Unsaubere Debatte

Diagnose: Mensch Wie man mit Zahlen gar nichts erklärt, schon gar nicht die PID
Unsaubere Debatte
Illustration: Otto

Fakten genießen einen ambivalenten Ruf in der Öffentlichkeit. Sie sind kalt, berechenbar und beleidigen im Grunde alle großen menschlichen Emotionen, weil das Faktische auch noch zur Beurteilung des Emotionalen herangezogen wird.

Aber Fakten, insbesondere wissenschaftliche, lassen sich auch prima zur emotionalen Verbrämung nutzen. Das funktioniert gerade dann gut, wenn ein Thema längst aufgeladen ist mit Ressentiments – wie zum Beispiel die Präimplantationsdiagnostik, die im Dunkel der Reproduktionsindustrie enwickelt wurde und nur vordergründig sinnvolle und gesellschaftlich gewünschte Ziele verfolgt, in nach wie vor unerkannter Wahrheit aber eine Art Selektionsmarkt schaffen soll, der nicht nur erblich oder anderweitig geschädigte Embryos aussortiert, sondern auch Kinder mit falschem Geschlecht, falscher Augenfarbe und so weiter. So zumindest der verbreitete Vorbehalt.

Jetzt aber zu den Zahlen, denn es gibt zwar nur sehr wenige – für Deutschland im Grunde gar keine –, aber da der BGH vor zwei Jahren erklärte, dass die PID nicht durch das Embryonenschutzgesetz geregelt und mithin erlaubt sei, musste die fehlende Regelung nachgeholt werden. Und nach der Entscheidung des Bundestags im Sommer 2011, die PID in zu prüfenden Einzelfällen zuzulassen, fehlt nur noch die Rechtsverordnung, für die Gesundheits-minister Daniel Bahr jetzt einen Vorschlag gemacht hat (siehe der Freitag Nr. 30/2012).

Die kaum vernommene Realität

Letzte Chance also, nochmal die ethischen Claims abzustecken, und da trifft es sich, wenn die Reproduktionsindustrie höchstselbst die Zahlen liefert, an denen man die Verworfenheit des Vorgangs erkennt: Die European Society for Human Reproduction and Embryology, der europäische Dachverband aller Zeugungsärzte also, hat kürzlich neue Statistiken aus ausgewählten Einrichtungen veröffentlicht. Die Datengrundlage ist zwar löchrig, weist aber in die richtige Richtung: Nur in einem Viertel der gut 5.600 erfassten Fälle wurde tatsächlich auf schwere erbliche Leiden getestet, in allen anderen wurde gescreent, um den Embryo mit den meisten Überlebenschancen zu finden. Ein Vorgang, der umstritten ist, weil wissenschaftlich nicht angezeigt. Dazu noch ein Blick nach Amerika, wo sowieso schon alles gemacht wird – Wunschgeschlecht, Selektion nach Krankheitsrisiken, sogar Wunschbehinderungen für behinderte Paare.

Das alles sind Fakten, aber sie blockieren die ernsthafte Auseinandersetzung mit der kaum vernommenen Realität der PID, und die heißt: künstliche Befruchtung. Die ungewollt kinderlose Autorin Millay Hyatt beschreibt in einem Interview mit der Sonntagszeitung, was das bedeutet: „Ich habe in einem In-Vitro-Fertilisations-Register eine Frau entdeckt, die 22 IVF-Zyklen durchgemacht hat. Wenn man weiß, was das mit einem Frauenkörper macht ...“ Das wissen aber eben nur jene Frauen, die eine künstliche Befruchtung mit allen extremen körperlichen, aber auch seelischen Belastungen durch die notwendigen Hormonkuren persönlich erlebt haben. „Diese Hormone bringen einen unglaublich durcheinander. Eine Frau beschreibt in meinem Buch ihre Selbstmordgedanken während der Behandlung.“

Fakt ist: Die IVF ist unabdingbare Voraussetzung für eine PID (siehe der Freitag Nr. 14/2011), und die PID benötigt schon aus Prinzip eine größere Zahl von Zyklen als die künstliche Befruchtung allein. Würde man ausführlicher darüber sprechen, welche Eingriffe sich faktisch hinter diesem allzu geläufigen Kürzel verbergen, wäre das die bessere Methode, um den potenziellen Missbrauch eines Verfahrens zu verhindern, das für manches Paar ein echter Segen sein wird. Und sein sollte.

12:00 26.07.2012
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

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