Fünfundzwanzig

Gesellschaft Ob 25 Jahre „Freitag“ oder Wiedervereinigung: Wenn wir ein Vierteljahrhundert bejubeln, schreiben wir jedes Mal ein neues Kapitel am großen kollektiven Roman
Katja Kullmann | Ausgabe 45/2015 1
Fünfundzwanzig
Collage aus Seiten der Erstausgabe vom 9. November 1990

Mit Albert Einstein einmal einen privaten Abend zu verbringen, bei Rotwein und Knabberzeug, muss ziemlich unterhaltsam sein. Also: gewesen sein. Die Möglichkeit dazu ist bekanntlich abgelaufen, das Zeitfenster zu. Als Einsteins Todestag sich im April zum 60. Mal jährte, brachten viele Zeitungen, Blogs und Portale wieder einmal Listen seiner „besten Sprüche“. Der Nobelpreisträger liebte die Kalauerei mindestens so sehr wie die Physik. „Zwei Dinge sind unendlich“, soll er einmal gesagt haben, „das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Je älter Einstein wurde, desto prägnanter, aber auch wärmer und menschenfreundlicher fielen seine Scherze aus. Dass er die Atombombe – anders als viele dachten und bis heute denken – nicht erfunden habe, versuchte er immer wieder richtigzustellen: „Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.“ Einstein war eben nicht nur ein Genie, sondern auch ein humanistischer Ironiker beziehungsweise ein ironischer Humanist. Einer, der sich voll bewusst war, dass er an einem der größten „gefühlten“ Rätsel der Menschheit gerührt hatte: an dem unübersichtlichen Ding namens Zeit. Die von ihm entwickelte Relativitätstheorie erklärte er in seinen späten Jahren so: „Wenn man zwei Stunden lang mit einem schönen Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität.“

Geplante Erinnerungen

Ob man sich schließlich, Jahre später, intensiver an das Mädchen erinnert oder an den Ofen, ob ein fest notiertes Jubeldatum daraus wird oder ein ungern erinnerter Schreckenstag, hängt davon ab, was einem danach noch alles passiert. Anders gesagt: Die Zeit selbst wird es zeigen.

Um nicht die Übersicht zu verlieren im Gestern, Heute und Morgen, haben die Menschen sich etwas erschaffen, was Kulturwissenschaftler „Memorialkultur“ nennen. Oder, mit den Worten des Historikers Alexander Demandt gesprochen: Die Menschheit hängt an ihren „geplanten Erinnerungen“. Das Denken, Leben und Arbeiten mit Zeitlinien ist „der Inbegriff der geordneten Bewegung“, schreibt Demandt, der an der Freien Universität in Berlin lehrte, in seinem soeben erschienenen Buch Zeit. Eine Kulturgeschichte (Propyläen 2015, 592 S., 26 €). Jubiläen funktionieren dabei im Grunde wie Ortsmarken. Oder wie gedankliche Haltestellen.

Handelt es sich um große, allgemein zelebrierte, gar staatstragende Jubiläen – wie jüngst bei den Feierlichkeiten zu „25 Jahren Deutsche Einheit“ – werde das „zivilisatorische Element“ deutlich, sagt der Professor: „Kollektiv begangene Jubiläen sind für eine Gesellschaft nützlich, sie stiften Gemeinschaft. Es geht um eine Ökonomie der Erinnerung. Die Menschen haben anderes zu tun, als tagein, tagaus an ein bestimmtes einschneidendes Ereignis zu denken Es werden also Übereinkünfte getroffen: In welchem Rhythmus wollen wir dieses oder jenes gedanklich noch einmal würdigen?“ Der Vorteil solcher Abmachungen liegt für den Geschichtswissenschaftler auf der Hand: „Unterschiedlichkeiten werden wenigstens temporär überwunden.“

Um beim Wendebeispiel zu bleiben: Während die einen sich noch lebendig und aus erster Hand daran erinnern – „Es kommt mir vor, als sei es gestern gewesen!“ –, haben andere eigentlich nur verschwommene eigene Bilder aus den Jahren 1989/90 im Kopf. Weil sie vielleicht im Westen lebten, gerade mit einer schweren Krankheit in einer Klinik lagen oder mit einem Campingbus im damals noch sicherer bereisbaren arabischen Raum unterwegs waren, damals eben noch ohne Internet.

Aber auch diejenigen, die nicht selbst dabei waren, kennen inzwischen die Bilder und Schlüsselsätze – etwa die des am vergangenen Sonntag gestorbenen SED-Funktionärs Günter Schabowski, des „Mannes, der sich ins Geschichtsbuch stammelte“ (Rheinische Post). Oder das Foto von „Zonengabi“ mit Banane auf dem Titel des Satiremagazins Titanic. Oder das Hissen der schwarzrotgoldenen Fahne am Berliner Reichstagsgebäude in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990. „25 Jahre Wiedervereinigung“: Sie nicht detailliert vor Augen zu haben, ist, wenn man heute hier in diesem Land lebt, unmöglich, selbst wenn man damals noch nicht einmal geboren war.

2002

Preisgabe Im September werden die Freitag-Autorin Irena Brežná und die Zeitung selbst im Berliner Schloss Bellevue durch Bundespräsident Johannes Rau geehrt. Sie gewinnen eine der höchsten journalistischen Auszeichnungen – den „Theodor-Wolff-Preis für herausragende journalistische Leistungen“. Gewürdigt werden nicht zuletzt die Russland-Berichterstattung, dabei besonders die Darstellung des Tschetschenien-Krieges Mitte der 90er Jahre.

