Vage Furcht vorm Schutz

Prävention Auch Impfungen verdienen Kritik. Die Lehren aus der Vergangenheit dürfen trotzdem nicht vergessen sein

Offenbar ist es mit der Wahrnehmung des Impfschutzes in Deutschland mittlerweile wie mit der Ausübung des Wahlrechts: In den Augen vieler Bürger hat sich die impfende Schulmedizin zu einem scheinbar paternalistischen, von Missstand und Interessen zerfaserten Apparat aufgeblasen, den kein normaler Mensch mehr versteht und für den man dann auch noch einen Termin einhalten soll, um hernach entweder gar keine Veränderung zu spüren oder mit den wenn, dann negativen Folgen letztlich irgendwie allein klarkommen zu müssen.

Die Deutschen jedenfalls sind mindestens so impfmüde, wie sie politikverdrossen sind, und nie wurde dieser Umstand deutlicher erkennbar als im Fall der Schweinegrippepandemie: Von den für rund 280 Millionen Euro hastig herbeigeschafften Impfdosen blieb der größte Teil liegen. Nur rund zehn Prozent der Bundesbürger ließen sich gegen den bedrohlichen Erreger immunisieren, nachdem über Wochen Kritik auf die Vakzine und alle Beteiligten der Kampagne gehagelt war. Die Begleitstoffe, die verschiedenen Präparate, der potenzielle Profit für die Pharmaindustrie, die überzogenen Warnungen der WHO – so ziemlich alles ließ die Menschen zweifeln. Die neue Grippe dagegen nicht. Sie fiel mit ihren Risiken schlicht unter den Tisch. Dass die gefürchtete zweite Welle von Infektionen schließlich milde ausfiel, empfanden am Ende denn auch wenige als ein Ergebnis der getroffenene Maßnahmen, geschweige denn als Glück, sondern lediglich als Bestätigung für alle Vorbehalte und die Schlussfolgerung, dass Impfen in den meisten Fällen gar nicht nötig sei.

Kritik nach schwerer Panne

Welchen zusätzlichen Schaden dieses Fiasko der Impfbereitschaft in der Bundesrepublik zugefügt hat, ist derzeit noch nicht abzusehen. Von den 55 Menschen, die in der laufenden Saison an der Grippe gestorben sind, ist der Impfstatus in 45 Fällen bekannt. 44 dieser 45 Personen waren nicht immunisiert. Für Epidemiologen ein weiterer Beweis, dass Impfungen Leben retten.

Das tun sie auch ganz unzweifelhaft, zumindest, was eine Reihe bestimmter Erkrankungen betrifft – und wenn man den Erfolg nicht an einzelnen Personen festmacht, sondern auf die Gemeinschaft bezieht. Das beste und bisher erfolgreichste Beispiel ist die Pockenimpfung die heute nicht mehr gebraucht wird, weil der Erreger mit ihrer Hilfe ausgerottet werden konnte. Ein weiteres gutes Exempel: Die Poliomyelitis, auch Kinderlähmung oder kurz Polio genannt. Ende der Fünfziger verursachte die Erkrankung hierzulande noch jährlich Tausende Infektionen mit schweren Komplikationen und lebenslangen Behinderungen. Der so genannte Salkimpfstoff aus Erregern, der gespritzt werden musste, erwies sich als hochwirksam und völlig sicher, geriet nach einer schweren Panne in den USA aber in die Kritik. Erst die bereitwillige Annahme und der Erfolg der (eigentlich riskanteren) Schluckimpfung in der damaligen DDR ebneten auch in Westdeutschland den Weg für eine sogenannte Eradikation der Krankheit – zumindest im wiedervereinigten Deutschland ist die Kinderlähmung seit 1990 nicht mehr übertragen worden. Die Impfung hat seither nicht nur viele Todesfälle verhindert, sondern auch lebenslange Behinderungen von Zigtausend Kindern.

