Katja Kullmann
Ausgabe 2215 | 02.06.2015 | 06:00 6

„Brüste haben Superkräfte“

Interview Mit der Körbchengröße 75 F hat Annika Line Trost einiges erlebt. Nun schrieb sie ein Buch über wahre Größe

der Freitag: Frau Trost, Ihr Buch hatte einen bemerkenswerten Effekt auf mich. Als ich es in die Hände bekam, warf ich als Erstes die Google-Bildersuche an – und checkte Ihren Körper aus. „75F? Na, da wollen wir doch mal sehen ...“ Dutzende Fotos von Ihnen spannte ich dann ab. Ja, ich glotzte Ihnen ausschließlich auf die Brüste, geierte Ihnen voll in den Ausschnitt.

Annika Line Trost: Das kenne ich allzu gut. Unter anderem darüber habe ich ja geschrieben.

Nach all den Bildern kam ich zum Fazit: „Sooo schlimm ist es auch wieder nicht.“

Vielleicht, weil wir heute anderes gewohnt sind: die prallen Silikonbusen überall. Sooo schlimm waren meine im Vergleich dazu nie.

Jetzt sprechen Sie ja selber so! Eigentlich war das als Provokation gemeint. Finden Sie das Wort „schlimm“ denn nicht schlimm in diesem Zusammenhang? Das ist doch eine extrem sexistische, zynische Art, einen Frauenkörper zu betrachten.

Es kommt nicht auf das Wort an, sondern wie es benutzt wird. Neulich auf einer Party hörte ich das auch von einem Mädchen. Die hatte wohl ein B-Körbchen und meinte: „Ach, F ist eigentlich echt nicht schlimm.“

Das Angeglotztwerden ist jedenfalls der rote Faden Ihres Buchs.

Es ist keine Autobiografie. Sondern es sind Ausschnitte über Erlebnisse mit meinem Ausschnitt. Ich fände es schade, wenn diese Geschichten nicht erzählt werden. Ich glaube, dass viele Frauen Ähnliches erleben, ganz egal, welche Körbchengröße sie haben.

Frau mit wenig Busen: BMW – „Brett mit Warzen“.

Einem A-Körbchen ruft man auch mal „Hallo, Holland!“ zu, erzählte mir eine Freundin.

Was Ihre Brüste angeht, schreiben Sie von Ihren beiden „Mopswelpen“ – „so groß wie zwei Honigmelonen, so schwer wie vier Hefeweizen“.

Das ist doch ziemlich freundlich. Es wurde immer viel getuschelt und gezischelt. „Euter“, „Bälle“, „Quetschmänner“, „Twin Peaks“, „Gazongas“. Oder: „Du hast so schöne Augen.“ So viele andere Leute haben sich immer wieder ungefragt zu meinem Körper geäußert. Mit dem Buch hole ich mir die Deutungshoheit über meine Brüste zurück. Obwohl: Deutungshoheit klingt so theoretisch. Heute kann ich über vieles auch einfach lachen. Immerhin habe ich mit meinen Brüsten mehr spannende Dinge erlebt als etwa mit meinen Händen.

Die Erlebnisse reichen von Handwerkern, die Ihre Wohnung gar nicht mehr verlassen wollten, über Schmatzgeräusche und Pfiffe von Passanten bis zu dubiosen Castings für Werbespots und Fotostrecken.

Oder auch das: In Cafés hörte ich öfters Frauen am Nebentisch darüber beraten, ob meine Brüste frauenfeindlich seien.

Zur Person

Annika Line Trost, geboren 1977 in Berlin, spielt seit ihrer Jugend Schlagzeug und gründete 1998 mit der Musikerin Gina D’Orio das Elektropunk-Duo Cobra Killer. Als Journalistin schreibt sie bevorzugt über Musik, etwa in ihrer B.Z. - Kolumne Plattentrost . Sie hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie in Spandau

Foto: Hadley Hudson

Und zu welchem Ergebnis sind die Damen gekommen?

Ich schätze, die waren sich einig: „Geht gar nicht!“ Das ist schon absurd. Als ob ich mich als selbsternanntes Sexobjekt durch die Welt bewegt hätte. Als wären Brüste so was wie High Heels, die man aus dem Schrank holt, um sich aufzudonnern, und die man danach wieder reinstellt, wenn man keine Lust mehr darauf hat. Man hat seine Brüste nun mal, ob man jemanden im Krankenhaus besucht, ein Jobgespräch führt oder abends ausgeht.

Gerade Frauen müssten ja wissen, wie es ist, mit den Blicken auf diesen Körperteil.

Denke ich auch. Aber gerade von Frauen gab es oft diese Zuschreibung: dass ich sicher eine ganz Wilde bin, eine dominante, lüsterne Person, ein Partyluder.

Mit einer Fülle von Anekdoten führen Sie den alltäglichen Sexismus sehr anschaulich vor.

Ich sehen eben nicht ein, dass man Leuten mit Brüsten das Gehirn abspricht.

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Ja. Klar. Ich finde es seltsam, wenn Frauen sagen, sie seien keine Feministinnen. Alles, was ich tue, ob als Musikerin, als Autorin oder Gestalterin, alles, was ich als Künstlerin nach außen bringe, soll für sich sprechen. Ich bin nicht die große Welterklärerin. Ich will lieber etwas Konkretes kreieren, Geschichten erzählen. In diesem Sinne sind meine Sachen auf jeden Fall feministisch.

Als Autorin schreiben Sie auch für die „Bild“-Zeitung, die, nun ja, einen ganz eigenen Umgang mit Brüsten pflegt.

