Unser wilder Wickeltisch

Paläoanthropologie Die Vorfahren des Menschen hatten viele Kinderzimmer in Afrika. Lag jenes von „Homo sapiens“ am Rande der Katastrophe?

Curtis Marean klettert gern, aber wenn er seine Geschichte beweisen will, wird er eher hinunter müssen als hinauf. Runter zu den weißen Haien, hinein ins kalte Wasser vor dem afrikanischen Kap, um zu den Spuren menschlichen Lebens zu gelangen, die dort seit mehr als 100.000 Jahren auf ihre Entdeckung warten. Das jedenfalls glaubt Marean.

Seit nunmehr zehn Jahren schabt der Paläoanthropologe kleine, menschengemachte Gegenstände aus dem Gestein einer südafrikanischen Höhlenformation, die – nicht weit östlich vom Kap der guten Hoffnung entfernt – ein paar Meter über dem Meer liegt. Knochen von Menschen hat er in diesen Höhlen bisher keine entdeckt, aber er hat Ansehen mit seinen Funden erlangt, wird als Experte geschätzt, weil er zum größten Puzzle, das der moderne Mensch kennt, ganz offensichtlich ein paar kleine Teile beigetragen hat: Die Entstehung unserer Spezies, des Homo sapiens.

Marean aber will jetzt das ganze Puzzle. In der aktuellen Ausgabe des amerikanischen Wissenschaftsmagazins Scientific American beschreibt der Forscher von der Arizona State University, wie, wann und wo sich die ultimative Menschwerdung seiner Ansicht nach zugetragen hat, in eben jener Höhle nämlich, die er mit seinem südafrikanischen Kollegen Peter Nilssen entdeckte und die er jetzt ganz lapidar PP13B nennt. In PP13B, glaubt Curtis Marean, sammelten sich irgendwann vor 120.000 bis 195.000 Jahren die letzten Überlebenden einer noch ganz jungen Hominidenart, die wir heute Homo sapiens nennen, um nicht weniger als die Adams und Evas einer Weltbevölkerung zu werden. Tatsächlich gestaltet sich das Erbgut der heutigen Menschheit so homogen, dass viele Wissenschaftler unseren Ursprung inzwischen in einer solchen kleinen Ur-Population sehen, die sozusagen einen „genetischen Flaschenhals“ darstellte.

Aber befand sich dieser Flaschenhals bei Pinnacle Point? Etwa zehntausend Vertreter des archaischen Homo sapiens muss es in Afrika damals schon gegeben haben. Sie hatten die Konkurrenz aus dem Lager des etwas älteren Menschenahnen, des Homo erectus, noch nicht hinter sich gelassen, aber sie begannen sich durchzusetzen. Doch dann brach laut Marean die Katastrophe über alle Zweibeiner herein: Das Klima wandelte sich. Es wurde drastisch kalt auf der Erde. Der Planet vereiste, der Meeresspiegel sackte und der Kontinent, auf dem die Hominiden hausten, verwandelte sich in eine lebensfeindliche Wüste ohne Wasser und Nahrung. Einzig die Küste im Süden Afrikas hatte noch etwas zu bieten: eine halbwegs brauchbare Vegetation. Unterschlupf. Und das Meer.

Eine neue Proteinquelle

Nur eine kleine Gruppe aus vermutlich wenigen hundert Menschen schaffte es in der anschwellenden Megadürre, die Küste zu erreichen, ließ sich in den Höhlen von Pinnacle Point nieder und versuchte, sich in der Umgebung einzurichten.

Ein Haken an der Sache war, dass es auf dem Land hinter den Höhlen zwar eine große Vielfalt von Pflanzen gab – bis heute beheimatet die Kap-Flora mehr botanische Arten als irgendein vergleichbar großer Fleck der Erde, und Marean zufolge boten sich damals um PP13B herum vor allem kartoffel- oder zwiebelähnliche Knollengewächse für eine Mahlzeit an. Aber das Fleisch war knapp. Der Mensch musste sich eine neue Proteinquelle erschließen.

