Mischen impossible

Diagnose Mensch Ob man es nun Toastio oder Radioster nennt: Jedes Hybrid hat seine Tücken. Das ist in der Küchentechnik nicht anders als in der Biotechnologie

Man kann sagen, dass der Radiotoaster eine großartige Errungenschaft des Haushaltsgeräte-Engineering ist. Er verbindet zwei Geräte in einem, spart Platz und mutmaßlich auch Geld. Außerdem bringt er zwei Dinge zusammen, die einander in ihrem Zweck relativ nahe kommen: Man verwendet sie zumeist morgens, während des Frühstücks. Das Problem besteht bloß darin, dass Radio und Toaster sich in ihrer Beschaffen­­heit doch grundlegend unterscheiden, sodass die Verschmelzung zum Toastio bzw. zum Radioster zwangsläufig auch Risiken mit sich bringen muss. Wo fängt der Toaster an, wo hört das Radio auf? Und: Einer stirbt zuerst, Hitze versus Transistor. Es ist tragisch zu wissen, dass Letzterer den Heiz-Schaltkreis wohl überleben wird. Und dann? Bleibt nur der Schimpf auf den Erfinder dieses hybridisierten Unsinns.

Die Briten sind ja auch groß darin, Dinge miteinander zu verbinden, die von der sogenannten Natur her gar nicht zusammengehören. Das wird schon beim Frühstück ersichtlich – Porridge neben weißen Bohnen in Tomatensoße und Brötchen mit Orangenmarmelade – und längst auch in der Wissenschaft. Fröhlich darf der Forscher hier mischen, was die Evolution doch einst mühsam auseinanderdividierte: Noch bevor im Oktober 2008 die sogenannte „Embryology Bill“ ( ausführlicher: „Human Fertilisation and Embryology Act“) vom Unterhaus verabschiedet wurde, war Wissenschaftlern von der Universität in Newcastle nach eigener Aussage längst die biotechnologische Verquickung von Mensch und Rind gelungen (wenn auch erst sieben Jahre nach der Verquickung von Mensch und Kaninchen in China). Die Forscher hatten die Eizelle einer Kuh entkernt und dann das Erbgut einer menschlichen Zelle hineingepackt. Der „Hybrid-Embryo“ wuchs bis zum 32-Zellen-Klümpchen heran und wurde dann zerstört, was die Debatte allerdings nicht beruhigte. Es schien klar, dass eines Tages eine Kuh auf zwei Beinen aus einem britischen Labor heraus­galoppieren würde – so wie Klonschaf Dolly, das den Spiegel 1997 zu der Mutmaßung, nun sei „alles machbar“, nötigte (und zu einem von Hitler- Klonen geschmückten Titel „Der Sündenfall“).

Aber ist alles machbar? Dolly ist längst tot, der Kuhmensch noch nirgends aufgetaucht und das Forschungsfeld, dessen Ziel tatsächlich die Behandlung von Krankheiten war und ist, in weiten Teilen noch als visionär zu bezeichnen, solange es nicht um Schweine­herz­klappen und andere Xenotransplantate geht, die genaugenommen ihrerseits Mischwesen erzeugen. Trotzdem machen sich ausgerechnet die Briten jetzt Sorgen um die Ethik sogenannter ACHM, kurz für animals that contain human material. Anlass sind unter anderem die (seit 2001 geschmiedeten) Pläne amerikanischer Wissenschaftler, Mäuse zu züchten, deren Gehirn auch menschliche Zellen enthält, um etwa die Therapie schwerer Nervenerkrankungen zu untersuchen. Vor Alzheimer und Parkinson fürchtet sich ja jeder. Aber wie eine Befragung der britischen Academy of Medical Sciences ergeben hat, fürchten sich die Menschen auch davor, dass Tiere dank der menschlichen Zellen in ihrem Kopf oder in ihrem Reproduktionsapparat zu ungeahnten und vor allem unerwünschten Fähigkeiten gelangen, zum Beispiel der Fähigkeit zu sprechen. Das ist kaum weniger absurd als die Kuh auf zwei Beinen. Der Cambridge-Mediziner und Vorsitzende der Academy hat dennoch jüngst in Nature darauf hingewiesen, dass die britische Gesetzgebung bis 2012 die EU-Direktive zum Schutz von Labor­tieren umsetzen muss. Was wohl zeigen soll, dass auch Forscher ein relativ distanziertes Verhältnis zum Radiotoaster haben.

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Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus

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