Mit den Augen einer Kröte

Perspektivwechsel Beinahe alle Tiere können sehen. Aber die Bilder, die dabei entstehen, sind nicht die gleichen. Manche entziehen sich der menschlichen Vorstellungskraft

Einem Salamander in die Augen zu gucken, kann ein schwieriges Unterfangen sein. Insbesondere, wenn das spezielle Tier seit etwa 160 Millionen Jahren tot ist und versteinert im Hinterzimmer eines chinesischen Mineralienhändlers liegt. Der amerikanische Paläontologe Neil Shubin sah mehrere Stunden geduldig zu, wie sein Kollege Gao Keqin mit dem Händler rauchte, gestikulierte und auf Chinesisch verhandelte, bevor endlich Hände geschüttelt wurden und Shubin in das Hinterzimmer gehen durfte, um eines der besterhaltenen Salamanderfossilien aller Zeiten zu betrachten. Es war ein Tier im Larvenstadium, geschlüpft, aber noch nicht ganz fertig entwickelt, und auf ungewöhnliche Weise waren die Augen des Salamanderbabys erhalten geblieben. Augen, in denen vor unvorstellbar langer Zeit eine unvorstellbar andere Welt abgebildet wurde. Shubin schaute hinein. Was hatten sie wohl erblickt? Wie hatten sie es erblickt? Und: Hätte ein Mensch dasselbe gesehen?

Für das Verständnis von Tieren, ganz gleich, ob es sich um seit Erdzeitaltern verstorbene Salamanderbabys oder heute noch auf diesem Planeten vertretene Arten handelt, ist vor allem die letzte Frage entscheidend. Viel zu selten wird sie gestellt. „Wir Menschen glauben, dass unser visuelles System den Gipfel einer evolutionären Erfolgsgeschichte darstellt“, sagt Timothy Goldsmith, emeritierter Professor für Entwicklungsbiologie an der Yale University in New Haven. Was nicht einmal so weit hergeholt ist: Tatsächlich kann das Auge des Homo sapiens herausragend gut Räume und Strukturen erfassen. Es manövriert ihn durch den hektischsten Verkehr, lässt ihn genau zwischen Individuen unterscheiden, ermöglicht ihm, noch aus kleinsten Gesten und Zuckungen zu lesen – es stellt fraglos sein wichtigstes Sinnesorgan, seinen Leitsinn dar. Aber Goldsmith zufolge macht dieser Umstand – gepaart mit der Hybris der Vollkommenheit – den Menschen auch blind: „Wir sind derart visuelle Wesen, dass wir Schwierigkeiten damit haben, uns die sinnliche Wahrnehmung anderer Kreaturen vorzustellen“. Und besonders schwer fällt dem Menschen die Vorstellung, dass sich die sinnliche Wahrnehmung mancher Geschöpfe ganz und gar seiner Vorstellungskraft entzieht.

Fliegenauge im Nagetier

Aber es ist so. Manche Lebewesen nehmen Farben wahr, die der Mensch niemals erfassen wird. Andere sehen auf größte Entfernungen derart scharf, dass der menschliche Fokus wie Milchsuppe erscheint. Eine ganze Reihe von Tieren wertet Signale optisch aus, mit denen das menschliche Auge überhaupt nichts anfangen kann. Und viele orientieren sich unter Lichtbedingungen, die jeden Zweibeiner völlig im Dunkeln tappen ließen. Zum Beispiel Shubins Salamander aus dem Jurazeitalter: Heute lebende Nachfahren wie der Feuersalamander sind in der Lage, ihre Beute noch bei Beleuchtungsstärken von 0,0004 Lux zu erkennen. Ein Mensch sieht hier längst absolut nichts mehr – aber im Gegensatz zum Lurchtier muss er es auch nicht, weil seine Beute nicht nachts an einem Tümpel herumkriecht.

Es sind die Lebensbedingungen der Tiere, die ihren Sehsinn herausfordern. Wer auch nur im Ansatz eine Ahnung davon bekommen möchte, auf welch besondere und unterschiedliche Weise Tiere die Welt sehen und warum ihr Blick so schwer zu erfassen ist, kommt an den formenden Einflüssen genauso wenig vorbei wie an der Anatomie und der Entwicklungsgeschichte der zugehörigen Sinnesapparate. Nur alles zusammen erklärt, warum kein Sinnesorgan im Reich des Lebendigen so selbstverständlich vorhanden ist und sich im Zuge der Evolution zugleich so vielfältig entwickelt hat wie das Auge: von einfachen Fotorezeptoren der Einzeller oder einzelnen Lichtzellen von Würmern über die Grubenaugen einiger Schnecken oder die aus vielen Einzelaugen zusammengesetzten Facettenaugen von Insekten – bis hin zum Blasenauge mancher Quallen und schließlich dem Linsenauge, das man sogar bei Tintenfischen findet und das sich letztlich bei allen Wirbeltieren durchgesetzt hat – natürlich nicht, ohne eine beachtliche Vielfalt von Modellen zu generieren.