Vor drei Jahren veröffentlichte Marean in Nature erste Belege dafür, dass die Menschen am Pinnacle Point bereits begannen, ganz systematisch Schalentiere und andere Meeresfrüchte aus den Gewässern vor der Küste zu erbeuten – weit früher, als es andere Paläoanthropologen angenommen hatten. Die hielten den frühen Homo sapiens für geistig eher minderentwickelt. Ian Tattersall vom New Yorker American Museum of Natural History, ein Grande der Zunft, meint, das Hirn unserer Ahnen sei vor 150.000 Jahren zwar schon sehr groß gewesen – der tierischen Nahrung sei Dank. Aber mit diesem großen Hirn etwas anfangen, Nahrungsquellen im Meer erkunden, neue Technologien entwickeln, das konnte Homo sapiens nach Tattersalls Vorstellung erst 100.000 Jahre später, als er nach Europa übersiedelte, relativ abrupt durch genetische Mutationen zur Sprache fand und mithin zum komplexen Denken.

Pinnacle Point hat diese Vorstellung bereits in mehrfacher Hinsicht herausgefordert, denn abgesehen davon, dass Homo sapiens auf diesem habitablen Fleckchen offenbar neue Kompetenzen in der Organisation hochwertiger Nahrung entwickelte, widmeten sich die Gestrandeten auch der Herstellung neuer Werkzeuge und benutzten dafür Techniken, die von geistiger Einfalt doch recht weit entfernt erscheinen. Eine dieser Techniken war die Bearbeitung von Mineralgestein mit Feuer, um das Material für die Werkzeuge zu glätten und zu härten. Auch kannten die Menschen von Pinnacle Point offenbar schon eine Art Kitt, um Holz und Steine zu verbinden.

„Für mich sind diese Funde ein guter Hinweis darauf, dass sich die Evolution des modernen menschlichen Verhaltens in kleinen Stufen vollzog“, sagt die Tübinger Paläoanthropologin Katerina Harvati. Es sei schwer vorstellbar, dass so eine wichtige Entwicklung quasi über Nacht passiere, wie Tattersall behauptet. Über Nacht hätten andernfalls auch die Verhaltensmuster von einst verschwinden müssen. Die Brennmethode, von der Marean im vergangenen Jahr in Science berichtete, wurde bis vor kurzem noch von Naturvölkern, zum Beispiel in Australien, angewendet.

Raus aus Afrika mit Umweg

Und damit kommt der entscheidende Punkt in Mareans Szenario, den er in seinen bisherigen Publikationen höchstens angedeutet hat: Als das Klima wieder milder wurde und die Wüsten sich zurückzogen, verließ Homo sapiens mit seinem geschärften Verstand die Höhlenformation am Meer, zog Richtung Norden und erreichte schließlich einen neuen Kontinent: Europa. „Genaugenommen bin ich davon überzeugt, dass unsere unmittelbaren Vorfahren von Südafrikas südlicher Küste stammen. Pinnacle Point ist nur ein Ort an dieser Küste – aber eben einer, an dem es exzellente archäologische Fundstätten gibt“, sagt Marean. Alle heute lebenden Menschen stammten demnach von wenigen hundert Individuen ab, die vor rund 160.000 Jahren in der Gegend rund um Pinnacle Point Zuflucht vor dem Klima­desaster fanden.

Was aber ist mit dem Ostafrikanischen Graben? Das Gebiet liegt zwischen dem heutigen Eritrea und Tansania und gilt den meisten Anthropologen nach wie vor als die eigentliche Wiege der Menschheit. Vor allem im nördlichen Teil des Grabens wurden Skelett-Teile entfernter wie naher Verwandter des heutigen Menschen in einem Umfang gefunden, der bislang ohne Beispiel ist – von der 4,4 Millionen Jahre alten Ardipithecus-Frau Ardi über die vor 3,3 Millionen Jahren geborene Australopithecus-Dame Lucy bis hin zu 160.000 Jahre alten Schädeln des archaischer Homo sapiens – deren Nachkommen sich von Ostafrika schließlich „Out-of-Africa“ begaben, auf den Weg nach Europa.

