeckt ein Autor des New York Times Magazin das Gärtnern für sich. Er ist weder der erste noch der einzige. Aber er ist klug und ein guter Geschäftsmann, hat Fantasie und die Gabe, den Zauber, den er entdeckt, in Worte zu fassen. So wird der Garten zu seiner Bestimmung.

2001 veröffentlicht Michael Pollan seinen ersten Bestseller The Botany of Desire, einen Blick auf die Welt aus der Sicht von Apfel, Tulpe, Marihuana und Kartoffel – völlig banalen Früchten eigentlich, aber die Leser sind überwältigt. Pollan schreibt weitere Bücher, erzählt die bewegenden Geschichten von industriell erzeugten und selbst erkämpften Mahlzeiten (The Omnivore’s Dilemma), verteidigt echte Nahrung (In Defense of Food), sucht das geerdete Verhältnis zu ihr (Food Rules). Seine Mischung aus literarischer Erzählung und harter Wissenschaft eröffnet einen scheinbar völlig neuen Zugang zur Natur und zu dem, was der Mensch dieser Natur stetig abringt: Nahrung.

Nun gibt es Bücher übers Essen, über richtige Ernährung, über erdverbundene Kost schon seit Jahrzehnten und immer haben sie sich auch über Diäten hinaus mit diesem als sensibel empfundenen Thema befasst – man denke nur an die ideologisch getränkte Ordnung unserer Nahrung des deutschen Werner Kollath, bis heute ein beliebtes Standardwerk der Schwarzbrotgemeinde, oder auch an Kellogg’s Proper Diet for Men.

Doch Pollan markiert in der Tradition des Ernährungs-Sachbuchs einen Wendepunkt: Es geht ihm nicht um Ideologie wie einst Kellogg oder Kollath, auch nicht um Skandalisierung wie Thilo Bode, und sicher ist er kein Besserwisser wie Deutschlands bekanntester Lebensmittelchemiker Udo Pollmer, welcher beständig neue Mythen stilisiert, um sie dann gewinnträchtig zu Fall bringen zu können. Wie der ihm weit später folgende Jonathan Safran Foer versucht der heutige Journalismusprofessor niemandem Vorschriften zu machen oder Wahrheit zu verkaufen, stattdessen eröffnet er seinen Lesern die Möglichkeit der Anteilnahme, die keinesfalls in Vegetarismus münden muss, auch nicht nach der Lektüre von Tiere Essen, selbst wenn Foer dies für sich selbst so entscheidet. Beide Autoren fordern ihre Leser zu nichts anderem auf, als sich selbst mal ein paar Gedanken über ihr Konsumverhalten zu machen und ihre Haltung eben am Beispiel von Nahrungsbeschaffung und -verwertung zu ergründen.

Verrückter als die Amerikaner

Insofern könnten erzählende Sachbücher dieser Art ein längst fälliges Glück sein: Sie grenzen niemanden aus, sie haben (zumindest in den hier genannten Beispielen) Tiefe, aber fordern nichts, sondern bieten anhand beschriebener Gefühle ein viel größeres Identifikationspotenzial – lauter Dinge, die man Ratgebern oder referierenden Faktensammlungen in dieser Summe sonst eher nicht bescheinigen möchte und die doch einen neuen Zugang zu Wissen ermöglichen könnten.

Könnten, in der Tat. Dass das leider nicht zwangsläufig klappt, musste man auch hier bei uns erleben, als die Übersetzung von Jonathan Safran Foers Buch erschien. Vielleicht, durfte man sich fragen, sind wir in Deutschland noch viel verrückter mit der Ernährung als die Amerikaner? Während draußen noch marinierte Fleischmassen für ein paar Cent auf den Grill geschoben wurden, rollte eine neue Vegetarismuswelle an, und mitnichten blieb sie frei von Ideologie und Vorurteil. Als könne man sich nicht von alten Denk- und Emotionalisierungsmustern lösen, drehten eingefleischte Anhänger fleischlosen Lebens das Rad weiter und verurteilten auf der Grundlage des klugen Buches das Töten von Tieren überhaupt.

Namentlich die Zeit wollte missverstehen, was Foer gemeint hatte, als er seine persönlichen Erfahrungen niederschrieb. Das Bauchgefühl, das solche Bücher ansprechen, ist eben leicht in die Irre zu führen. Und findet man nicht den richtigen Ton, anders als es etwa Pollan in The Omnivore’s Dilemma gelingt, bricht sich das wachsende Bedürfnis nach einem Fertig-Lebensgefühl zum Aufwärmen schnell die Bahn – ungeachtet allen dargebotenen Wissens. Selbst ergründen und dies auch anderen zubilligen? Das wäre der Weg.

The Botany of Desire/The Omnivores Dilemma/Food RulesMichael Pollan, Penguin Books, 2001/2006/2009, je um 10 In Defense of Food ist als Lebens-Mittel auf Deutsch erhältlich, Goldmann 2009, 7,95

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Ihre Freitag-Redaktion

10:00 08.01.2011
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
Schreiber 0 Leser 5
Kathrin Zinkant

Ausgabe 41/2021

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