Wohl bekomm's

Lebensmittel Nach dem Skandal ist vor dem Skandal – daran hat sich nichts geändert. Die Hoffnung: Der Verbraucher passt schon auf sich auf. Das Problem: Das ist oft nicht möglich

"Menschenfleisch!", ruft der Angeschossene, als er aus der Menge getragen wird. Der verletzte Thorn, gespielt von Charlton Heston, hat herausgefunden, dass die einzig verbliebene Nahrung der überbordenden und hungernden Erdbevölkerung – das angeblich aus Soja (Soy) und Linsen (Lentils) gefertigte „Soylent“ – in der besonders begehrten grünen Variante „Soylent Green“ aus den Überresten von Verstorbenen gepresst wird. Eine Erkenntnis, die den Gejagten bis ins Mark erschüttert. Er glaubt deshalb, dass die Wahrheit selbst in der von Moral und Ethik weitgehend bereinigten Welt des Jahres 2022 noch einen wunden Punkt treffen muss. Er fleht, seine Entdeckung möge dem Informationszentrum übermittelt werden. Alle sollen es erfahren, auf dass sie sich wehren gegen das Unerträgliche – das doch unerträglich sein muss, sobald es Gewissheit wird.

Mal davon abgesehen, dass das Ende der Geschichte offen bleibt, muss, fast 40 Jahre nachdem Richard Fleischers Öko-Dystopie Soylent Green in die Kinos kam, jeder Vergleich mit diesem düsteren Szenario absurd erscheinen: Wir leben in einer Welt, in der die Industrienationen keinen Mangel an Lebensmitteln erleiden, in der der Verzehr selbst von tierischem Fleisch ethisch umstritten ist und in der frisches Gemüse zu Cent-Beträgen in den Discountern erhältlich ist. Die Ressource Nahrung ist global zwar heillos ungerecht verteilt, aber sie wird so rasch nicht versiegen. Menschenfleisch? Niemand muss an so etwas überhaupt nur denken.

Was man nicht mehr essen kann ...

Und trotzdem hat zuletzt ein Bakterium das ungute Gefühl befördert, dass in dieser satten Realität doch indirekt auf Kosten von Menschenleben gerechnet wird: „Verheerend“ nannte etwa der Vorsitzende des Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, die jüngsten Warnungen vor drei potenziell lebensbedrohlich verkeimten Gemüsesorten, die belgische Agrarministerin, Sabine Laruelle, kritisierte die Veröffentlichung von Verdachtshinweisen durch die deutschen Seuchenbeauftragten und die Bundesregierung gar als „leichtfertig“.

Was impliziert, dass man zugunsten eines profitorientierten Produktionssystems den Verdacht besser für sich behalten und das gesundheitliche Risiko für eine unbekannte Zahl von Menschen hätte hinnehmen sollen – obwohl bereits 36 Betroffene des Ehec-Ausbruchs ihr Leben gelassen haben wegen ein bisschen Gemüse. Auch wenn es letztlich wohl doch nicht die zunächst verdächtigen Gurken, Tomaten und Blattsalate waren: Sie hätten es sein können. Niemand wusste es vor zwei Wochen besser, die einzigen Indizien, die es gab – eine spanische Gurke mit Keimen, die geografische Verteilung der Fälle, mittendrin der Hamburger Großmarkt – wiesen auf die klassischen drei Salatzutaten als Bakterienträger hin, und nicht auf das relativ neumodische Sprossengemüse.

Warnungen, so darf man für die Zukunft lernen, widersprechen dem marktwirtschaftlichen Konzept von Nahrungsmittelherstellung. Und absolute Sicherheit, das ist von fast allen Beteiligten auch jetzt wieder betont worden, könne es bei Lebensmitteln doch gar nicht geben. Weder Gift, Krankheitserreger noch Betrug lassen sich vollständig vermeiden. Also soll der Konsument sich eben wappnen: Er soll sich nach der Herkunft seiner Lebensmittel erkundigen, soll alles über Nahrungskeime und -gifte wissen, er soll verstehen, wie sie durch Hygiene und Handhabe zu eliminieren sind, er soll Zutatenlisten lesen können und die unterschiedlichen Qualitätssiegel kennen, kurzum: Er soll ganz bewusst und eigenverantwortlich konsumieren – wie der informierte Patient im Gesundheitswesen, nur dass der im Supermarkt eben „mündiger Verbraucher“ heißt.

Doch diese Mündigkeit ist begrenzt. Wo ihre Grenzen liegen wird schnell offensichtlich: Wer sich nicht gerade beruflich mit der Produktion von Lebensmitteln befasst, beißt sich schon an den teils peinlichen Werbeversprechen großer Hersteller die Zähne aus. Und das, obwohl lokale Verbraucherschützer und die omnipräsente Organisation Foodwatch tapfer Hilfe leisten. Aber selbst die kratzen mit der Enthüllung der jämmerlichen Menge Erdbeerfasern im Fruchtjoghurt oder dem Nachweis von versteckten Geschmacksverstärkern in Gourmetsuppen nur an der Verpackung, die vermeintlich das Problem darstellt, aber tatsächlich nur die sehr dünne sichtbare Hülle des Missstands betrifft.