Falls Marean mit seinem Szenario jedoch Recht hat, müsste diese etablierte Version der Out of Africa-Hypothese zumindest um einen kapitalen Schlenker erweitert werden – einen, der über den südlichsten Zipfel des Erdteils wieder zurück, Richtung Norden geführt hat. Das ergibt Marean zufolge auch einen Sinn: „Ostafrika war, wie ich glaube, der Ort, den die modernen Menschen auf dem Weg aus Afrika heraus durchquert haben.“ Katarina Harvati sieht das anders. „Die zwei Hypothesen, Ostafrika gegen Südafrika, sind gar nicht unbedingt widersprüchlich“. Es gebe in beiden Gebieten bedeutende Fossilienfunde des frühen modernen Menschen, die zeigen, dass er in beiden Gegenden tatsächlich gelebt habe. „Vielleicht haben sie sich nach ihrer Entstehung relativ schnell von einem zum anderen Gebiet ausgebreitet“. Dass eine weitere Population Überlebender existierte, die statt in Südafrika eben im Ost­afrikanischen Graben siedelte und dort vergleichbare Kompetenzen entwickelte, bevor sie – mit oder ohne die anderen – ­Afrika verließen, hält Marean aber gerade für unwahrscheinlich. „Es gibt in Ostafrika nur wenige Hinweise für komplexe Verhaltensweisen während der besagten Eiszeit. Es gibt dort überhaupt nur wenige Hinweise auf eine Besiedlung [in dieser Phase]“.

Mega-kollossale Eruption - oder einfach nur Klima?

Einen deutlichen Unsicherheitsfaktor hat Mareans Konzept trotzdem: Für den Klimakollaps, der immerhin die notwendige Grundlage seiner Hypothese darstellt, gibt es bislang nur spärliche Belege. Klimahistoriker wie Wolfgang Behringer von der Universität des Saarlandes gehen zwar davon aus, dass es eine derartige „Superkatastrophe“ tatsächlich gab und dass sie auch die Hominidengemeinschaft so weit reduzierte, bis der besagte genetischen Flaschenhalseffekt auftreten konnte. Der Kollaps, den Behringer meint, trug sich zu, als eine so genannte mega-kollosale Eruption des Toba auf Sumatra ganz Asien mit einer dreizehn Zentimeter dicken Schicht aus Vulkan-Asche bedeckte. Stanley Ambrose von der University of Illinois schloss daraus, dass die Welt hernach einen vulkanischen Winter erlebte, wie ihn im Grunde auch Marean beschreibt: extrem kalt und lebensfeindlich. Nur explodierte Toba erst vor 70.000 Jahren – und damit etwa 100.000 Jahre zu spät.

Für Mareans Geschichte bleibt daher nur das Glazial, eine Kälteperiode, von der die Erde in regelmäßigen Zyklen von 40.000 bis 100.000 Jahren heimgesucht wird, unter anderem zu der Zeit, in der Pinnacle Point bewohnt war. Wie genau sie die Lebensverhältnisse auf dem Planeten durch das Glazial änderten, ist derzeit noch Gegenstand der Forschung. „Wir wissen aus arktischen Eiskernen, dass das damals eine sehr langwierige Phase der Kälte war, und wir wissen auch, dass der afrikanische Kontinent auf eine Eiszeit mit extremer Dürre reagiert“, sagt Marean. Hinweise auf eine Megadürre zu Beginn des späten Pleistozän fanden US-Forscher kürzlich am Malawisee. Der drittgrößte See Afrikas liegt mitten im Ostafrikanischen Grabenbruch. Vor 135.000 Jahren trockenete er aufgrund der Dürre fast vollständig aus.

Ein weiteres kleines Teil, das ins Mareans Menschheitspuzzle passt. Trotzdem bleiben große Lücken. Eine der Größten ist, dass der US-Forscher in den Höhlen von Pinnacle Point zwar viele Spuren moderner Menschen gefunden hat, aber nicht mal einen Backenzahn oder Fingerknochen, der von diesen Menschen selbst stammt. Da ein großer Teil der damaligen Siedlung heute unter Wasser liegt, bleibt Marean für sein Puzzle wohl wirklich nur der Gang ins Haifischrevier. Bis dahin bleibt das große Hominidenpuzzle spannend. Und jene, die nicht ausgestorben sind, leben immerhin noch. Heute.

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Ihre Freitag-Redaktion

11:35 18.08.2010
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

Ausgabe 42/2021

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