Katja Grawinkel
24.04.2012 | 16:50

Die Kunst, nicht normal zu sein

Eventkritik Das Festival „Camp/Anti-Camp“ in Berlin wollte eine queere Gebrauchsanweisung für den Alltag liefern. Unsere Autorin hat drei Tage lang an der Suche danach teilgenommen

Es riecht nach Ingwer und Rosmarin. Im Foyer des HAU 2 -Theaters in Berlin ist eine Küche aufgebaut, zwei Köche rühren in dampfenden Töpfen herum, er trägt nur eine Schürze, sie einen Rauschebart. Aus einem Topf quillt Bühnennebel. Blumen hängen an den Streben der improvisierten Küche, ohne Wasser welken sie in Echtzeit. An der mit Knochen verzierten „Voodoo Chanel Altar Bar“ wird Kirschbrand und Waldmeisterbowle ausgeschenkt. Neben den Herdplatten türmen sich Werke von Virginia Woolf, Susan Sontag und Catherine Breillat. Die Küche als Ort der Performance. Männer, die herumstehen, tragen Make-Up, die Frauen Kurzhaarschnitte und alle ihre Exzentrik zur Schau. Beim Festival Camp/Anti-Camp. A Queer Guide to Everyday Life, am vergangenen Wochenende, fühlt man sich zunächst  wie auf der falschen Party.

Susan Sontag, die das Phänomen Camp 1964 beschrieben hat, bezeichnet es als „eine Art Geheimkode“ unter Insidern – und seine Entschlüsselung als Verrat. Ihr Camp-Begriff stellt Stil über Inhalt, Kitsch und Pomp über guten Geschmack. Es ist ein unpolitischer Begriff, der – darum soll es hier gehen – einen Widerpart braucht. Sontag dient an diesem Wochenende nicht als Definitionslieferantin, man möchte sich von ihr abgrenzen. Einen anderen Blick auf Camp finden.

Die Welt der Ausgegrenzten

„Camp als queere Gebrauchsanweisung für den Alltag derjenigen, die auf der Agenda des Normalen nicht vorkommen“, so wird das Motto 2012 beschrieben. Es erinnert an das New York der 1960er Jahre, damals sind es Homosexuelle, Drag-Queens, Aidskranke oder Migranten. In einer Gesellschaft, für die sie bestenfalls unsichtbar sind, entwickeln sie ihre eigenen kulturellen Codes. Übertreibung, Kitsch und Maskerade dienen als Vehikel. Von denen, die jetzt Camp organisiert haben, gehören die meisten noch immer zu den Ausgegrenzten.

Zur Begrüßung nennt Kurator Marc Siegel, ein Queertheoretiker mit präziser Körpersprache,  die Idee: „Most people don’t get it.“ („Die meisten Menschen verstehen es nicht.“) Der Fehler beginne  schon mit der Annahme, es gäbe ein simples „it“, einen klar definierten Gegenstand namens „Camp“. Man möchte das offen lassen. So  kreisen Veranstalter, Redner und Performer des Festivals im Laufe des Wochenendes um den Begriff, ohne ihn zu fassen.

Hinter einer Barriere aus Hunderten von Mini-Kakteen, die Bühne und Zuschauerraum trennen, verkündet dann Kuratorin Susanne Sachsse: „Authentizität interessiert mich nicht. Wenn du nicht authentisch sein kannst – und das kannst du nicht – sei Camp!“ Camp als Nische, in der man zwischen den Welten wandeln kann, wenn man nicht in die „normale“ passt. Weiblichkeit ist Maskerade, künstlich sein alltäglich. Aber was bleibt von der Ordnung der Geschlechter und Sexualitäten, wenn jeder mit ein bisschen Schminke und Tamtam feminin wirken kann? Auf einer weißen Kunstleder-Chaiselonge wird Andy Warhols Transgender-Muse Holly Woodlawn auf die Bühne gerollt. Das erste Highlight.

Später sieht man den  87-jährigen Schauspieler, Filmemacher und Poet Taylor Mead in einer Skype-Übertragung aus New York. Man kann ihn kaum verstehen, aber die bloße Präsenz seines Bildes wird umjubelt. Auch der berühmte kanadische Filmemacher Bruce LaBruce und Trans-Ikone Vaginal Davis sind in die Jahre gekommen. Helden von gestern – auf dem Festival werden sie wie Superstars begrüßt. Auch dieser Starkult gehört zu Camp. Er wird für Anti-Camp gerettet – oder sollte man sagen konserviert? Die zauberhaften Filmsequenzen des 1989 verstorbenen Jack Smith, die das Berliner Arsenal-Institut für Film und Videokunst verwaltet, bilden, abgespielt von ratternden Projektoren, den visuellen Hintergrund. Pure Nostalgie. Die vielen jungen Leute im Publikum werden ein bisschen ungeduldig. „Ohne Tradition kein Camp“ zitiert jemand einen anderen (hier wird gerne und häufig zitiert). Aber gibt es auch etwas Neues?

So sehen heute Camp-Manifestationen des Festivals aus: Die zwei BrasilianerInnen von RG_Faleiros überführen in einer kurzen, prägnanten Show die Drag-Melancholie in die popkulturelle Gegenwart. Während in einem Videoclip eine Gogo-Tänzerin einen männlichen Zuschauer umgarnt, wird die Situation auf der Bühne mit vertauschten Geschlechterrollen wiedergegeben. Eine Frau wird von einem halb nackten Tänzer auf die Bühne geholt, er führt die gleiche Performance durch, aber plötzlich wirkt es übergriffig. Dieses Szenario, die Frau, die sich verführerisch an den Partner räkelt, war eigentlich nur für eine Richtung vorgesehen.

Armreifen aus der Vagina

Der Auftritt der Performerin Narcissister vereint Pop und Folklore, Porno und Circus. In ihren Tänzen spielt sie mit dem An- und Ausziehen, Verbergen und Enthüllen. Unter lauter Kostümen kommt nicht etwa die nackte Wahrheit zum Vorschein, sondern ein von Fitness gestählter Körper. Einmal trägt sie eine große Afro-Perücke, zieht aus dem Mund und den Haaren ihr Kostüm samt Accessoires. Ohrringe, Armreifen, Rock und Top kommen mitunter auch aus dem Schamhaartoupet – oder wirklich aus ihrer Vagina? Das bleibt offen. Nach dem Applaus verschwindet sie, ohne dass jemand ihr „wahres“ Gesicht gesehen hätte.

Für Poptheoretiker Diedrich Diederichsen, der am Ende des Festivals einen Vortrag hält, spiegelt Camp vor allem unsere Wahrnehmung im massenmedialen Zeitalter. Camp aber sei ein Raum, in dem man auch dem Fremden begegnen und näher rücken kann. Wenn jeder Mensch, und scheint er noch so anders, in den Augen der Betrachterin zum verehrten Superstar werde, dann komme man zusammen und die Welt werde ein etwas glamouröserer Ort. Ein „Anti“ ist am Ende nicht entstanden, dafür war es zu diffus. Aber nach den drei Tagen fühlt man sich auf dem Festival weniger fehl am Platz.