Ich habe als freie Autorin für die Bild am Sonntag mal mit Twiggy Kuchen gegessen, mit dem superdünnen Model aus den 60ern. Die fand ich immer toll, mir gefiel ihre Androgynität.

Der subversive Ansatz hat im Feminismus ja durchaus Tradition. Der Tonfall Ihres Buchs wiederum hat oft eine gewisse Schenkelklopferqualität. Befürchten Sie denn nicht, dass ausgerechnet Frauenhasser sich prächtig damit amüsieren?

Humor liegt mir einfach mehr, als eine große Anklage zu formulieren. Das hat sicher auch mit dem Selbstbewusstsein zu tun, das man gewinnt, wenn man älter wird. Ich denke, dass intelligente Menschen, wenn sie das alles lesen, merken, dass an den Brüsten immer auch ein Mensch dranhängt. Und dass sie dann beim nächsten Mal, wenn sie ein junges Mädchen in engem T-Shirt sehen, nicht mehr so hinstarren. Weil sie verstanden haben, dass das weh tut.

„Blicke können zwar nicht töten, aber sie können beißen“, schreiben Sie.

Die Glotzer tauchen im Buch als „Zombies“ auf. Oder auch als Gattung der „Tittentypen“.

Sie waren gerade mal elf, als ihre Oberweite Ihnen in die Quere kam.

Damals fingen sie an zu wachsen. Und sie hörten irgendwie gar nicht mehr damit auf. Eigentlich war ich eher ein Junge, bis dahin. Mit kurzen Haaren und einem Skateboard. Ich orientierte mich an meinem großen Bruder. Noch bevor ich die Idee interessant finden konnte, eine Frau zu werden, bekam ich meinen ersten BH verpasst. Von meinem Kinderarzt, aus medizinischen Gründen. Es war eine Art Sport-BH, den gab es quasi auf Rezept, weil mein Bindegewebe durch das explodierende Wachstum Risse bekommen hatte. Mein erster BH war für mich in etwa das Gleiche wie eine Zahnspange. Beim Sport, beim Rennen und später beim Pogotanzen als Punkmädchen waren die Brüste immer im Weg.

Was die verbalen Angriffe angeht: Haben Sie je versucht, sich dagegen zu wehren?

Es war einfach so stumpf immer. Hätte ich immer auf alles reagiert, wäre ich als schreiender, keifender, kratzender Mensch durch die Gegend gelaufen. Man kann nicht alle fünf Minuten stehen bleiben und blaffen: „Sag mal, spinnst du?“ Es ist schade, aber das geht nicht. Und es führt dazu, dass man einen Schutz um sich herum aufbaut. In meinem Fall war das ein schwerer Ledermantel. Mit dem lief ich auch im Hochsommer herum. Das war wie eine Rüstung. Ich habe mich darin richtig eingekapselt.

Dachten Sie mal an eine Brustverkleinerung?

Es lassen mehr Frauen ihren Busen verkleinern als vergrößern, habe ich mal gehört. Zwei Ärzte haben mir das mal vorgeschlagen, ganz ernsthaft und besorgt. Aber das kam für mich nie infrage. Ich finde es total okay, wenn andere Leute etwas an sich machen lassen, wenn sie unglücklich sind. Aber ich persönlich sah es nicht ein, an mir herumschnippeln zu lassen. Ich fand meinen Busen ja auch eigentlich schön. Jetzt, mit 38, nach zwei Kindern, hat er sich natürlich stark verändert.

Inwiefern?

Mein Unterbrustumfang ist von 75 auf 70 geschrumpft. Vor allem sind die Brüste inzwischen nicht mehr so pneumatisch wie früher. Sie knallen jetzt nicht mehr so „Ding, dong!“-mäßig heraus.

Noch eine Feminismusfrage zum Schluss: Hat sich der „männliche Blick auf den weiblichen Körper“ (Nicolaus Sombart) seit den 80ern wenigstens ein bisschen geändert?

Ehrlich gesagt: Ich glaube nicht. Vielleicht wird das Glotzen auch nie aufhören. Mir persönlich macht es heute nichts mehr aus. Mit dem Stillen habe ich meine Brüste ganz neu entdeckt. Es ist einfach schön, wenn du so in den Flow des Lebens gerätst … den weißen Milchflow. Meine Brüste haben Superkräfte. Genau wie Ihre. Alle Brüste.

Info

Die Premierenlesung zu Trosts Buch 75 F. Ein Buch über wahre Größe (Fischer, 256 S., 14,99 €) findet am 18. Juni in der Fahimi-Bar, Berlin, statt

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 22/15.

Kommentare (6)

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Ehemaliger Nutzer 02.06.2015 | 11:15

Es gibt noch einen anderen Blick auf Brüste.

Letztlich hatte ich ein längeres Gespräch mit einer alten Bekannten, lange nicht gesehen, da in einem entfernten Teil Europas lebend.

Wir kamen auf das Thema Vater-Tochter zu sprechen, kurz nach seinem Tod, welches bei ihr sehr kritisch war. Als Kind war sie Papas Liebling. Aber dann, sie nahm ihre Super-Kraft-Brüste, welche drei Kinder ernährt hatten, und bewegte sie demonstrativ:

"Ja, Papas Liebling, allerdings nur so lange ich nicht sichtbar eine Frau war."

Ihr Vater gehörte in die Abteilung hochintelligenter Frauenhasser. Meiner Erfahrung nach eine der schlimmsten Abteilungen, mit Auswirkungen bis hin zur Brustamputation wegen Krebs der ältesten lesbischen Tochter, die in der Familie Ersatz-Sohn spielen musste, da kein Sohn vorhanden ...