Als Touri zu Hause

Die Konsumentin Die Soziologie spricht schon von der Touristifizierung des Alltags. In Berlin lässt sich der neue Trend besonders gut im Plastik-Dschungel des Dong-Xuan-Centers ausleben
Katja Kullmann | Ausgabe 42/2014 3

Auch mal fremd sein können in der eigenen Stadt: Das ist das Versprechen, das eine Metropole ihren Bewohnern macht. Sich in ungewohnten Vierteln verlaufen und eventuell sogar nach dem Weg fragen müssen, in ungefilterten Kontakt mit Unbekannten kommen – das gefällt mir ungeheuer gut. Es schmeckt ein kleines bisschen nach … Freiheit, finde ich. Als Fremde trägt man ja keine Verantwortung für den Ort, an dem man herumstolpert. Die Fremde darf einfach herumgehen und schauen, was da und dort so ist, darf staunen und Fragen stellen. Beinahe wie auf Reisen.

Ehrlich gesagt ist das einer der Gründe, warum es mir in Berlin – das einem schnell auf den Geist gehen kann – doch gefällt. Es ist die schiere Größe dieser Siedlung hier im sumpfigen Nordosten. Es gibt genügend S- und U- und Trambahnstationen, an denen ich noch nie ausgestiegen bin, Hunderte Lokale, in denen Sprachen gesprochen werden, die ich nicht verstehe, Tausende Anknüpfungspunkte für alltagsethnologische Feldstudien und Experimente.

Offenbar bin ich mit dieser Erkundungslust nicht allein. Von der Touristifizierung des Alltags spricht mittlerweile die Soziologie. Die Punkband Gang of Four brachte schon 1979 einen Song mit dem Titel At Home He’s a Tourist heraus. In Fußgängerzonen so zu tun, als wäre ich Heinz Sielmann oder Jane Goodall oder Jack London, ist jedenfalls ein Hobby von mir. Na und? Andere Leute sammeln Engel aus Hartplastik und reden mit denen.

Eine hervorragende Einkaufsmöglichkeit für Engel aus Hartplastik kann ich nun seit meiner jüngsten Expedition empfehlen: das Dong-Xuan-Center in Berlin-Lichtenberg. Es liegt an der Tramhaltestelle Herzbergstraße/Industriegebiet, hinter einem verrottenden Kulturhaus aus sozialistischen Zeiten. Im Center findet sich alles, was man aus Kunstfasern herstellen kann, vom aufziehbaren Miniaturelvis über Stoffblumen, falsche Lederschuhe, idiotische Zimmerspringbrunnen, zitronengelbe Unterwäsche mit Glitzereffekt bis zu Umhängetaschen, auf denen, warum auch immer, mitten in Ostberlin, „I love Reeperbahn“ steht.

Das Dong-Xuan-Center gehört einem vietnamesischen Geschäftsmann und setzt sich aus lauter kleinen Im- und Exporthandelsbüdchen zusammen. Außerdem aus Nagelstudios und etlichen asiatischen Schnellrestaurants. Offiziell darf hier nur der Großhandel bedient werden, man braucht dazu einen Gewerbeschein, das steht auch auf den Schildern, die überall hängen. Es hält sich aber wohl niemand daran. Auch ich habe dort mühelos zwei grellbunte Packungen fernöstlichen Gewürzpulvers erworben, ohne eigenen Gemischtwarenladen im Rücken.

Das Zentrum besteht – laut Presseberichten – aus sieben (in Zahlen: 7) fensterlosen Hallen, in denen die Verkaufskabuffs sich aneinanderreihen. Und das scheint mir das größte Wunder am Dong-Xuan-Center zu sein. Denn die Halle, die auf dem Gelände rechter Hand als Erstes vor einem liegt, trägt die Nummer 8. Daneben befinden sich die Hallen 1 und 2. Auch die Hallen 3 und 5 habe ich nicht nur gesehen, sondern auch betreten. Während die Nummern 4, 6 und 7 nicht existierten. Oder hatte ich mich – juhu! – wieder einmal verirrt?

Erst nachdem das Dong-Xuan-Center als Insidertipp auf amerikanischen Travellerportalen aufgetaucht war, sprach sich seine Existenz in Berlin auch jenseits von Lichtenberg herum. Ein halbes Dutzend Freunde und Bekannte waren schon dort. Logisch, dass ich nun auch mal hinmusste. „Und, wie fandest du’s?“, wurde ich nachher gefragt. „Fantastisch!“, sagte ich, in dem authentischst klingenden Tonfall, den ich hinbekam.

06:00 18.10.2014
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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