Vampir aus der Pfütze

Stechmücken Der Klimawandel verändert Europas Blutsaugerlandschaft. Kommen mit den neuen Spezies auch neue Seuchen?

Entscheidend ist, die Contenance zu wahren, selbst wenn der Rüssel bereits ausgefahren ist: Langsam, in horizontalen Zickzackbewegungen nähern. Dann erst angreifen, aber auf keinen Fall zu heftig schlagen. Sonst endet der Hieb mit einem Fleck aus Matsch und Blut, und das war zwar bisher der einzige und hinreichende Sinn für die Moskitojagd, aber jetzt nicht mehr. Es gilt, die Mücken aufzusammeln, zu verpacken (eine Streichholzschachtel geht auch) und fortzuschicken, damit Forscher die Tiere identifizieren und systematisch bekämpfen können – denn die Mücke gilt als das gefährlichste Tier der Welt

Es ist ein Prädikat, das man diesem ubiquitären Sommerstörenfried in nördlichen Breitengraden eher nicht so zutraut: Hiesige Mücken nerven. Weil ihr Speichel in der Haut juckende Schwellungen verursacht. Weil Mücken bisweilen in großen und hungrigen Horden auftauchen, die einem das Gefühl geben, der eigene Körper sei ein Fly-in-Imbiss. Weil einen eine einzige blutrünstige Mücke mit ihrem nervtötenden „bssss“ um den Schlaf bringen kann. Entsprechend reicht das Arsenal der Abwehr von Citrusteelichtern über strombetriebene Repellentverdunster bis hin zu Ganzkörpergiftlotionen und -sprays. Wer einmal in tropischen Ländern unterwegs gewesen ist, weiß zwar, dass die lästigen Viecher bisweilen bedrohliche Erkrankungen übertragen können – Malaria und Gelbfieber zum Beispiel. Aber dass unsere Mücken hier wirklich gefährlich wären?

Als Mitarbeiter des Bundes für Umwelt und Naturschutz im Sommer vergangenen Jahres ein mysteriöses Massensterben unter Amseln beobachteten, dauerte es nicht lange, bis Forscher vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut den Erreger und seinen Überträger (den sogenannten „Vektor“) ausfindig gemacht hatten: Die Vögel waren von Nördlichen Hausmücken mit dem Usutuvirus angesteckt worden. Virologen kennen Usutu seit Ende der fünfziger Jahre, damals wurde es im südlichen Afrika gefunden und nach einem der dortigen Flüsse benannt. Die Krankheit ist in Afrika endemisch, und sie befällt nicht nur Vögel, sondern auch Menschen, die die Infektion zwar meistens gar nicht oder wie eine sehr leichte Grippe erleben. Bei immunschwachen Personen kann das Virus allerdings ernsthafte Symptomatiken bis hin zur Hirnhautentzündung hervorrufen. Medizinisch dokumentiert ist ein solcher Fall etwa aus Italien.

Mit dem Staubsauger

Mehrere Dinge geben Epidemiologen deshalb jetzt Anlass zur Sorge: Erstens ergab die Staubsauger-assistierte Massenanalyse winterruhender Mücken, dass sich die Zahl infizierter Insekten in kurzer Zeit – seit dem ersten Auftreten des Virus in Europa 2001, und insbesondere im vergangenen Jahr – drastisch erhöht hat. Inzwischen sind statt einiger weniger drei Viertel aller untersuchten Mückenproben positiv auf den Erreger. Des Weiteren zeugt diese Dynamik der Ausbreitung von größerem Unheil, schließlich ist Usutu nur eine und nicht die schlimmste von vielen Krankheiten, die von Stechmücken übertragen werden und sich in den vergangenen Jahren aus ihren angestammten Endemiegebieten in den Tropen Richtung Norden ausgebreitet haben. Und nicht zuletzt finden sich in Europa zunehmend auch exotische Mückenarten, die sich als Vektoren der genannten Krankheiten etabliert haben und diese Infektionen jetzt einbürgern könnten.

Die Kommunale Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Stechmückenplage (Kabs), ein von Gemeinden und öffentlichen Einrichtungen finanzierter Verein, versucht seit mehr als drei Jahrzehnten, die Vermehrung regionaler Mückenarten mit biologischen Mitteln zu kontrollieren, bisher vor allem am Rhein. Jahr um Jahr waten die Mitarbeiter dort durch Brutgewässer, stellen Fallen auf und zählen ­Mücken. Kabs beobachtet dabei auch das Auftreten neuer Spezies. Besonderes Augenmerk gilt derzeit der Asiatischen Tigermücke, Aedes albopictus, einer schwarzweißgestreiften Moskito-Schönheit, die unter anderem den Erreger des Dengue-Fiebers überträgt, einer schweren fieberhaften Erkrankung, die zu Multiorganversagen führen kann. Das Virus gehört, wie Usutu und eine Reihe anderer von Mücken übertragener Viren – West-Nil, Pferdeenzephalitis, Gelbfieber –, zur Gattung der Flaviviren, die eigentlich nur in den tropischen Regionen Lateinamerikas, Südostasiens und Zentralafrikas zirkulieren und oft an bestimmte oder einige wenige Mückenarten (siehe dazu auch den Kasten) als Vektor gebunden sind – sie werden nicht von Mensch zu Mensch übertragen. Dennoch gibt es immer wieder Meldungen über Einzelfälle, aber auch über kleine Epidemien.