Denn wer kann an einem Sechserpack Bio-Eier, einem vakuumierten Kotelett oder an einem Plastikcontainer Gemüse schon ablesen, wie diese Nahrungsmittel wirklich hergestellt wurden – welchem Ökoreservat dafür Ackerland abgerungen wurde, was den Boden wuchsfreudig machte, woher das Saatgut, das Tier, das Futter stammte, welche Transportketten mit dem Produkt verbunden sind, unter welchen Bedingungen und auf welchen Umwegen Erntehelfer und Fließbandarbeiter in Marokko, Italien, Argentinien oder Niedersachsen die Produkte zum Verbraucher bringen – all das war und ist Teil der Nahrungsproduktion und bestimmt die Reichweite ihres Einflusses.

Eine Ahnung haben in den vergangenen Jahren Dokumentationen wie We feed the World oder Food Inc. zu vermitteln gesucht – aber die Verknüpfung zwischen dem Küken einerseits, das aus Gründen der Profitabilität bereits in seinen ersten Lebenstagen einmal um den halben Erdball reist, bevor es in einer Großmastanlage in Rekordzeit zur Schlachtreife gebracht wird, und andererseits der konkreten Hähnchenfiletroulade im Kühlregal für 1,59 Euro – er ist eben nicht sichtbar, weder für die Kunden, noch für die Kükensortierer, noch für die Rewe- oder Lidl-Händler. Und wenn etwas in dieser Kette passiert, wenn sich ein neuer Erreger einschleicht, ein Zulieferer schlampt oder mutwillig panscht, ist die Quelle für alle Betroffenen nur noch mit höchstem Aufwand auszumachen.

Und sollte es im Fall Ehec am Ende tatsächlich bloß der Biohof in Bienenbüttel gewesen sein, es stünde dazu nicht im Widerspruch, sondern wäre einfach nur ein großes Glück: Zum einen sind selbst die vermeintlichen Enklaven nachhaltiger Produktion längst globalisiert und spezialisiert. So hat der Bienenbüttler Hof einen erheblichen Teil seines Saatguts aus dem Ausland importiert. Im Kreis der engeren Verdächtigen waren vor Redaktionsschluss Keimlinge von Brokkoli, Bockshorn und Knoblauch, für die offenbar Samen aus China bezogen wurden und die – wer kauft schon einfach Bockshornsprossen? – in küchenfertigen Mischungen angeboten wurden. Dass die nicht weit genug kamen, um den Keim in noch größerem Umkreis zu verteilen, ist der geringen Größe des Betriebs zu verdanken und letztlich dem Zufall, denn dasselbe hätte in jeder konventionellen Gemüseproduktion passieren können, die nicht nur international importiert, sondern auch international kooperiert und ihre Produkte auch international liefert. Wieviele Menschen wären dann betroffen gewesen, wie lange hätte die Klärung der Infektionskette gedauert, wie wahrscheinlich wäre eine Klärung überhaupt noch gewesen? Und was hätte sie am Ende gebracht?

... darüber sollen wir nun schweigen

Betrachtet man die Konsequenzen, die aus der seit Jahrzehnten fortgesetzten Reihe von Infektionen und Giftskandalen gezogen wurden, dann wird offenkundig, dass der Verbraucher oft zur Unmündigkeit verdammt ist. Schließlich tut die Politik kaum mehr als augenfällige Schwachstellen zu korrigieren (siehe auch Kasten unten): Nach BSE wurden Tiermehle im Futter verboten, nach diversen Dioxinskandalen eliminierte man selektiv die jeweils ausgemachten Quellen – zuletzt das ins Legehennenfutter gepanschte Industriefett. Und künftig werden nach ersten Äußerungen von Ministerin Ilse Aigner wohl die Kontrollen für Sprossen und zugehöriges Saatgut verschärft. Was Wiederholungen des exakt selben Skandals unwahrscheinlich macht. Aber Massentierhaltung, industriell gebrautes Futter, der undurchsichtige Großanbau von Gemüse und Obst wachsen und gedeihen dennoch weiter, werden international immer komplexer vernetzt und halten die nächsten Krisen bereit, solange hier nicht grundlegend neu gedacht wird – langfristig, versteht sich, aber gegen die Lobbyverbände von Industrie und Agrarwirtschaft will sich die Politik offenbar nicht mehr erheben.

Welche dystopischen Zustände sich daraus in 40 Jahren ergeben könnten, diese Frage gilt es zu stellen. Forscher wie der amerikanische Astrobiologe und Paläontologe Peter Ward weisen darauf hin, dass der Mensch nach wie vor Gegenstand der Evolution bleibt. Er muss sich seiner Umwelt anpassen, und diese Umwelt ist eben nicht allein die viel zitierte „Natur“. Sie wird inzwischen maßgeblich durch den schnellen, von Menschen gemachten Fortschritt bestimmt. Dieser kann den körperlich schwachen Homo sapiens retten, aber nur dann, wenn der Mensch seine eigene Angreifbarkeit stets vor Augen hat. Spätestens, wenn dieser Überblick verloren geht, spielt unsere Spezies mit ihrem Leben.

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Ihre Freitag-Redaktion

08:00 16.06.2011
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
Schreiber 0 Leser 5
Kathrin Zinkant

Ausgabe 25/2021

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