Welches Vorkommnis einer Gesellschaft wichtig genug erscheint, damit – noch während es geschieht – eine Erinnerungsakte angelegt wird, das bestimmen die je aktuellen Strömungen der Sozialpsychologie, einer kollektiv gespeisten Melange aus „tatsächlicher und vorgestellter Gegenwart“ (Gordon Allport). Jede Gesellschaft bastelt also unablässig an ihrer eigenen Erzählung – und damit an ihrem Nachlass. Auch, um sich selbst besser zu verstehen, um eine Sinnhaftigkeit für die oft chaotisch erscheinende Jetztzeit zu kreieren.

Tatsächlich mag es auf den ersten Blick chaotisch wirken, wenn man nebeneinander stellt, welch verschiedene 25er-Jubiläen dieser Tage gefeiert werden: „25 Jahre Deutsche Einheit“ fallen mit „25 Jahre der Freitag“, „25 Jahre Cinemaxx-Kinos“ und „25 Jahre Photoshop“ zusammen, mit „25 Jahre Verdammt ich lieb dich (Matthias Reim)“, „25 Jahre Texte zur Kunst(siehe Seite 19), „25 Jahre Weltraumteleskop Hubble“ und dem 25-jährigen Bestehen der Haustierbedarfskette „Fressnapf“. Denkt man romanhaft genug über diese Reihung nach, ergibt sich ein anschauliches Panorama der frühen 90er Jahre – und ihrer Folgen. Da steckt die beginnende Digitalisierung von Kunst und Alltag drin, die Kommerzmacht des globalisierten Kettenhandels und auch die aktuell wieder aufbrandende Lust auf Science-Fiction und kosmischen Eskapismus.

Etwas merkwürdig ist das 25-Jährige allerdings schon – merkwürdig als Zeiteinheit an und für sich. Zunächst einmal gibt es einen feinen klanglichen Unterschied zwischen den Formulierungen „Es ist 25 Jahre her“ und „Es geschah vor einem Vierteljahrhundert“. Während „25 Jahre her“ tendenziell wie „neulich erst“ klingt, weckt „vor einem Vierteljahrhundert“ sofort Assoziationen an Staub und Bronzestatuen. „Beim Vierteljahrhundert denken Sie die Nullen der 100 gleich mit, und 100 ist eben mehr als 25“, sagt Alexander Demandt.

Alles nur ein Marketingtrick

Warum hat es sich aber überhaupt eingebürgert, das 25-Jährige zu feiern? Das Zehn- oder das 100-Jährige gehen glatt oder „rund“ im römischen Dezimalsystem auf, die 25 ist indes eine „krumme“ Zahl, bei der sich man sich leicht verrechnen kann. Wie so vieles im Abendland ist auch die bejubelte 25 auf die katholische Kirche zurückzuführen, konkret auf das Marketinggeschick von Papst Paul II. (1464–1471). Bis zu seiner Amtszeit hatte die Kirche nur alle 100, später alle 50 Jahre zu einem katholischen Jubeljahr aufgerufen. Pilger reisten dazu in die großen Glaubenszentren und machten, während sie Reliquien besichtigten oder Messen besuchten, die Hotellerie und Gastronomie mit Umsatzzuwächsen glücklich. Warum können wir das nicht öfter haben, erkundigte sich das aufstrebende Handelsbürgertum. Und so legte Paul II. fest, dass die Katholiken sich, beginnend mit dem Jahr 1475, alle 25 Jahre zur großen Sause verabreden sollten. Tourismusmarketing der ersten Stunde.

Die 25 ist ein saftiges Alter. Männer erleben da die Hochphase ihrer sexuellen Potenz, sagt die Biologie, während Frauen vor Fruchtbarkeit angeblich fast platzen. Albert Camus war 25, als er mit den Vorarbeiten zu seinem Mythos des Sisyphos begann, Friedrich Nietzsche wurde mit 25 als Professor nach Basel berufen, Madonna veröffentlichte mit 25 ihr erstes Pop-Album, Lenin wurde erstmals wegen agitatorischer Umtriebe verhaftet, und Rosa Luxemburg saß fleißig an ihrer Promotion mit dem Titel Die industrielle Entwicklung Polens.

In der Psychologie gilt die 25 seit dem Beginn der Moderne als „Schwellenalter“, in dem ein Mensch den Übergang von der Adoleszenz zum Erwachsensein vollendet. Rechtlich schlägt sich das hierzulande in vielen Bereichen nieder: Haben Sohn und Tochter den 25. Geburtstag hinter sich, fließt kein Kindergeld mehr. Erst ab 25 darf man schließlich selbst ein Kind adoptieren oder Schöffe werden, und in mehreren Bundesländern ist es erst dann erlaubt, als Bürgermeister zu kandidieren. Erst ab 25 wird ein Mensch also ernst genommen. Auch dazu gibt es längst Angebote aus dem Marketing: Von der „Quarterlife Crisis“ ist die Rede, oder vom Beginn der „Rushhour des Lebens“, wenn laue Psychoratgeber für die mitteljunge Zielgruppe verkauft werden sollen.

Unterdessen zeichnet sich eine neue 25er-Schwelle ab: Zwar sinken die Scheidungszahlen wieder leicht. Aber ausgerechnet bei denjenigen, die ihre „Silberne Hochzeit“ schon gefeiert haben oder kurz davor stehen, nehmen Trennungen deutlich zu. Ein Vierteljahrhundert ist eben ganz schön lang. Andererseits ... nimmt der Lebensroman vielleicht dann erst an Fahrt auf.

Info

Dieser Artikel ist Teil der Jubiläumsausgabe zum 25. Geburtstag des Freitag

06:00 09.11.2015
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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Katja Kullmann

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