Entwicklungsgeschichtlich ist dabei längst erwiesen, dass dieser verrückte Haufen von Lichtsinnesinstrumenten in der Tat auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen ist, genauer: auf die Entstehung spezieller Moleküle oder Pigmente, die im Licht zerfallen und deren Bruchstücke eine Kettenreaktion auslösen, welche, sofern vorhanden, dann zu besonderen Nervenzellen respektive ins Gehirn führt. Licht, Zerfall, Signal. Das ist die Voraussetzung für jede Art von Lichtwahrnehmung. Zudem besitzen alle im Wortsinn geäugten Lebewesen das gleiche unverzichtbare Gen, das die Entstehung und das Wachstum der Augen steuert: Es heißt eyeless, und der Name ist Programm. Denn wenn es fehlt, entstehen schlicht gar keine Augen. Zugleich ist eyeless derart universell, dass es problemlos aus einer Maus in eine Fliege verpflanzt werden kann. Das Mausgen wird im Insekt trotzdem ein Auge hervorbringen. Und zwar das Facettenauge einer Fliege.

Es gibt noch ein drittes Element: die Organisation von Sehpigmenten in speziellen Geweben wie der Netzhaut oder auch in einfachen Sehflecken. Gemeinsam sind diese drei Prinzipien mit ihrer extremen evolutionären Hartnäckigkeit dafür verantwortlich, dass fast alle Tiere sehen können. Zugleich lässt die Schlichtheit dieses dreiteiligen Konzepts einen phänomenalen Spielraum für kleine oder große Varianten und Zusätze. Neil Shubin vergleicht den Bau des Auges mit dem eines Autos: Jedes Fahrzeug hat Karosse, Räder und einen Motor. Jedes dieser drei Basisteile lässt sich weiterentwickeln, entweder ganz – kompakter gebauter Motor, verzinkte Karosserie – oder in Teilen, wenn man zum Beispiel die Kurbelwelle verbessert. Die Ergebnisse sind höchst unterschiedlich, das ist schon bei einem einzigen Modell wie der seit 50 Jahren gebauten Chevrolet Corvette der Fall. Und wer seit jeher einen Opel Kadett besaß, hat auch nach 50 Jahren noch keine Idee davon, wie sich so eine Corvette denn fährt.

Die Spur der Wühlmaus

Mit dem Sehsinn ist es ähnlich, nur weitaus komplizierter. Es gibt unendlich viele Varianten, selbst durch minimale Mittel lassen sich große Effekte erzielen. Etwa, wenn man ein paar Muskeln weglässt: Kröten können ihre schönen Augen nicht bewegen und deshalb auch nichts erkennen, was sich nicht selbst bewegt – ein statisches Bild verblasst auf ihrer Netzhaut zu schnell. Es wäre in etwa so, als sähe ein Mensch auf der Straße nur die fahrenden Autos.

Man kann aber auch etwas hinzufügen: Reflektierende Folien zum Beispiel, die hinter der Netzhaut das Licht in der Dämmerung verstärken und zusammen mit Spezialpupillen eine extrem gute Sicht in der Dämmerung erlauben – wie es bei Katzen der Fall ist. Eines der erstaunlichsten Phänomene, das in den vergangenen Jahren entdeckt wurde, betrifft aber das Farbensehen von Vögeln. Es ist klar, dass Vögel farbig sehen sollten: Da sind die bunten Männchen, unter denen die Weibchen sich ihren Liebhaber aussuchen müssen, und die blühenden Pflanzen, auf denen sich leckere Insekten herumtreiben.

Aber das ist das, was ein Mensch sieht, eine Mischung aus Rot, Grün und Blau. Vögel verfügen jedoch über eine vierte Farbdimension, sie sehen auch ultraviolettes Licht – und durchdringen ihre Umwelt damit optisch weit tiefer, als es das menschliche Auge vermag. So haben Forscher zeigen können, dass unter den Männchen eines hübschen bunten Vogels, des Azurbischofs, gerade jene besonders stattlich, territorial dominant und von den Weibchen begehrt sind, welche den höchsten UV-Anteil in ihrem blauen Gefieder reflektieren. Was einem Primatenauge überhaupt nicht auffiele – wohl aber der geneigten Azurbischöfin, die am UV-Anteil den besten Kandidaten erkennt. Bestimmte Falken dagegen nutzen das UV-Licht für die Suche nach Beute: Sie können der Urinspur von Wühlmäusen folgen. Auch sie reflektiert ultraviolettes Licht.

Es hat also auch Vorteile, nicht alles zu sehen, was Tiere wahrnehmen. Entwicklungsbiologe Goldsmith wünscht sich allerdings, dass der Mensch etwas mehr Demut zeigt: „Die Welt ist eben nicht so, wie wir sie durch die Linse unserer eigenen Bedeutsamkeit zu erkennen glauben.“

Dieser Text ist Teil unseres Tierspezials. Was es damit auf sich hat, erfahren Sie durch einen Klick auf den spionierenden Hund

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Ihre Freitag-Redaktion

17:00 13.10.2011
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

Ausgabe 43/2021

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