Weniger Mücken in Afrika

Um die Verbreitung der Krankheiten zu verfolgen oder vorherzusagen, müssen Forscher deshalb die Spur der verschiedenen Mücken aufnehmen, was sich als schwierig erweist: Selbst die Verbreitung der in Nord- und Mitteleuropa einheimischen Spezies ist kaum bekannt, und der Aufwand für die immer dringender werdende Erstellung entsprechender Karten übersteigt bei Weitem die Kapazitäten der verfügbaren Forschungskräfte.

Die Bürger sollen mithin helfen, indem sie Mücken sammeln und die Fundorte melden. Seit Kurzem steht dafür auch eine Seite im Internet bereit. Auf mueckenatlas.de können sich Privatleute ein Formular für ihre „Jagd“ herunterladen und ihre vorschriftsmäßig erschlagenen, also „nur leicht angeklatschten“ und in kleinen Gefäßen sorgfältig eingepackten Mücken an die Sammelzentrale am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg senden – oder sie direkt abgeben, denn Feuchtgebiete und Mücken gibt es auch rund um die Märkische Schweiz genug, wie überhaupt in fast ganz Deutschland.

Die Einsendungen werden bisher nur als Fundstelle in der Online-Karte verzeichnet, ihre Zahl ist übersichtlich. Aber auch darüber hinaus gibt es vieles, was zu ergründen bleibt, zum Beispiel, wie genau die Infektion der Mücken eigentlich vonstatten geht. Lange Zeit hatte man angenommen, dass es zwischen dem Vektor und seinem Passagier eine Art friedliche Koexistenz gibt, die Stechmücken also lediglich als Fähre dienen. Tatsächlich aber „erkranken“ auch die blutsaugenden Insekten selbst, was insofern einleuchtet, als dass sich die meisten Erreger im Mückenkörper erst noch vermehren müssen, bevor sie die für eine Infektion ausreichende Zahl erreicht haben. Manche infizierten Arten bekämpfen die Keime offenbar mit speziellen Mitteln ihres Immunsystems: Wie Forscher vor vier Jahren in Laborversuchen mit Sindbiss-Viren zeigen konnten, schnippeln bestimmte Enzyme der Spezies Aedes aegyptii das Virus-Erbgut einfach in kleine Stücke, mit dem Ergebnis, dass die Mücken lange genug überleben um den Erreger weiterzuverbreiten. Man erhofft sich von diesem Einblick in die molekulare Mückenbiologie – abgesehen vom besseren Verständnis – auch neue Hinweise darauf, wie man die übertragenen Krankheiten durch neue Medikamente bei Menschen bekämpfen kann.

Klimawandel

Einig sind sich viele Forscher inzwischen darin, dass ein wichtiger Motor der Ausbreitung von exotischen Mückenarten der Klimawandel ist: Vor allem dort, wo mehr Regen fällt und die Temperaturen auch im Winter nicht allszu weit sinken, können sich (wie Anopheles plumbeus) in einigen Regionen Süddeutschlands sogar Anopheles-Arten wieder ausbreiten – und mit ihnen die Malaria, die zwar schon heute mehr als 900 Menschen in Deutschland jährlich trifft, derzeit aber noch fast ausschließlich aus dem Ausland importiert wird.

Ob es noch weitere Mechanismen gibt, die sich möglicherweise als Bremse der Entwicklung nutzen lassen, ist derzeit unklar: Forscher haben vor einem Jahr festgestellt, dass die Malaria in einigen afrikanischen Dörfern binnen weniger Jahre deutlich seltener wurde, teils um 50 Prozent, obwohl niemand dort die als essenziell erachteten Bettnetze benutzt. Eine genauere Analyse erbrachte, dass schlicht die Zahl der Mücken abgenommen hatte – ohne bislang ersichtlichen Grund.

Doch derweil entwickelt sich die Situation in Deutschland entgegengesetzt, und obwohl die Experten der beteiligten Institute sich gegen jede Panikmache verwahren, sind Vorsichtsmaßnahmen und ein bisschen Information vielleicht schon im Sinne der eigenen Nerven sinnvoll: Fachleute berichten beispielsweise immer wieder darüber, dass Renaturierungsgebiete für im Sommer auftretende Mückenplagen verantwortlich gemacht werden. Tatsache ist aber, dass naturnahe Gewässer hierzulande nicht immer die besten Brutstätten abgeben: Fische, Libellen und andere Bewohner dieser Ökosysteme ernähren sich von Mückenlarven und regulieren die Vermehrung.

Anders sieht es dagegen mit stehengelassenen Gießkannen, offenen Regentonnen und auch mit halb mit Wasser gefüllten Konservendosen aus. Der Mücke bedeuten sie: Herzlich willkommen!

16:00 16.05.2012
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

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