Psycho-Ei und Seelen-Henne

Diagnose: Mensch Aber wer war zuerst da? Zwei von fünf Europäern ticken nicht ganz richtig im Kopf, sagt die Forschung. Nach den sozialen Ursachen fragt sie nicht

Es müsste viel mehr geforscht werden. Wirklich. Liegt in der Natur der Sache. Ausgeforscht ist nie. Denn kratzt man erst an der Oberfläche eines Problems, erweist sich dasselbe stets als größer, komplexer, umfassender – kurzum als noch viel zu lückenhaft erforscht, als dass ein Forscher in eine Veröffentlichung zu schreiben wagte, es reiche nun mit der wissenschaftlichen Ergründung. Stattdessen schreibt der Forscher, dass nun dringend weitere Studien nötig seien, um das Problem überhaupt richtig zu er­fassen. Bevor man es dann irgendwann vielleicht – alles muss schließlich seinen Sinn haben – lösen kann. Dieses glückliche Ende der (nur vermeintlich stringenten) Erkenntniskette wird nie wirklich erreicht, ein Umstand, der neue Probleme zeitigt. Denn wie lässt sich das stets Vorläufige deuten? Und wie geht es weiter?

Auf Feldern wie der Astronomie kann das für den Beobachter hochspannend (oder irrelevant) sein. In der medizinischen Forschung aber wird es schnell ernst, denn neben reinem Forschungsinteresse fällt hier sofort der Schatten von Big Pharma auf die Fragestellung. Zum Beispiel, auf den gerade wiederholten, jetzt noch umfassender erstellten Befund, dass zwei von fünf Euro­päern seelisch oder neurologisch nicht ganz richtig ticken.

Die „Task Force“ um den Dresdener Psychologen Hans-Ulrich Wittchen hatte bereits vor sechs Jahren eine Analyse aus Daten von mehr als 150.000 Menschen vorgestellt, der zufolge 27 Prozent der Europäer an Depressionen, Angsterkrankungen, Essstörungen, Suchtleiden oder anderen seelischen Störungen leiden. Die Forscher kamen damals zu dem Schluss, dass die therapeutische Versorgung der Betroffenen schlecht und die Analyse selbst dabei noch lückenhaft sei – man hatte lediglich Erwachsene bis zum Alter von 65 Jahren untersucht, und sich dabei allein auf seelische Leiden konzentriert. Mehr Forschung sei daher nötig.

Kritik an Psychopathologisierung

Sechs Jahre später umfasst der untersuchte Datensatz nun eine halbe Million Menschen, darunter auch Kinder und Hochbetagte, außerdem wurden Aufmerksamkeitsstörungen und neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Demenz und Schlaganfallfolgen mit untersucht. Die Quote der Kranken ist deshalb insgesamt gestiegen, eben auf knapp 40 Prozent.

Erneut stellen die Forscher nun fest, dass die therapeutische Versorgung schlecht und mehr Forschung nötig sei, vor allem, was die Behandlung der so zahlreichen Patienten betrifft. Vor dem Hintergrund, dass die jüngste Übersicht maßgeblich von einem großen Pharmaunternehmen unterstützt wurde, leuchtet die auch im Guardian formulierte Kritik an der Psychopathologisierung zahlungsfähiger Europäer zugunsten der Hersteller von Anti­depressiva und Antidementiva sicher ein. (Medikamente, deren Wirksamkeit sich meist jedem Nachweis entzieht).

Dass die Zahlen als solche deshalb bloß ein Ei sind, das eine Henne namens Pharmaindustrie gelegt hat, ist trotzdem zu kurz gedacht. Es wird vor allem jenen vielen nicht gerecht, die tatsächlich unter Depressionen, Angststörungen oder ADHS leiden und als Opfer einer Marketingstrategie stimatisiert werden.

Auf Grundlage der Erkenntnis, dass seelische Leiden in dieser Gesellschaft zunehmen, müsste nun eher weiter geforscht werden – allerdings weniger in Richtung Schadensbegrenzung per Psychopharmakon als in Richtung psychosoziale Ursachen. Denn wer nur noch lebt, um seine Freiheit von Arbeit und Zukunftsangst gefangen nehmen zu lassen, krankt nicht an seiner Hirnchemie, sondern an dem System, das diese Bedingungen schafft, indem es Eier wie die Pharmariesen produziert.

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Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus

Kathrin Zinkant

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