Kathrin Zinkant
26.07.2012 | 12:00 3

Unsaubere Debatte

Diagnose: Mensch Wie man mit Zahlen gar nichts erklärt, schon gar nicht die PID

Unsaubere Debatte

Illustration: Otto

Fakten genießen einen ambivalenten Ruf in der Öffentlichkeit. Sie sind kalt, berechenbar und beleidigen im Grunde alle großen menschlichen Emotionen, weil das Faktische auch noch zur Beurteilung des Emotionalen herangezogen wird.

Aber Fakten, insbesondere wissenschaftliche, lassen sich auch prima zur emotionalen Verbrämung nutzen. Das funktioniert gerade dann gut, wenn ein Thema längst aufgeladen ist mit Ressentiments – wie zum Beispiel die Präimplantationsdiagnostik, die im Dunkel der Reproduktionsindustrie enwickelt wurde und nur vordergründig sinnvolle und gesellschaftlich gewünschte Ziele verfolgt, in nach wie vor unerkannter Wahrheit aber eine Art Selektionsmarkt schaffen soll, der nicht nur erblich oder anderweitig geschädigte Embryos aussortiert, sondern auch Kinder mit falschem Geschlecht, falscher Augenfarbe und so weiter. So zumindest der verbreitete Vorbehalt.

Jetzt aber zu den Zahlen, denn es gibt zwar nur sehr wenige – für Deutschland im Grunde gar keine –, aber da der BGH vor zwei Jahren erklärte, dass die PID nicht durch das Embryonenschutzgesetz geregelt und mithin erlaubt sei, musste die fehlende Regelung nachgeholt werden. Und nach der Entscheidung des Bundestags im Sommer 2011, die PID in zu prüfenden Einzelfällen zuzulassen, fehlt nur noch die Rechtsverordnung, für die Gesundheits-minister Daniel Bahr jetzt einen Vorschlag gemacht hat (siehe der Freitag Nr. 30/2012).

Die kaum vernommene Realität

Letzte Chance also, nochmal die ethischen Claims abzustecken, und da trifft es sich, wenn die Reproduktionsindustrie höchstselbst die Zahlen liefert, an denen man die Verworfenheit des Vorgangs erkennt: Die European Society for Human Reproduction and Embryology, der europäische Dachverband aller Zeugungsärzte also, hat kürzlich neue Statistiken aus ausgewählten Einrichtungen veröffentlicht. Die Datengrundlage ist zwar löchrig, weist aber in die richtige Richtung: Nur in einem Viertel der gut 5.600 erfassten Fälle wurde tatsächlich auf schwere erbliche Leiden getestet, in allen anderen wurde gescreent, um den Embryo mit den meisten Überlebenschancen zu finden. Ein Vorgang, der umstritten ist, weil wissenschaftlich nicht angezeigt. Dazu noch ein Blick nach Amerika, wo sowieso schon alles gemacht wird – Wunschgeschlecht, Selektion nach Krankheitsrisiken, sogar Wunschbehinderungen für behinderte Paare.

Das alles sind Fakten, aber sie blockieren die ernsthafte Auseinandersetzung mit der kaum vernommenen Realität der PID, und die heißt: künstliche Befruchtung. Die ungewollt kinderlose Autorin Millay Hyatt beschreibt in einem Interview mit der Sonntagszeitung, was das bedeutet: „Ich habe in einem In-Vitro-Fertilisations-Register eine Frau entdeckt, die 22 IVF-Zyklen durchgemacht hat. Wenn man weiß, was das mit einem Frauenkörper macht ...“ Das wissen aber eben nur jene Frauen, die eine künstliche Befruchtung mit allen extremen körperlichen, aber auch seelischen Belastungen durch die notwendigen Hormonkuren persönlich erlebt haben. „Diese Hormone bringen einen unglaublich durcheinander. Eine Frau beschreibt in meinem Buch ihre Selbstmordgedanken während der Behandlung.“

Fakt ist: Die IVF ist unabdingbare Voraussetzung für eine PID (siehe der Freitag Nr. 14/2011), und die PID benötigt schon aus Prinzip eine größere Zahl von Zyklen als die künstliche Befruchtung allein. Würde man ausführlicher darüber sprechen, welche Eingriffe sich faktisch hinter diesem allzu geläufigen Kürzel verbergen, wäre das die bessere Methode, um den potenziellen Missbrauch eines Verfahrens zu verhindern, das für manches Paar ein echter Segen sein wird. Und sein sollte.

