Urbane Klumpen in grauer Substanz

Diagnose: Mensch Das ist aber bunt hier! Wenn Neuroforscher dem Hirn beim Denken zugucken, erkennen sie vor allem eines: dass das Leben Spuren im Kopf hinterlässt

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Wo genau sitzt seine Seele? Was ist Intelligenz, was Glück, woher rührt die Liebe? Viele, viele Jahre oblag es Philosophen, darüber nachzudenken. Dann kam die Hirnforschung.

„Für manche Wissenschaftler scheint die Auflösung des Enigmas von Gehirn und Geist bereits ausgemachte Sache zu sein“, konstatierte der Freiburger Neurologe Ludger Tebartz-van-Elst vor vier Jahren mit subtilem Verweis auf ein Manifest, das eine Riege „führender Neurowissenschaftler“ – darunter die üblichen Verdächtigen Gerhard Roth (Bremen) und Wolf Singer (Frankfurt am Main) – zuvor in der Zeitschrift Gehirn Geist veröffentlicht hatte. Die Forscher stellen darin fest, dass neue Methoden wie die funktionelle Magnet­resonanztomografie (fMRT) die Menschheit nun über eine neue Schwelle der Betrachtung führen würden. „Was unser Bild von uns selbst betrifft, stehen uns also in sehr absehbarer Zeit beträchtliche Erschütterungen ins Haus.“

Sieben Jahre später ist die Suche nach einem neurologischen Korrelat der Seele zwar noch erfolglos, aber an der Erschütterung des Selbstbildes wird gearbeitet. Insbesondere, was die Verknüpfung bestimmter Hirnwindungen mit Verhaltensdefiziten betrifft, gewährt die Forschung immer tiefere Einblicke, und man darf dabei nicht nur an Trauma, Sucht, Depression denken. Es geht auch darum, was das normale Leben mit dem normalen Gehirn anstellt, bevor es zum Seelen-Crash kommt.

Stressiges "crowding"

Paul Haggis übrigens hat mit seinem Regiedebüt L.A. Crash schon 2004 vorweggenommen, was deutsche Forscher vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim nun in Nature offenbarten: Menschen in der Stadt sind nicht nur großem Stress ausgesetzt, sie reagieren auf Stress auch anders als das gemeine Landei und wirken labiler. Versuche an Ratten und Affen hätten gezeigt, dass das overcrowding Stress und Krankheit induzieren könne, heißt es in einem Begleitartikel zur Studie. Da immer mehr Menschen in der Stadt leben (schon 50, bald 70 Prozent), liegt es also nahe, auch für Menschen von einer wachsenden Gefahr aus­zugehen, ausgelöst durch das stressige crowding der urbanen Existenz.

Die Mannheimer Wissenschaftler wollen nun sogar das neurologische Korrelat dieses mutmaßlich erhöhten Risikos gefunden haben, als Stadtmensch psychisch zu erkranken. Entdeckt haben die Forscher die hirngewordene Entsprechung dank der im Manifest hervorgehobenen und mittlerweile verbreiteten fMRT-Methode, die im Wesentlichen zeigt, in welchem Areal das Gehirn eines Menschen während einer Tätigkeit oder eines Reizes besonders viel Sauerstoff geliefert bekommt. Diesen Bereichen wird dann eine besondere „Aktivität“ unterstellt, obwohl diese Aktivierung ein statistisches und keinesfalls kausales Signal darstellt. In ihrem Versuch zu Stadt und Stress ließen die Forscher nun verschiedene Gruppen – echte Landeier, Provinzler und echte Städter – unter stressigen Beschimpfungen Aufgaben im fMRT lösen. Mit dem Ergebnis, dass sich im Gehirn von städtisch sozialisierten Probanden bestimmte Regionen auf­fällig „aktiv“ zeigten. Regionen, die in anderen Experimenten auch schon mal mit verschiedenen psychischen Leiden wie Schizophrenie oder Depressionen assoziiert waren. Was natürlich alarmierend klingt. Es aber nicht ist. Denn: Alle Teilnehmer der Studie waren psychisch völlig gesund.

Das eigentliche Resultat der Studie lautet also, dass das Leben in der Stadt den Menschen und sein Hirn anders prägt als das Leben auf dem Land. Interessant ist das allemal. Aber was an der Stadt – wenn überhaupt – krank macht, werden bunte Hirnscans nicht verraten.


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Ihre Freitag-Redaktion

14:43 01.07.2011
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

Ausgabe 39/2020

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