In keinem dieser beiden epidemiologischen Vorzeigefälle kam der Erfolg kostenlos und ohne Probleme: Nebenwirkungen gibt es bei Impfungen genau so wie bei jedem Medikament. Meist sind sie leicht und nur vorübergehend. In seltenen Fällen können sie bei einzelnen Impfungen auch schwer ausfallen, wobei das Risiko für solche Impfkomplikationen früher weit höher war als heute. Der derzeit übliche Masernimpfstoff zum Beispiel führt bei jedem 20. Impfling zu so genannten Impfmasern, dafür sinkt das Risiko einer Hirnentzündung auf eins zu eine Million. Als Polio-Impfstoff wird erst seit 1999 wieder der Totimpfstoff per Spritze empfohlen, obwohl die Schluckimpfung lebende Viren enthält, die übertragbar sind und immer wieder zu Lähmungen und Ansteckungen führten.

Zum Wohl der Gemeinschaft

Man hielt trotzdem lange an diesem Impfstoff fest, weil er so gut angenommen wurde und sich besser eignete, das eigentliche Ziel zu erreichen: Die Gemeinschaft nämlich, und nicht zuerst den Einzelnen, von der gesundheitlichen Bedrohung durch eine gefährliche und ansteckende Krankheit zu befreien. Der Preis für diese „Herdenimmunität“, wie sie auch genannt wird, war die Ungewissheit, ob ein Kind durch die Schluckimpfung doch Lähmungen erleiden wird.

Das vorrangige Ziel der Herdenimmunität gilt noch immer und es gilt für die meisten Vakzinen. Die Risiken sind bei heutigen Impfstoffen zwar klein und beschränken sich meist auf leichte Symptome. Aber gleich Null sind sie eben nie. Es ist vor allem für junge Eltern schwer, mit diesem Dilemma umzugehen: Wie jüngst eine Umfrage ergeben hat, haben 35 Prozent der Eltern Zweifel an der Notwendigkeit der empfohlenen Impfungen für Babys und Kleinkinder. Insbesondere Mehrfachimpfungen wie die übliche Dreiervakzinierung gegen Mumps, Masern und Röteln, oder die Sechsfachimmunisierung gegen Tetanus, Diphtherie, Polio, Keuchhusten, Meninginitis und Hepatitis B erscheinen vielen als Keule für das noch zarte Immunsystem ihrer Kinder und als Bündelung der Risiken, die von den Einzelimpfungen ausgehen. Das gerade diese Kombinationsimpfstoffe wirksamer und weniger belastend sind als die einzelnen Immunisierungen, die das Immunsystem weniger stark prägen und in der Summe viel mehr Zusatzstoffe enthalten, will ja auch erstmal erläutert sein.

Wer aber erklärt den Impflingen und Eltern, ob sie eine Impfung benötigen oder nicht? Die ständige Impfkommission (StIKo) am Robert-Koch-Institut spricht jährlich Empfehlungen aus, die neben den genannten Mehrfachimpfungen auch Immunisierungen gegen eine Reihe weiterer Erkrankungen betreffen. Die hohe Zahl der angebotenen Impfungen macht es vor allem den impfenden Ärzten zunehmend schwer, deren Notwendigkeit zu vermitteln – oder auch deren Unnötigkeit. Im Fall von Pneumokokkenimpfung, und Zeckenimmunisierung ist das besonders schwer. 2009 fassten die Allgemeinärzte ihren Unmut über die Impfsituation in einem Bericht zusammen, der eine differenziertere Bewertung der einzelnen Impfungen fordert.

Was für die Patienten bleibt: Das Gespräch mit dem Arzt und die Frage, ob man zugunsten der Gemeinschaft ein gewisses Risiko einzugehen bereit ist. Das ist ja auch beim Wählen nicht viel anders. Wer zu Hause bleibt, dem tut es nicht weh. Aber die mögliche Wirkung für alle verpufft.

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Ihre Freitag-Redaktion

14:00 21.02.2011
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

Ausgabe 15/2021

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