Kommentare (3)

abghoul 26.07.2012 | 17:08

Also mich würde es dann nicht geben, denk ich mal.

Könnte ich überhaupt ein solches Gesetz befürworten, wenn es meine eigene Existenz ausschließen würde? Auf jeden Fall halte ich solche Untersuchungen für gefährlich. Wahrscheinlich eine subjektive Entscheidung der Eltern, aber ich persönlich würde davon abraten.

Der Schluß ihres Artikels wirkt mir recht zweideutig, ich verstehe den Segen in der besseren Information über die angewandten Methoden und nicht in der Option eine solche Untersuchung durchzuführen. Ich hoffe da liege ich nicht falsch.

greets from the pit - abghoul

Philosophunny 30.07.2012 | 15:03

Wo ist denn das Problem? Es geht nicht um das "aussortieren" real existierender lebender Menschen, sondern um Embryos, die sich nicht einmal im Uterus befinden. Selbst bei der Abrteibungsdebatte herrscht diesbezüglich einigermaßen Konsens darüber, dass die 12. Woche Regelung zumindest akzeptabel ist. Und diese Embryos sind wesentliche weiter entwickelt als Embryos, die in der PID untersucht werden.

Es geht um Embryos im Achtzellstadium, also um eine Zellansammlung von ganzen 8 Zellen. Es ist sogar möglich, dass sich nach diesem Stadium Zwillinge entwickeln können. Und so polemisch es klingt (und auch gemeint ist) wenn man Nasenbluten hat geht es um mehr menschliches Gewebe als bei der PID. So weit meine Meinung zum Status des Embryos.

Nun zum den Bedenken bezüglich der Selektion: Es geht bei der hier diskutierten PID zunächst um bestimmte Fälle, wie wenn eine erhöhte Wahrscheinlichkeit besteht, dass ein Kind schwerstgeschädigt und unter großem Leid auf der Welt sein würde. Es geht um Leidvermeidung und nicht um die Tötung bereits Geborener. Es geht ja nicht einmal um medizinisch indizierte Spätabtreibung, die ja praktiziert wird. Diese Abtreibung ist wesentlich aufreibender für die werdenden Eltern, sowohl nervlich als auch körperlich, als die PID. Und selbst wenn es nicht um medinische Indikationen ginge, so what? Dann wird halt selektiert. Ist das moralisch verwerflich? Ich sehe beim besten Willen keinen Nachteil für irgendwelche Beteiligten oder Betroffenen, selbst bei liberaler Praxis von PID, also die Auswahl von Aussehen beispielsweise. Es geht doch nicht darum Menschen zu benachteiligen, deren Eigenschaften von Eltern nicht gewünscht werden. Wenn Eltern kein rothaariges Kind wollen heisst das nicht, dass sich alle Rothaarigen von diesem Paar beleidigt fühlen müssen. Niemand will alle Rothaarigen auslöschen. Sondern dieses Paar hat so in diesem Einzelfall für sich entschieden und nicht für alle anderen. Genauso wenig brauchen sich Behinderten Verbände beleidigt oder diskrimiert zu fühlen. Es geht nicht um sie, sondern um die Wünsche der Eltern. Und es geht auch nicht darum, dass man alle Behinderten nach und nach ausrotten will wie epidemische Krankheiten, indem keine behinderten Kinder geboren werden. Sondern es geht darum zum einen den Eltern die Wahl zu lassen, und zum anderen Leid zu vermeiden.

Und die genetischen Vorraussetzungen eines Menschen machen nicht den Menschen aus. Menschwerdung hat nichts mit Genetik zu tun.

Eine Einschränkung möchte ich aber doch: es sollte geregelt werden, ob und in wie weit die Entscheidung der Eltern den Kindern zum Nachteil gereichen darf. Doch hier öffnet sich ein ganz anderes Feld für Argumente und das mache jetzt nicht auf. (Was sind Nachteile? Wieso sollte sich der Staat an dieser Stelle einmischen dürfen? Sollten Eltern kranke Kinder bekommen dürfen wenn sie wollen? etc.)